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Freundschaft im AlterDrei von der Grabstelle

Damals gingen sie vielleicht nebeneinander die Gleise entlang. Heute führt ihr gemeinsamer Weg sie zum Grab des einen, der nicht mehr dabei sein kann.

Illustration: Donata Kindesperk/ taz

P ünktlich wie immer“, lippenlese ich im Vorbeigehen. Der Mann im dunklen Mantel umarmt nacheinander zwei andere Männer vor dem Georgen-Parochial-Friedhof in der Greifswalder Straße in Berlin-Prenzlauer Berg. Frühling liegt in der Luft.

Hinter der Friedhofsmauer werden die Straßentöne schlagartig verstummen. Ich bin selbst erst einmal hier gewesen. Einfach, um zu sehen, was das für ein Friedhof ist. Neben dem Eingang gibt es ein Café. Das kam mir charmant vor. Ein Ort der Nicht-Trauer. Über den Gräbern werden Vögel singen.

Der erste Mann klopft sich den Staub der Straße von den Schultern, obwohl da vermutlich nichts ist. Er trägt einen Strauß Blumen, in weiße Folie gewickelt. Die anderen beiden haben ihre Blüten ohne Verpackung dabei. Die Männer praktizieren ein rituelles Umarmen, viele Worte braucht es nicht. Hände klopfen auf Rücken.

Früher, so stelle ich es mir vor, als ich an ihnen vorbeigehe, trugen sie Jeansjacken über schlanken Silhouetten. An den Händen hatten sie noch das Öl der Maschinen, Schnauzbärte im Gesicht, ein Lächeln darunter. Auch damals roch es nach Frühling.

Schnauzbärte sehe ich auch heute noch. Nur die Bäuche sind runder und die Haare unter den Mützen lichter.

Ich gehe hinüber zur Straßenbahnstation. Von hier aus sehe ich, wie der eine seine Blumen von der Folie befreit. Zusammen gehen die drei durch das Tor. Nebeneinander, wie sie es seit damals tun, als sie die Gleise entlang liefen, in die Abenteuer ihrer Leben. Nur dass einer, der Vierte, den Zug nicht kommen sah.

Auf dem Weg sprechen sie wenig. Am Grab umarmen sie sich wieder.

Und stellen sie sich jedes Jahr dieselbe Frage, ohne sie laut auszusprechen: Wer von uns wird eines Tages allein hier stehen? Wer wird der Letzte sein, der Blumen für die anderen bringt?

Meine Straßenbahn kommt, ich steige ein. Am Abend sehe ich „Stand by Me“ auf DVD und rufe meine ältesten Freunde an.

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