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Frischer Konflikt mit alten Wurzeln

Ausgerechnet in Zeiten wie diesen müssen Polen und die Ukraine miteinander streiten. Grund ist dieunterschiedliche Perspektive auf über 80 Jahre alte Ereignisse

Von Kai Struve

In den letzten Wochen hat sich eine der schwersten Krisen in den polnisch-ukrainischen Beziehungen entwickelt – und dies nicht über gegenwärtige, sondern über historische Fragen. Sie begann Ende Mai damit, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj einer militärischen Spezialeinheit den Beinamen „Helden der UPA“ verlieh, was in Polen als Provokation empfunden wurde. Die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) wird dort vor allem in Verbindung mit dem brutalen Massenmord 1943 an mehreren zehntausend Polen in Wolhynien, einer Region in der heutigen Westukraine, erinnert.

Was Selenskyj dennoch zu der späten Ehrung veranlasst, ist die Tatsache, dass seine Landsleute die UPA in erster Linie als Teil des ukrainischen Unabhängigkeitskampfs betrachten. Die Partisanen kämpften seit Anfang 1943 nicht nur gegen die Soldaten aus Nazideutschland, sondern vor allem gegen die erneute sowjetische Besetzung der Westukraine im Jahr 1944.

Im Zuge des Eklats entzog der polnische Präsident Karol Nawrocki Selenskyj den polnischen Orden des Weißen Adlers, der ihm von seinem Amtsvorgänger Vorgänger Andrzej Duda erst drei Jahre zuvor verliehen worden war. Selenskyj und weiten Teilen der ukrainischen Öffentlichkeit erschien dies wiederum als Ausdruck fehlenden Res­pekts und mangelnder Anerkennung für die enormen Leistungen, Leiden und Opfer der Ukrai­ne im Krieg gegen Russland, von denen nicht zuletzt Polen profitieren würde. Selenskyj reagierte wenig beschwichtigend und schickte seinen Orden per Post zurück nach Warschau. Viele ukrainische Politiker, darunter auch die ehemaligen Präsidenten, folgten seinem Beispiel.

Zusätzlichen Zündstoff in diesem Geschichtskonflikt lieferten schließlich die ukrainischen Vorbereitungen für einen nationalen Pantheon, faktisch eines staatlichen Ehrenfriedhofs für bedeutende Personen der ukrainischen Geschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart, den das ukrai­ni­sche Parlament Ende Juni beschloss. In Polen entstand daraufhin der Verdacht, dass das eigentliche Ziel dieses Vorhabens darin bestehe, Kommandeure der UPA oder auch Stepan Bandera, die umstrittene Symbolfigur des radikalen ukrainischen Na­tio­na­lis­mus, in das Pantheon zu integrieren. Das neue Gesetz nennt zwar keine konkreten Personen, wohl aber die UPA als eine der militärischen Formationen, deren Repräsentanten berücksichtigt werden sollten.

Nawrockis Umfragewerte stiegen nach dem Entzug des Ordens für Selenskyj beträchtlich an. Dabei blieb es aber nicht. Polnische Politiker drohten mit einer Blockade des ukrainischen EU-Beitritts. Der Vorsitzende der Oppositionspartei PiS, Ja­ro­sław Kaczyński, schrieb den Parteimitgliedern am 1. Juli in einem Brief, dass „die Ukraine mit dem Kult Banderas und anderer Verbrecher und der Glorifizierung von UPA und OUN (Organisation ukrainischer Nationalisten) der Euro­päi­schen Union nicht beitreten wird! Wenn wir die Wahlen gewinnen, werden wir dies nicht zulassen.“ Kaczyński dürfte hier an 2015 anknüpfen wollen. Damals hatte der Vorwurf der PiS gegen den Präsidenten Bronisław Komorowski und die Regierung, aus Rücksicht auf die Ukraine die Geschehnisse in Wolhynien 1943 nicht als Genozid zu bezeichnen, zum Wahlsieg der PiS bei den Wahlen beigetragen. 2016 erklärte die neue Mehrheit im Sejm die Morde an Polen zum Genozid und den 11. Juli zum „Nationalen Gedenktag für die Opfer des von den ukrainischen Nationalisten an den Bürgern der polnischen Zweiten Republik begangenen Völkermords“. Anlass gab damals unter anderem, dass in der Ukraine nach dem Euro-Maidan 2015 ein Gesetz die UPA und ihre Veteranen als Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit anerkannte. Daran knüpft auch das jüngste Gesetz über das nationale Pantheon an.

Dementgegen ist die polnische Regierung unter Donald Tusk vielmehr bestrebt, den Konflikt zu mäßigen. Die Mitte-links-Koalition in Warschau sieht das vorrangige polnische Interesse in einer Stärkung der Ukraine gegenüber der russischen Aggression und einer Heranführung der Ukraine an die EU. Nachdem Selenskyj, dem ein geringes Verständnis für die polnischen Empfindlichkeiten und Wissen über die entsprechenden historischen Fragen nachgesagt werden, den Konflikt zunächst durch die Rücksendung des Ordens und die Vorbereitungen des Pantheon verschärft hatte, finden endlich Beratungen zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Außenminister statt, und es gab von ukrainischer Seite Ini­tia­ti­ven für einen gemeinsamen Dialog über die historischen Fragen.

