Gefährliche Klimaerhitzung: Trinken, trinken, trinken
Für alte Menschen ist der Hitzesommer besonders gefährlich, in den Heimen fehlen Klimaanlagen. Frau Grabowski und Frau Theuer machen das Beste draus.
Auf dem Weg zu Frau Grabowski ganz am Ende des Ganges biegt Pfleger Colin Kepler scharf rechts in das Zimmer von Frau Braun ab. Frau Braun ist nicht da, Fenster und Tür stehen sperrangelweit offen. Immerhin sind die Außenjalousien runtergefahren. „Wir haben halt jetzt den Punkt am Tag erreicht, wo es draußen wärmer ist als drinnen“, sagt Kepler und schließt das Fenster. Genau genommen ist der Punkt schon ein bisschen her, es ist Donnerstagvormittag im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg, die 25 Grad sind überschritten. Auf dem weiteren Weg zu Frau Grabowki macht es sechsmal Rumms. Die Flurfenster, die zu Beginn der Frühschicht um 5.45 Uhr allesamt auf Kipp gestellt wurden, schließt Kepler im Vorbeigehen. Auch Monika Grabowski, die in ihrem Zimmer der Radioanalyse eines Bibelzitats lauscht, tut das vor offenem Fenster. Kepler fragt, ob er es zumachen darf, den Griff schon in der Hand.
„Haben Sie gut was getrunken, Frau Grabowski?“, fragt er. „Nicht viel, wenn ich ehrlich bin“, antwortet sie, vor ihr zwei Flaschen stilles Wasser, die eine halb leer. „Dann wissen wir ja, was wir jetzt zu Mittag machen“, sagt Kepler, hilft Grabowski in den Rollstuhl und fährt sie in den Küchenbereich. Die 86-Jährige hätte lieber Saft als Wasser, gerne Kirsch, aber bitte nicht Ananas. Saft gehe immer. „Ich sitze vor dem Wasser und denke, ach, trinkste nachher.“ Ob sie ansonsten gut klarkomme in diesem Hitzesommer? „Jaaaa“, sagt Frau Grabowski. „Ich tu ja nüscht.“ Sie lacht laut auf. „Wenn ich arbeiten müsste, dann säh das anders aus. Aber ich werd hin- und hergefahren, geh ins Bett und steh wieder auf, ich komm klar!“ Jetzt lacht Colin Kepler. „Wir schwitzen gerne für unsere Bewohner.“ „Wie bitte?“, sagt Frau Grabowski. „WIR SCHWITZEN GERNE FÜR SIE“, sagt Kepler. „Das ist mir recht“, sagt Frau Grabowski und trinkt den Kirschsaft, der ihr mittlerweile gereicht wurde.
Colin Kepler, hochgewachsen, kurze blonde Haare, ist Altenpfleger in der Seniorenstiftung Prenzlauer Berg. Fast 570 Menschen leben hier in vier Anlagen, 500 Mitarbeitende hat die Einrichtung insgesamt. Anders als sein Kollege Qorban Yosofi, der in der Küche gerade die dampfende Spülmaschine ausgeräumt hat, trägt Kepler kein nasses Kühltuch um den Hals. Die Geschäftsführung hat diese Kühltücher kürzlich erst angeschafft, auch über Nackenventilatoren für die Belegschaft wurde nachgedacht. Aber weil die zu sehr aussehen wie Haltegriffe, sei das zu gefährlich. Nicht, dass sich noch jemand daran hochziehen will. Yosofi füllt Götterspeise in kleine Schüsselchen, sein blaues Polohemd ist vom Kühltuch vorne ganz nass.
Regina Theuer, 85, wohnt in der Seniorenstiftung Prenzlauer Berg
Eine „kleine Linderung“ seien diese Tücher, sagt Colin Kepler. Zur Not könne man sonst auch mal in die Personaldusche springen – vorausgesetzt, die Zeit ist da. Was ihm an heißen Tagen wie heute auf dem Weg zur Arbeit durch den Kopf gehe? „Ich hoffe dann einfach, dass die Kollegen gute Vorarbeit geleistet und nachts auf den Gängen viel quergelüftet haben“, sagt er. Und dass der Tag so ruhig wie möglich wird, Hauptsache wenig rennen müssen, das wäre gut.
