Galeria-Pleite in Berlin: Die Zeit nach dem Warenhaus
Das schleichende Ende von Galeria löst nur noch wenig Empörung aus. Die Stadt bereitet sich längst auf eine Zeit danach vor – mal mehr, mal weniger gut.
Foto: Anna Tiessen
Es ist wenig geblieben von der Aufregung, die die Pleite von Deutschlands größtem Warenhauskonzern einmal ausgelöst hat. Als Galeria am Freitag das mittlerweile vierte Insolvenzverfahren in sechs Jahren verkündete, gab es kaum Reaktionen aus der Politik. 2020 sah das noch anders aus, da kämpften Senat und Bund noch um jede einzelne Filiale, mit Millionenkrediten und zweifelhaften städtebaulichen Deals.
Wichtiger als die Frage, ob der dauerkriselnde Warenhauskonzern überhaupt noch gerettet werden kann, ist, was mit den Standorten passiert, wenn Galeria endgültig seine Pforten schließt. Immer noch sechs Filialen betreibt der aus Galeria-Kaufhof und Karstadt fusionierte Warenhauskonzern heute noch in Berlin.
Das Musterbeispiel: Galeria am Alexanderplatz. Einst galt die Filiale als bundesweit zweitumsatzstärkster Standort in Deutschland hinter München. Doch im Zuge der Sanierung des Konzerns kündigten die neuen Eigentümer, die US-Investmentgesellschaft NRDC und der deutsche Unternehmer Bernd Beetz im Juli an, die Profitabilität von 33 der bundesweit 87 Filialen überprüfen zu wollen. In Berlin stand die Filiale am Alex zusammen mit den Standorten am Ku'damm, am Hermannplatz und in Spandau auf der Abschussliste.
Bereits im April klagte die Immobilieneigentümerin Commerz Real über ausbleibende und unregelmäßige Mietzahlungen. Für die Immobilientochter der Commerzbank ist Galeria vor allem ein Risiko, das einer profitablen Entwicklung der Immobilie im Wege steht. Um Leerstand zu vermeiden, muss die Commerz Real Galeria bei den Mieten entgegenkommen.
Schreckenszenario Leerstand
Für den Bezirk hingegen wäre der Leerstand eines fünfgeschössigen Warenhauses an einem zentralen Ort wie dem Alexanderplatz ein städtebauliches Fiasko. Schließlich gilt Publikumsverkehr als wirksames Mittel gegen Verwahrlosung.
Ein Szenario, das der Senat möglichst vermeiden möchte. Das weiß auch die Commerz Real und bot dem Senat an, auf den Flächen des Warenhauses die Zentral- und Landesbibliothek einziehen zu lassen (ZLB). Laut einem am 17. September zwischen Senat und Commerz Real unterzeichneten Absichterklärung soll die ZLB ab 2030 in das Gebäude des Warenhauses einziehen können. Angestrebt wird, dass die Immobilie ins Eigentum des Landes übergeht.
Auch eine mögliche Schließung der Galeria-Filiale ändert an den ZLB-Plänen nichts. „Wir haben uns auf ein solches Szenario vorbereitet“, sagte ein Commerz Real Sprecher gegenüber dem Tagesspiegel.
Die Entscheidung des scheidenden Senats sehen auch die Grünen positiv: „Der Alexanderplatz hat größere Chancen mit der ZLB. Das ist ein ganz anderer Magnet als das Warenhaus“, sagte stadtentwicklungspolitischer Sprecher Julian Schwarze zur taz.
Geplatze Träume am Hermannplatz
Anders sieht es am Hermannplatz aus. Dort wollte die ehemalige Galeria-Eigentümerin Signa die Nachkriegsimmobilie durch einen monumentalen, dem Original aus den 1920er Jahren nachempfundenen Art-Decó-Bau ersetzen. Doch die Signa-Pleite machte den Plänen 2024 einen Strich durch die Rechnung. Der Senat hält nach wie vor an den umstrittenen Planungen fest, doch es findet sich kein Investor, der sie umsetzen will.
Die ehemalige Karstadt-Filiale dümpelt derweil vor sich hin. Die Verkaufsfläche wurde über die Jahre immer weiter verkleinert und durch Einzelhändler wie Lidl ersetzt. Einen Plan für die Zeit nach Galeria gibt es im Gegensatz zum Alexanderplatz nicht. Dabei gilt auch der Hermannplatz als sozialer Brennpunkt. Die Schließung des Warenhauses würde auch den übrigen Einzelhandel am Platz in Mitleidenschaft ziehen. „Warenhäuser sind klassisch die besten Nachbarn“, sagt Nils Busch-Petersen, Geschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg.
„Es wäre an der Zeit, sich Konzepte für Zwischennutzungen zu überlegen“, schlägt Grünen-Politiker Schwarze vor. Als Vorbild nennt er die ehemalige Globetrotter-Filiale im Steglitzer Kreisel. Dort bespielt das Künstlerkollektiv „Zeit ist Knapp“ die Flächen des ehemaligen Outdoor-Ladens mit Rollerdisco und Kunstausstellungen. Langfristig müsse man sich überlegen, was an dem Standort tatsächlich gebraucht wird, sagt Schwarze.
Kein Platz am Leo
Wie so ein Prozess aussehen kann, zeigt sich an der ehemaligen Karstadt-Filiale am Leopoldplatz, die schon Anfang 2024 ihre Pforten schloss. Seitdem steht das Gebäude – bis auf einen Lidl im Erdgeschoss – leer.
Ideen, was stattdessen in das Gebäude ziehen könnte, gab es schon viele. Der Bezirk Mitte war vor allem an Raum für soziale Angebote interessiert, um die Crack-Problematik auf dem Leopoldplatz in den Griff zu bekommen. Das „Karstadt Netzwerk Leo“, ein Bündnis aus lokalen Initiativen, fordert bezahlbare oder kostenlose Flächen für soziale, kulturelle und zivilgesellschaftliche Arbeit.
Doch mit der Eigentümerin, der Versicherungskammer Bayern, ist kaum eine dieser Ideen umsetzbar. Nach dem aufwendigen Umbau sollen lediglich 5 Prozent der Flächen für zivilgesellschaftliche Nutzung zur Verfügung gestellt werden. Der Rest ist ein Nutzungsmix aus Gewerbe, Büros, Einzelhandel und hochpreisigem Wohnen.
Hoffnung Warenhaus
Nils Busch-Petersen plädiert dafür, das Konzept „Warenhaus“ nicht zu früh totzusagen. „Es gibt weltweit erfolgreiche Warenhauskonzepte“, sagt Busch-Petersen, auch die Galerie-Filiale in Tegel „laufe super“. Grund für die Probleme Galerias sei vor allem das gedrückte Konsumklima, das noch unter dem Niveau von 2019 liege. „Der gesamte Handel leidet darunter“, sagt Busch-Petersen.
Leiden müssen unterdessen auch die rund 1.200 Galeria-Beschäftigten in Berlin. Eine Erklärung, ob sie im Oktober ihre ohnehin schon deutlich niedrigeren Löhne ausgezahlt bekommen, haben sie laut Verdi von der Geschäftsführung noch nicht bekommen.
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