Furcht vor Wiederkehr des Virus: Jetzt meiden Chinesen Ausländer

Was für eine Wendung: Chinas Gesellschaft bangt es jetzt trotz niedriger Infektionszahlen erneut vor Corona – durch Besucher aus dem Ausland.

Mann lehnt an seinem Auto

Wächter an Eingang zum Dorf Zhuishikou nördlich von Peking: Ausländer sind hier unerwünscht Foto: Fabian Kretschmer

PEKING taz | Das Landmark Hotel in Pekings Zentrum ist ein futuristischer Betonklotz. „Die Zimmer sind klein, aber die Betten sehr komfortabel“, schreibt ein früherer Besucher bei Trip Advisor. Ein anderer bewertet das Vier-Sterne-Hotel mit nur einem von fünf Punkten: „Im Botschaftsviertel gelegen. Nicht viel los in der Gegend.“ Die derzeitigen Gäste dürfte jedoch weder die Lage besonders stören noch das Frühstücksbuffet oder die Ausstattung des Spa-Bereichs. Denn freiwillig sind sie nicht hier.

An diesem sonnigen Montagmittag fährt eine Notfallambulanz auf den leeren Parkplatz. Wer sich dem Eingang zur Lobby nähert, wird von zwei Männern in schwarzer Kleidung mit ausgestreckter Hand gebremst: „Bleiben Sie, wo Sie sind. Das ist kein Hotel, das ist die Regierung“, sagt einer.

Den Blick in die Lobby kann er jedoch nicht verhindern: Männer sind dort von Kopf bis Fuß in medizinische Schutzkleidung gehüllt. Ihre Gesichter sind hinter Atemschutzmasken versteckt. Eine Szene wie aus einem Science-Fiction-Film.

Seit Montag ist das Hotel für 14 Tage Quarantäneheim für alle nach Peking Einreisenden aus dem Ausland. Egal, ob sie aus dem Krisengebiet Italien anreisen oder aus dem mit nur 63 Coronainfizierten betroffenen Russland: Jeder muss dort seine Zeit in einem Einzelzimmer absitzen, das er die gesamte Zeit nicht verlassen darf.

Vom deutschen Auswärtigen Amt heißt es, Chinas neue Quarantäneregelung sei „ohne Erläuterung“ verkündet und über Nacht gültig geworden: „Die Botschaft bemüht sich, Näheres in Erfahrung zu bringen.“

Bauer über Besucher

„Wir haben Angst vor Ausländern, wer weiß, woher die kommen“

Nur 16 Neuinfektionen hat Chinas nationale Gesundheitskommission am Montag vermeldet, ein für das bevölkerungsreichste Land der Welt verschwindend geringe Zahl. Der Kampf gegen das Virus scheint vorerst gewonnen. Doch gibt es jetzt eine neue Sorge: importierte Fälle aus dem Ausland. Seit dieser Woche gibt es mehr Coronatodesfälle außerhalb Chinas als innerhalb.

Würde es sich um einen Katastrophenfilm handeln, wäre die jetzige Entwicklung ein aberwitziger Plot-Twist, der selbst den tollkühnsten Drehbuchschreibern nicht einfallen könnte: Die Profifußballmannschaft aus Wuhan, der Heimat des Coronavirus, hat ihr temporäres Trainingslager in Spanien wegen der sich dort verschlimmernden Epidemie abgebrochen und ist nach China zurückgekehrt.

Jetzt verschickt China Masken

Der US-Tech­nik­riese Apple hat inzwischen alle seine Flagship-Stores geschlossen – bis auf die im chinesischen Festland. Und Chinas Kommunistische Partei spendet Italien medizinisches Material. „In der Anfangsphase haben wir Masken aus Deutschland bekommen. Jetzt versuchen wir Masken aus China nach Deutschland zu schicken“, sagt der Vertreter einer deutschen Firmen.

Fotos in sozialen Medien zeugen von Auslandschinesen, die in langen Schlangen an den Einreiseschaltern des Pekinger Flughafens warten. Sie wollen zurück in ihre Heimat, nachdem sie sich in Europa und Amerika nicht mehr sicher fühlen.