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Keine Klimaanlage in der Seniorenstiftung
Natürlich hätte er gerne, dass auch die Bewohner nachts ihre Fenster öffneten, „aber die dürfen auf ihren Zimmern natürlich machen, was sie möchten, die wohnen ja hier.“ Im Alter ändere sich bei vielen Menschen das Kälteempfinden, gerade Durchzug könnten viele einfach nicht ab. „Wir haben hier Bewohner, die möchten auch bei 36 Grad ’ne warme Decke haben oder Strickjacke tragen, und das akzeptieren wir selbstverständlich.“ Die dick eingepackten habe man dann besonders im Blick, wie auch die Leute, „die kreislauftechnisch sehr instabil sind“, oder diejenigen, die „Krankheitsbilder mit Trinkmengenbeschränkung“ haben. Darunter fallen zum Beispiel Herzinsuffizienz und Nierenerkrankungen. Aber grundsätzlich schaue man natürlich auf alle. „Und die schauen ja auch auf uns“, sagt Colin Kepler. Wenn er zum x-ten Mal eine Bewohnerin zum Trinken animiere, werde er auch schon mal mit der Frage „Und Sie???“ konfrontiert. Und von der Melone bleibe auch immer mal was übrig.
Wasser und Melone ohne Ende sind nur zwei der vielen Maßnahmen, die den Alten die Hitze erträglicher machen sollen. Zur Liste gehören außerdem: Handtücher aus dem Gefrierfach, Sprühflaschen, Ventilatoren, Fußbäder, leichte Betttücher, Kaltschalen, Eiskaffee. Zur Liste gehört nicht: eine Klimaanlage.
„Jaaa, das Thema Klimatisierung ist schwierig“, sagt Leif Rothermund. Der Einrichtungsleiter sitzt im schattigen grünen Innenhof unter einem riesigen Markisengestell. Sehr viel Geld habe das Teil gekostet, und jeden Monat müsse der Techniker kommen und es reparieren. In zwei Häusern habe man für jeweils 250.000 Euro Außenjalousien nachgerüstet. Aber die hielten die Wärme nun mal nicht komplett draußen.
Doch alle Bewohnerzimmer zu klimatisieren, sei wiederum ein so massiver Eingriff in Baukörper und Strukturen, „mit einem so extremen Kostenfaktor, das ist nicht sinnvoll, das in Bestandseinrichtungen zu tun“, sagt Rothermund. Die Finanzierung des Umbaus müsste außerdem das Land übernehmen. Das tue es aber nicht, weswegen die Baukosten auf die Bewohner umgelegt werden müssten, bei eh schon hohen Eigenanteilen. Tatsächlich sind nach deutschem Pflegerecht die Bundesländer zuständig für die Förderung der Investitionskosten. Diese Förderungen werden vielerorts jedoch nur teilweise übernommen.
Sprühnebel am Hühnergehege
Foto: Tina Eichner
Als Träger sei es zudem extrem zermürbend, sich durch die Dschungel der Förderprogramme zu schlagen. „Du willst einfach, dass es passiert, und nicht zwei Jahre lang Anträge bearbeiten und irgendwelche Evaluationen machen“, sagt Rothermund. Es sei außerdem mehr als fraglich, ob eine Vollklimatisierung so wünschenswert wäre. Rothermund habe mal in der vollklimatisierten Aachener Uniklinik gearbeitet, „da geht kein Fenster auf, es wird Sommer wie Winter mit der Klimaanlage gearbeitet“. Auch weil Temperaturempfinden wahnsinnig individuell sei, „ist das einfach keine Lösung für uns“. Grundsätzlich sind Klimaanlagen in deutschen Pflegeheimen bisher noch die Ausnahme.
