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Das zukünftige Ex-RadNoch eine Abschiedsrunde drehen

Was hat man nicht alles gemeinsam erlebt! Sich vom liebgewonnenen Fahrrad zu trennen, fühlt sich so an, als würde eine Liebesbeziehung zu Ende gehen.

Illustration: Donata Kindesperk/taz

K latschnass sind wir. Seit fünf Stunden fahren wir über Landstraßen und Nebenwege im Regen. Vor meinen Augen laufen Wasserströme, als befände ich mich hinter einem Wasserfall. Unser Ziel, die italienische Stadt Trento, ist nicht mehr weit entfernt. Die Alpen haben wir bereits überquert.

Abgesehen von diesem einen Mal im September 2020 machen wir uns sonst immer im Sommer auf den Weg. Vielleicht deshalb denke ich beispielsweise an den Geruch der Wiesen, mit meinem eigenen Schweiß vermischt, an die Insekten, die mir in die Augen fliegen, und an den ersten Schluck eines kalten Biers in einer Unterkunft, wenn ich an mein Fahrrad denke.

Es ist ein billiges Rad, ein Mountainbike für Menschen, die – wie ich – kein Geld für ein fancy Modell haben, jedoch erleben möchten, wie es sich anfühlt, auf eigene Faust unterwegs zu sein.

Während des ersten Lockdowns hatte ich es noch mit meinem alten Damenrad innerhalb des Berliner Rings getestet. Als ich dann mit dem neuen Rad von Händlern in Lichtenberg zu mir in Neukölln fuhr, fühlte sich das Fahren wie fliegen an.

Wir fuhren mit Zügen, Bussen, großen Fähren, wie denen, die Rostock und Gedser in Dänemark verbinden, und mit kleinen, die von einer Insel zur anderen über den Tegeler See fahren. Drei Länder und viele Regionen Deutschlands erkundeten wir zusammen.

„Warum besorgst du dir nicht ein neues?“, werde ich oft gefragt. Bis jetzt wollte ich aber mir kein Rad mehr kaufen, auch wenn ich immer wieder zu hören bekommen, dass sich eine Reparatur nicht mehr lohnen würde.

Dieses Jahr wird mir zum ersten Mal klar, dass ich „so“ nicht losfahren kann … Es fühlt sich an wie eine langjährige Liebesbeziehung, die vor einem Ende stehen könnte. Soll ich alles daran setzen, sie zu retten oder akzeptieren, dass es vorbei ist und einfach mit ihm, mit meinem zukünftigen Ex-Rad, eine Abschiedsrunde durch den Kiez drehen?

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Luciana Ferrando
Jahrgang 1978, ist freie Autorin. Fast 10 Jahre lang war sie in verschiedenen spanischsprachigen Redaktionen, Zeitungen und Magazinen in ihrem Heimatland Argentinien tätig. Im Jahr 2008 migrierte sie nach Deutschland. Seit 2015 schreibt sie unter anderem Porträts, Reportagen und Kolumnen für deutsche Medien wie die taz, am liebsten über Stadtleben, feministische Themen, Kulinarisches und die Liebe. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Foto: Naïma Erhart
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