Geflüchtete in Libyen: Tausende harren vor UN-Gebäude aus
In Libyen leben bis zu 10.000 MigrantInnen und Flüchtlinge weiter auf der Straße. Sie waren eingesperrt worden, konnten aber entkommen.
Vergeblich warten sie auf medizinische Hilfe oder eine Mahlzeit. Im Dienst der Regierung stehende Milizionäre halten sie von dem Eingang des Geländes fern und auch die UNHCR-Mitarbeiter trauen sich offenbar aus Angst vor den Bewaffneten nicht, den Menschen zu helfen.
Begonnen hatte die humanitäre Krise mit einer großangelegten Razzia im Stadtteil Gargaresch. Am 2. Oktober waren nachts um 4 Uhr Panzerwagen aufgefahren. Aus Subsahara-Afrika stammende Menschen wurden von vermummten Uniformierten aus ihren Wohnungen und Gemeinschaftsunterkünften getrieben, gefesselt und mit Bussen und Pick-ups in Gefängnisse gebracht – mit Stacheldraht gesicherte Fabrikhallen, die wegen schlimmer Haftbedingungen eigentlich vor zwei Jahren geschlossen worden waren.
Am vorvergangenen Freitag waren bei einem Ausbruchsversuch aus einem Haftzentrum für MigrantInnen sechs Menschen erschossen und 24 weitere verletzt wurden. Die libyschen Behörden bestritten den Schusswechsel allerdings, über den die Internationale Organisation für Migration (IOM) berichtet hatte.
Gefangene brachen aus
Von MigrantInnen per Telefon gefilmte Szenen zeigen, mit welch brutaler Gewalt die Sicherheitskräfte vorgegangen sind. „Weil das Telefonnetz ausfiel und Schüsse fielen, herrschte Panik unter den auf die Straße getriebenen Menschen in Gargaresch. Wir wurden mit hinter dem Rücken zusammengebundenen Händen abgeführt“, berichtet der Nigerianer Artur der taz am Telefon.
Almoatassam Senoussi, Aktivist
Wie Tausende andere Festgenommene konnte der 28-Jährige bei einem von mehreren Gefangenenaufständen letzte Woche fliehen. Doch viele haben ihre von den UN ausgestellten Dokumente, ihre Handys und ihr Geld an die Milizen abgeben müssen. „Wir haben den Kontakt zu vielen registrierten Flüchtlingen und Migranten verloren, bestätigten UN-Mitarbeiter der taz.
UNHCR-Mitarbeiter in Tunis schätzen gegenüber der taz die Zahl der nun obdachlosen MigrantInnen und Flüchtlinge in Tripolis auf bis zu 10.000. Offizielle Zahlen gibt es nicht, da viele Menschen tagsüber als Tagelöhner arbeiten und sich nachts unter Brücken, in Parks oder auf Baustellen verstecken. Mit selbst gemalten Schildern haben die vor dem UNHCR-Hauptquartier ausharrenden Menschen in den vergangenen Tagen gegen die ausbleibende Hilfe von libyschen Behörden und internationalen Organisationen protestiert.
AktivistInnen helfen
Er habe keine internationalen UNHCR-MitarbeiterInnen gesehen, berichtet der 19-jährige Aktivist Almoatassam Senoussi der taz am Telefon. Mit einer kleinen Gruppe von Freiwilligen fährt Senoussi Menschen mit Schusswunden sowie Schwangere heimlich zu Ärzten in der Umgebung. „Wir müssen jede Fahrt von den Milizionären genehmigen lassen, sie sind wie viele Anwohner gegen die Migranten“, sagt der Journalist, „die Ärzte haben Angst vor Repressalien.“
Senoussi hat allein am Montag drei hochschwangere Frauen in eine Klinik gefahren. Er finanziert Lebensmittel- und Medikamentenhilfe mit privaten Spendengeldern. Über die mangelnde internationale Hilfe ist der Libyer empört. „Wenn das UNHCR nicht endlich eine große Hilfsaktion startet, könnten hier bald viele Menschen sterben. Direkt vor seinem Hauptquartier.“
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