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Gedenkstunde im BundestagErinnern an „Euthanasie“-Opfer

300.000 Kranke und Menschen mit Behinderung wurden in der NS-Zeit getötet. Als „Probelauf für den Holocaust“ bezeichnete Norbert Lammert die Morde.

afp | Der Bundestag hat am Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz der Opfer der sogenannten Euthanasie-Morde gedacht. „Zwischen Euthanasie und dem Völkermord an den europäischen Juden bestand ein enger Zusammenhang“, sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) am Freitag in der Gedenkstunde des Parlaments. Dem sogenannten „Euthanasie-Programm“ der Nationalsozialisten waren schätzungsweise 300.000 Menschen mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen oder unheilbaren Krankheiten zum Opfer gefallen.

Das Töten durch Gas sei als „Probelauf für den Holocaust“ zuerst bei Euthanasieopfern praktiziert worden, sagte Lammert in seiner Rede. Es wurde damit zum Muster „für den späteren Massenmord in den NS-Vernichtungslagern“. Mehr als hundert Ärzte, Pfleger und sonstige Beteiligte an den Krankenmorden, deren erste Phase 1941 geendet habe, „setzten ihr Tun bruchlos in den Vernichtungslagern für KZ-Häftlinge fort“.

Die Vorbereitungen begannen schon 1933, als die NS-Diktatur das „Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses“ erließ. Es erlaubte brutale Eingriffe in die Würde von behinderten Menschen. „In Dutzenden sogenannter Heil- und Pflegeanstalten mordete das medizinische Personal“, sagte Lammert weiter. Aufbegehren gegen die systematische Tötung vermeintlich „lebensunwerten“ Lebens habe es wenig gegeben.

Auch „eine Aufarbeitung fand lange Zeit nicht statt“, so der Bundestagspräsident. Erst 2007 habe der Bundestag das Zwangssterilisationsgesetz des NS-Regimes geächtet und erst vor kurzem sei dem Gedenken an die NS-Krankenmorde ein angemessener Rahmen verliehen worden: mit dem 2014 eröffneten „Gedenk- und Informationsort“ am Schauplatz der früheren „Zentraldienststelle“ – der Planungszentrale für die sogenannten Euthanasie-Morde – in Berlin-Tiergarten.

Während der Gedenkstunde las der Schauspieler Sebastian Urbanski den Brief eines damaligen Opfers vor. Urbanski, der unter dem Down-Syndrom leidet, spielt beim Berliner Rambazamba-Theaters. Auch Menschen mit dieser Genmutation waren von den Nationalsozialisten als „lebensunwert“ eingestuft worden. Gedenkreden hielten zudem Verwandte von zwei weiteren „Euthanasie“-Opfern.

Der 27. Januar ist der Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers von Auschwitz durch die sowjetische Rote Armee im Jahr 1945. Ein eigenes Gedenken dazu gibt es seit 21 Jahren, der damalige Bundespräsident Roman Herzog hatte dies initiiert.

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3 Kommentare

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  • Ich bin dankbar um den Artikel!

    Beim "(er) leidet" bin ich auch hängen geblieben. Die Familie und der Mensch mit Downsyndrom leidet unter den Rahmenbedingungen. Deren Verbesserung auch in Deutschland "Leid" ersparen könnte.

  • Wie weit die NS-Propaganda noch nachwirkt und die Vorurteile, Voreingenommenheiten und Erwartungshaltungen in der (nicht- inklusionserfahrenen) Begegnung mit "geistig Behinderten" mitbestimmt, zeigt die leider immer wieder gern gewählte Formulierung "sie/er leidet unter dem Down-Syndrom". Auch in diesem Artikel wurde sie wieder gebraucht. Die Nazis versuchten die "Euthanasie" damit zu rechtfertigen, dass sie nicht nur der Gesellschaft nütze, sondern auch den betroffenen "Leidenden" selbst ("Gnadentod"). Gerade z.B. ein Leben mit Down-Syndrom ist aber an sich kein Erleiden, sondern oft sehr "lebenslustig" und natürlich sehr lebens-wert, eben keine Krankheit, sondern einfach eine genetische Besonderheit. Leiden entsteht nicht durch diese, sondern wenn, dann durch die behindernde Gesellschaft!

    Sehr wohltuend, dass Sebastian Urbanski im Bundestag so selbstverständlich auftreten konnte.

  • Gut zu sehen, dass auch die „Euthanasie“-Morde wieder ein Schwerpunkt des 27.1. werden.

    Diese weitläufige Thematik wurde letztes Jahr mit einer sehr guten Wanderausstellung gut aufgearbeitet.