In Peking berichten Ausländer, dass auffällig viele Chinesen jetzt auf der Straße einen weiten Bogen um sie machen. Die Staatsmedien berichten von der Wiedereröffnung des Xiaotangshan-Krankenhauses – eines Feldspitals, das 2003 Sars-Patienten behandelt hatte. Nun wird es nur für aus dem Ausland kommende Coronafälle genutzt.

„Halten Sie Abstand“, sagt ein Mann mit roter Kappe. Er steht vor der Dorfeinfahrt der Zhui­shi­kou-Gemeinde, die eine Stunde nördlich der chinesischen Hauptstadt zwischen kargen Berghängen, Apfelbaumfeldern und Gräbern aus der Ming-Dynastie liegt.

„Wer weiß, woher die Ausländer kommen?“

Das 300-Einwohner-Dorf wird von einem kleinen Fluss umkreist, was es wie eine Burgfestung aussehen lässt. Ein stimmiger Vergleich: Am Dorfeingang mustert eine ältere Frau den deutschen Reporter argwöhnisch, ein Bauer sagt: „Wir haben Angst vor Ausländern, wer weiß, woher die kommen.“

Das kurze Gespräch mit dem Dorfwächter ergibt: Seit Ende Januar ist Zhuishikou vollständig von der Außenwelt abgeriegelt, niemand außer den Anwohnern darf den Ort betreten. In drei Schichten arbeiten die Senioren rund um die Uhr.

Langweilig sei sein Dienst schon, sagt der Chinese, aber was könne man schon machen. Dann fährt eine Frau im BMW die Straße entlang. Der Mann mustert das Nummernschild, misst die Körpertemperatur der Fahrerin und lässt sie schließlich passieren.

Der nächste geöffnete Lebensmittelmarkt ist fünf Autominuten entfernt in einem Nachbardorf, das sich ebenfalls abgeriegelt hat. Auf einem roten Propagandabanner prangt der Slogan: „Den Kampf gegen das Virus gewinnen wir!“

Ein Wächter in brauner Steppjacke erklärt: „Nur ein einziger Infizierter wäre ein Desaster für unser Dorf. Die Quaran­täne-Maßnahmen sind das Beste für mich und auch die Gesellschaft als Ganzes.“

Schon bald mischt sich Zhang Xuequi in die Unterhaltung, eine Dorfärztin in weißem Kittel. Sie sagt: „Sie sind nicht willkommen hier, schließlich haben wir keine Ahnung, woher Sie kommen.“ Im Ausland sei der Ausbruch des Virus viel schlimmer als in China.

Einmal zahlen
.

■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

Bis zu 70 Prozent der Bevölkerung in Deutschland könnten mit dem Coronavirus infiziert werden, so heißt es in Schätzungen laut Robert-Koch-Institut. Es sei allerdings unklar, über welchen Zeitraum dies geschehen werde.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits zu befürchten ist. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte haben sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit soll der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Die Regeln sollen mindestens für zwei Wochen gelten und sind in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich ausgestaltet. Dazu gehören:

■ Außerhalb des Hauses darf man sich nur noch allein, maximal aber zu zweit aufhalten oder „im Kreis der Angehörigen des eigenen Hausstands“. In Bayern, Berlin, Brandenburg, Sachsen und dem Saarland sind die Regeln strenger. Hier braucht es einen „triftigen Grund“, um die Wohnung zu verlassen. In der Sonne zu sitzen etwa gehört da nicht dazu.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Weiter möglich bleiben der Weg zur Arbeit, zur Notbetreuung, Einkäufe, Arztbesuche, Teilnahme an erforderlichen Terminen, die Hilfe für Kranke oder individueller Sport und Bewegung an der frischen Luft.

Friseursalons und Restaurants müssen geschlossen bleiben - nur Lieferungen und der Verkauf außer Haus ist erlaubt. Sowohl Anbietern als auch KundenInnen drohen sonst Strafen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen veröffentlicht das Robert-Koch-Institut.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

taz bewegung logo

Gerade jetzt gilt es dran zu bleiben, wo nötig Widerspruch einzulegen und praktische Solidarität zu üben. Jetzt gilt: Handeln statt Hamstern!

taz Bewegung sammelt Ideen der Solidarität in Zeiten der Coronakrise.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben