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Gefährliche „Ewigkeitschemikalien“PFAS: Die Ewigkeit soll enden

Europaparlament und EU-Chemikalienbehörde gehen gegen die PFAS-Stoff-Gruppe vor. Diese baut sich in der Umwelt praktisch nicht ab.

Auch im Wasser finden sich zuweilen PFAS: Katze trinkt aus einem Wasserhahn Foto: imago

Schon die Bezeichnung verrät das Problem: Ewigkeitschemikalien. Es geht um „per- und polyfluorierte Alkylverbindungen“, eine Chemikalien-Gruppe, die unter dem Akronym PFAS zusammengefasst wird: Sie werden synthetisch hergestellt, sind wasserabweisend, hitzebeständig, ausgesprochen stabil und zersetzen sich deshalb in der Umwelt nicht. „PFAS gelangen fortwährend in die Umwelt, werden dort kaum oder gar nicht biologisch abgebaut und reichern sich im Wasserhaushalt, in der Luft, in den Böden und in der Folge auch in der Nahrungskette an“, urteilt der Wissenschaftliche Dienst der Bundesregierung.

„Als Konsequenz davon tragen wir alle PFAS in unseren Körpern“, erklärt der Chemiker Thorsten Reemtsma vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung: Die Erkenntnis, dass PFAS die Gesundheit schädigen, sei durch intensive Forschung in den letzten Jahren stark gewachsen. „Eine jüngst veröffentlichte Studie listet 325 verschiedene Anwendungen auf“, sagt Reemtsma, der auch Professor für Analytische Chemie an der Universität Leipzig ist. Pfannen, Kochgeschirr, Tischdecken oder andere Textilien sind mit PFAS beschichtet, die Chemikalien werden in Pizzakartons, Sofabezügen, Zahnseide, als Imprägniermittel und Korrosionsschutz eingesetzt, ohne sie geht es heute in der Halbleiterherstellung, Automobil‑ und Luftfahrttechnik, ja sogar in der Medizin nicht mehr. Der Wissenschaftliche Dienst der Bundesregierung: „Schätzungen zufolge zählen zu den PFAS mehr als 10.000 im Handel befindliche Einzelstoffe.“

Dennoch hat die ECHA, die Chemikalienbehörde der EU, an diesem Donnerstag ein weitreichendes PFAS-Verbot empfohlen. „Die derzeit geltenden Regeln reichen nicht aus“, erklärte die ECHA mit Sitz in Helsinki und veröffentlichte zwei Risikoanalysen. Diese sollen Grundlage für einen Gesetzesvorschlag der EU-Kommission werden. Und auch das Europäische Parlament hat an diesem Donnerstag final grünes Licht gegeben, Gewässer in der EU künftig besser vor Chemikalien wie PFAS, aber auch Pestizide und bestimmte Schmerzmittel zu schützen. Die neuen Regeln müssen von den Mitgliedsstaaten bis Ende 2027 in nationales Recht umsetzt werden.

Der VDMA, Lobbyverband der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer, sieht durch ein Verbot „gesamte Produktionsprozesse im Maschinen- und Anlagenbau gefährdet – insbesondere neue Technologien der Energiewende“. Seit Jahren tobt eine Lobbyschlacht in Brüssel, große Chemiekonzerne wie BASF, Bayer und Chemours kämpfen als zentrale Akteure gegen Einsatzbeschränkungen bei den PFAS, genauso wie der Verband der Chemischen Industrie oder der „Verband der Kunststoffverarbeiter“. Das „Forever Lobbying Project“ hatte vor Jahresfrist den Umfang aufgedeckt, mit dem Konzerne versuchen politische Entscheidungsfindungen zu beeinflussen.

Ausnahmen empfohlen

„Für die meisten PFAS-Anwendungen gibt es längst Alternativen“, urteilt Julios Kontchou, Ökotoxikologe bei Greenpeace. Für die wenigen Anwendungsfälle ohne müsse die EU Anreize schaffen, Alternativen zu entwickeln. Tatsächlich empfiehlt jenes ECHA-Gremium, das sich mit wirtschaftlichen Auswirkungen eines PFAS-Verbotes auseinandersetzte: Wo Alternativen nachweislich fehlten, müsse es Ausnahmen vom Verbot geben.

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