Ein Thema für die nächsten Jahre seien eher punktuelle Kälteorte, sagt er. Klimatisierte große Aufenthaltsräume beispielsweise. Und wenn er sich etwas backen könnte? Rothermund lacht. „Einen Swimmingpool!“
Einem Swimmingpool vielleicht am nächsten kommt das kleine Sprühnebelsystem am Hühnergehege. Auch das ist recht neu, wurde zum Sommerfest vor ein paar Wochen installiert und seitdem nicht mehr abgebaut. Regina Theuer verweilt hier gerne, beobachtet die Hühner und hält dabei das Gesicht in die winzigen Wassertropfen. Draußen sei es an solchen Tagen wie heute allemal besser als drinnen, sagt die 85-Jährige. Ihr Zimmer auf der Ostseite heize sich schon morgens auf, sie verlasse es nach dem Frühstück und kehre erst abends wieder zurück. Ja, Trinken sei ein Problem, „im Alter hat man einfach keinen Durst mehr.“ Die ständigen Aufforderungen gingen ihr auf die Nerven, „aber es muss ja, es muss ja“. In ihrem langen Leben sei dieser Sommer 2026 der heißeste gewesen. „Das ist der Klimawandel, und wir bemerken das sehr.“
Eine Sache, von der sie sich nicht abbringen lässt, egal, wie hoch die Temperaturen sind, sind ihre Routinen. „Das Sportprogramm zum Beispiel“, sagt Theuer. „Das ziehe ich durch – eiskalt.“
Eine halbe Stunde zuvor, im großen Aufenthaltsraum: Sechs Seniorinnen und Senioren trainieren angeleitet von Anita Jädicke im Sitzen ihre Muskelpartien in Armen, Schultern und Rücken, Fünf-Kilo-Gewichte zu beiden Seiten. „Und jetzt die schweren Hanteln mal zur Seite legen und entspannt zur Ruhe kommen“, sagt Jädicke. Reihum sammelt sie die mit Reis gefüllten Säckchen wieder ein, trainiert wird nicht wirklich mit 5 Kilo, sondern eher mit 100 Gramm. Aber die Kursmitglieder sollen sich gerne vorstellen dürfen, sie seien in einer richtigen Muckibude, wo der Schweiß von der Decke tropft.
Foto: Tina Eichner
Wenn alles zu viel wird: „Schweine streicheln“
„Habt ihr Muskelschmerzen irgendwo?“, fragt Jädicke nach dem Cooldown. „Wir haben doch gar keine Muskeln mehr“, ruft Rudolf Plamper, 95 Jahre alt. „Dann gibt’s beim nächsten Mal schwerere Hanteln“, entgegnet Jädicke. „Und jetzt bitte seid so lieb, wenn ihr hochgeht. Trink…“ – „…en, trinken, trinken“, stimmen die sechs Sportler:innen in leicht ermüdetem Tonfall mit ein.
Nur einem regelmäßigen Teilnehmer sei es heute zu heiß gewesen für Training, sagt Jädicke, die ihre Übungen natürlich an die Hitze anpasst. Und wenn es gar nicht geht, bringt sie statt der „Hanteln“ Kniffel, Karten und Kühlpads mit oder gibt Kopf- und Nackenmassagen. Eine Teilnehmerin ist besonders froh, ihr Zimmer heute für den Kurs verlassen zu haben, 29 Grad seien es da drin, trotz Deckenventilator. Sie empfinde immer wieder eine Enge im Brustkorb. „Und wenn man schlafen will und es ist so stickig und man merkt, es kommt keine Luft … Da braucht es einfach eine Klimaanlage!“
Es gibt ein geflügeltes Wort in der Seniorenstiftung Prenzlauer Berg, und das lautet „Schweine streicheln“. Wenn alles zu viel wird, kann man die Lausitzer Mini-Schweine Molly und Paco besuchen, sie residieren hinterm Hühnergehege und sind überaus zutraulich. An ihnen zeigt sich außerdem, dass ein anderes geflügeltes Wort, nämlich „schwitzen wie ein Schwein“, nicht der Wahrheit entspricht. Schweine können nicht schwitzen, sie können auch nicht hecheln wie ein Hund. Und haben dazu auch noch empfindliche Haut. Sich im Wasser aufzuhalten, versuchen Molly und Paco ebenfalls zu vermeiden, die Tierpflegerin hat deswegen Futter in die kleinen Planschbecken geworfen.
Kreativ werden und Angebote schaffen, das gilt dieser Tage also für alle Bereiche des Hauses.
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