G20-Gipfel und COP26: Der Ton wird fordernder

Die KlimaaktivistInnen werden zunehmend salonfähig. Das ist ermutigend, denn es braucht den politischen Willen, um die Erderwärmung zu bremsen.

Boris Johnson Puppe und ander Politikergestalten: Aktivisten protestieren

Befeuern den politischen Willen: KlimaaktivistInnen in Glasgow Foto: Andrew Milligan/dpa

Bei ihrer Abschiedsvorstellung bei der UN-Klimakonferenz am Montag blieb sich Bundeskanzlerin Angela Merkel treu: Sie sprach vor einem praktisch leeren Saal, gab einen kurzen Rückblick, einen Ausblick auf deutsche Projekte zum Waldschutz und zum Kohleausstieg in Südafrika und mahnte die Weltgemeinschaft, in Zukunft mehr zu tun. Solide, realistisch und ohne große Visionen.

Dafür wird sie von der globalen Klimagemeinde verehrt. Denn große Visionen, die ein paar Jahre später vergessen sind, hört man auf den COPs mehr als genug. Selten sind so viele Schaumschläger auf einem Fleck versammelt wie beim „Gipfel der Weltführer“, wo bei jedem „Die Zeit zum Handeln ist jetzt“ eine Milliarde Dollar ins Phrasenschwein gesteckt werden sollte. Die Zeit zum Handeln ist seit 30 Jahren, spätestens seit Paris 2015.

Aber in der Realität wurde in der Vergangenheit von zu vielen wichtigen Ländern doch eher gewartet und gefürchtet als gehandelt. Aber diese Rhetorik verschiebt sich gerade langsam in Glasgow. Da werden die zum großen Teil jungen DemonstrantInnen von vielen PolitkerInnen verbal umarmt und ihre Parolen als offizielle Sprachregelung ausgegeben. UN-Generalsekretär Guterres klingt mit jeder Rede und jedem neuen Klimabericht radikaler und verzweifelter.

Die Vorwürfe der armen Länder an die Adresse der Industrienationen bekommen breiteren Raum, sie klingen weniger schrill als früher, stützen sich auf Fakten und sind weder logisch noch moralisch zu widerlegen: Die Industrieländer haben ihre Zusagen gleich mehrfach gebrochen und müssen nachliefern. Das sind ermutigende Anzeichen. Denn ob Glasgow ein Erfolg wird, hängt weniger an den konkreten Details, die etwa zu Anrechungsregeln oder Zeitrahmen vereinbart werden.

Politischer Wille muss stärker werden

Diese Weichenstellungen sind für die Zukunft sehr wichtig, rufen aber Begeisterung nur in einer kleinen Gruppe von Klima-Nerds hervor. Wirklich wichtig wird die geplante „politische Erklärung“ zum Ende der COP. Darin wird sich zeigen, ob es einen neuen Schwung gibt, die alten Beschlüsse und Ziele endlich überall ernsthaft anzufangen. Alle betonen ja immer, es fehle nicht an Geld, Technik oder Ideen, um die Klimakrise zu bremsen – sondern an politischem Willen. Genau das kann und muss sich in Glasgow ändern.

Der G20-Gipfel in Rom vor der COP hat bei allen Enttäuschungen zumindest die Tür dafür geöffnet, weil sich dort alle Staaten zum Beispiel zum 1,5 Grad-Ziel und zur Klimaneutralität bekannt haben. Die britische Konferenzleitung setzt beim Waldschutz, dem Kampf gegen kurzfristige Klimakiller wie Methan oder dem Aus für Kohle und Verbrennungsmotor ebenfalls stark auf politische Erklärungen und Allianzen. Wenn Glasgow ein breites Signal sendet, dass es endlich überall ernsthaft losgeht, dann ist schon viel gewonnen.

Wir ertragen weitere Reden, die beginnen mit „die Zeit zum Handeln ist jetzt“ nur dann, wenn die Zeit zum Handeln wirklich jetzt ist. Und die Milliarden aus dem Phrasenschwein spenden wir für die Klimahilfen zur Anpassung an den Klimawandel.

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Jahrgang 1965. Seine Schwerpunkte sind die Themen Klima, Energie und Umweltpolitik. Wenn die Zeit es erlaubt, beschäftigt er sich noch mit Kirche, Kindern und Konsum. Für die taz arbeitet er seit 1993, zwischendurch und frei u.a. auch für DIE ZEIT, WOZ, GEO, New Scientist. Autor einiger Bücher, Zum Beispiel „Tatort Klimawandel“ (oekom Verlag) und „Stromwende“(Westend-Verlag, mit Peter Unfried und Hannes Koch).

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