Frauensolidarität per Telegram: Selbsthilfe gegen Mackerverhalten

Per Telegram-Gruppe vernetzen sich in Bremen belästigte Frauen*. Lotta fand so heraus, dass der Mann, der sie stalkte, ein Wiederholungstäter war.

An einem Fahrradlenker ist ein gelber Gummiigel befestigt

Mancher Stalker finden es attraktiv, wenn Frauen ihre Stacheln ausfahren Foto: Friso Gentsch/dpa

BREMEN taz | Letztes Jahr im Sommer war Lotta mit ein paar Freun­d*in­nen in einer Bar im Bremer Viertel und kam dort mit einem Mann ins Gespräch. „Dieser Typ hat mich angeschnackt und hat mich provoziert und gegen Ausländer und Geflüchtete gewettert. Und ich war betrunken und hatte irgendwie auch Spaß daran, mit ihm zu diskutieren“, erzählt sie. „Ich habe ziemlich heftig diskutiert und mich aufgeregt.

Und da hat er mich schon so angemacht und gesagt: ‚Es ist so süß, wenn du dich aufregst, Honey, das ist so sweet.‘ Und ich habe immer gesagt: ‚Lass es.‘ Und er hat es nicht gelassen. Und dann hatte ich irgendwann keinen Bock mehr und habe gesagt: ‚Ich habe keinen Bock mehr, mit dir zu reden.‘ Und bin mit meiner Gruppe gegangen.“

Der Mann verließ die Bar. Später, als Lotta mit dem Fahrrad nach Hause fahren wollte, fuhr sie zufällig an ihm vorbei. Der Mann stieg auf sein Fahrrad und folgte ihr. Am Anfang rief er ihr nur hinterher. Lotta wollte ihn abwimmeln, sie war müde und betrunken und wollte nach Hause. Er wollte aber unbedingt ein Gespräch anfangen. Sie sagte, er solle sie in Ruhe lassen.

Als sie fast zu Hause war, wollte sie nicht, dass er weiß, wo sie wohnt. Sie blieb an einer Kreuzung stehen, woraufhin er sich ihr mit seinem Fahrrad in den Weg stellte. „Ich habe mehrmals gesagt: Jetzt lass mich doch einfach nach Hause gehen, ich will keinen Kaffee mit dir trinken, ich will dich nicht kennenlernen, lass mich in Ruhe.“

Der Mann lässt nicht locker

Er gab nicht nach.

„Jetzt geh mir aus dem Weg, du stehst vor meinem Fahrrad.“

Er sagte: „Wenn du mir deine Handynummer gibst, dann gehe ich.“ Um ihn loszuwerden, gab sie ihm schließlich ihr Handy und forderte ihn auf, dort seine Nummer einzutippen. Er tippte sie ein und rief sich selbst an. Auch wenn das ein bekannter Trick ist, hatte Lotta in dem Moment nicht damit gerechnet. Sie sagt, dass sie mit so etwas aber auch nicht rechnen müssen will.

Lotta fuhr nach Hause, der Mann schickte ihr viele Nachrichten auf jedem ihrer aktiven Kanäle und Messenger. Er schrieb Sachen wie „Ich hätte dich schon nicht vergewaltigt, ich will ja nicht in den Knast gehen“. Nachdem sie ihn blockiert hatte, begann er, Freun­d*in­nen von ihr zu schreiben, mit denen sie an dem Abend in der Bar gewesen war und die er auf Instagram identifiziert hatte. Er erstellte sogar einen Fake-Account, um zu ihr Kontakt aufzubauen.

„Es fühlt sich halt scheiße an“, sagt Lotta.

Wenige Wochen später erzählte ihr ein Freund von einer Telegram-Gruppe, in der sie ihr Erlebnis teilen könnte. Die Gruppe beschreibt sich als Frauen*-Support-Gruppe für Bremen und Umgebung und hat das Ziel, Personen, die sich als Frauen* definieren und die übergriffige Situationen erlebt haben, einen sicheren Ort zur Vernetzung zu bieten.

Die Telegram-Gruppe ist also eine Graswurzel-Organisation, ihr Ziel ist es, in Bremen eine Masse von Personen zu bilden, die einander unterstützen und gegen sexualisierte Gewalt einstehen. Die Gruppe hat momentan rund 600 Teilnehmer*innen.

Der Stalker war kein Unbekannter

Als Lotta in der Gruppe berichtete, was ihr widerfahren war, stieß sie nicht nur auf Mitgefühl, sondern auch auf andere Frauen, die von demselben Mann belästigt worden waren. Jedoch waren nur wenige von ihnen gewillt, weiter gegen ihn vorzugehen. Die meisten hatten mit dem Erlebnis abgeschlossen.

Lotta nicht: Sie hat Kontakt zu einer Anwältin aufgenommen und sich an den Opferverband „Weißer Ring“ gewandt, der ihr in der Telegram-Gruppe empfohlen worden war. Sie will versuchen, ihren Belästiger anzuzeigen.

Lotta empfindet die Gruppe als Gedankenanstoß: „Wenn etwas berichtet wird, kann die Person, die es liest, direkt auf sich aufpassen. Sich daran erinnert fühlen: Die Welt ist doch nicht so sicher, wie ich glaube.“ Die Gruppe sei ein „Resonanzraum für Solidarität – von Leuten, die wissen, wie sich das anfühlt“.

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