Kai Struve

ist Forschungs­gruppenleiter am Mykola-Haievoi-­Zentrum für moderne Geschichte an der LMU München und der ­Ukrainischen ­Katholischen ­Universität in Lwiw.

Die schwierige Mission ist, die gegensätzlichen Perspektiven in Einklang zu bringen. „Wolhy­nien ’43“ ist in der polnischen Öffentlichkeit zu einem zentralen Symbol des polnischen Marty­riums während des Zweiten Weltkriegs geworden. In der Ukraine aber wird die UPA in erster Linie mit dem Widerstand gegen das nationalsozialistische Deutschland und vor allem gegen die Sowjet­union in Verbindung gebracht. Tatsächlich begann mit der UPA der militärische Widerstand der von Stepan Bandera geführten OUN gegen die deutsche Besatzung 1943 zunächst in Wolhynien, das durch zahlreiche Wald- und Sumpfgebiete günstige Voraussetzungen für den Partisanenkrieg bot. Die Zusammenarbeit der Bandera-OUN mit den Deutschen war schon wenige Wochen nach dem deutschen Angriff auf die Sowjet­union vorbei, als Bandera sich weigerte, die von der OUN am 30. Juni 1941 in Lemberg verkündete ukrai­nische Staatsgründung zurückzunehmen, und deshalb wenige Tage später von der Gestapo festgenommen wurde, wo er bis zum Herbst 1944 blieb.

In den Monaten nach Beginn des Widerstands kam es zu einer komplizierten Überlagerung von Konflikten zwischen der UPA, den deutschen Besatzern, sowjetischen Partisanen und dem polnischen Untergrund, der an der Zugehörigkeit Wolhy­niens und Ostgaliziens zum polnischen Staat festhielt. Das Ziel der UPA war die „ethnische Säuberung“ Wolhyniens von Polen durch Massenmord und Terror. Schätzungsweise 40.000 bis 60.000 Polen fielen den Morden zum Opfer. Umgekehrt gab es auch eine beträchtliche Zahl ukrainischer Opfer von Gewalttaten des polnischen Untergrunds. Ihre Zahl wird auf mindestens 15.000 geschätzt, wobei der größere Teil nicht in Wolhynien und Galizien zu Tode kam, sondern in den westlichen polnisch-ukrainischen Grenzregionen, in denen der Konflikt bereits 1942 begonnen hatte und bis 1947 andauerte.

Zudem forderten die Kämpfe des ukrainischen Widerstands gegen die erneute sowjetische Besatzung ab 1944 zehntausende Tote auf beiden Seiten. Erst Anfang der 1950er Jahre betrachteten die sowjetischen Sicherheitsorgane den ukrainischen militärischen Widerstand als besiegt. Gut 200.000 Ukrainer wurden unter dem Verdacht, dem Widerstand anzugehören, ins Innere der Sowjet­union verschleppt. Begleitet wurde das sowjetische Vorgehen von einer Propagandakampagne, die die ukrai­ni­schen Nationalisten und die UPA als faschistische deutsche Marionetten beschrieb. Solche Motive blieben auch in den folgenden Jahrzehnten in sowjetischen Darstellungen bestimmend. Die Verbrechen an Polen wurden dabei kaum thematisiert, nur die gegen prosowjetische Ukrainer.

Wolhynien ’43 ist in Polen zu einem Symbol des Martyriums geworden. In der Ukraine aber wird die UPA mit dem Widerstand gegen Nazi­deutschland verbunden

In der Westukraine war es wiederum eine Fortsetzung des Widerstands, eine positive Erinnerung an die UPA zu bewahren. Eine kritische Auseinandersetzung mit Verbrechen an Polen blieb in der Ukrai­ne nach der Unabhängigkeit 1991 noch lange auch dadurch blockiert, dass das sowjetische Narrativ über die UPA und die ukrainischen Nationalisten als faschistische deutsche Kollaborateure in den innenpolitischen Konflikten in der Ukraine weiterhin eine Rolle spielte. Prorussische Kräfte um Präsident Viktor Janukowitsch nutzten die Erzählung um politische Gegner, die in der UPA in erster Linie Kämpfer für die ukrai­ni­sche Unabhängigkeit sahen, zu diskreditieren, und damit letztlich die russischen im­pe­ria­len Absichten durchzusetzen. Es zeigte sich auch noch in Wladimir Putins Vorwurf, mit dem er den Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 rechtfertigte, dass die Ukraine von einem „Naziregime“ regiert werde. Größeres Wissen über die umstrittenen Fragen im Verhältnis zu Polen hat sich in weiten Kreisen der ukrainischen Öffentlichkeit nur sehr zögerlich verbreitet.

Letztlich scheint ein Ausweg aus dem polnisch-ukrainischen erinnerungspolitischen Gegensatz nur durch breiteres gesellschaftliches Wissen über die Geschichte der UPA und die Anerkennung der Ambivalenzen ihrer Geschichte in beiden Ländern möglich. Für die polnische Seite müsste dies heißen, die UPA und die polnisch-ukrainischen Beziehungen in der Phase der Weltkriege nicht nur auf Wolhynien ’43 zu reduzieren, für die ukrainische Seite hingegen, in die Erinnerung an die UPA neben ihrem Kampf für die Unabhängigkeit auch die Anerkennung ihrer Verbrechen und ihre Opfer aufzunehmen.

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