Film „Blood and Sinners“ bei den Oscars: Frau von Großformat
Autumn Durald Arkapaw wurde bei den diesjährigen Oscars in der Kategorie „Beste Kamera” ausgezeichnet. Sie ist die erste Frau, die diesen Preis gewonnen hat.
Weiße Kumuluswolken oben, weiße Baumwollblüten unten, beides dehnt sich nach allen Seiten: In seiner Unausweichlichkeit hat das Bild etwas Bedrohliches. Die wenigen, einfachen Hütten unterstreichen die Übermacht der Felder. Und verdeutlichen die Situation ihrer Schwarzen Bewohner:innen, die im Jahr 1932 zwar nicht mehr offiziell in der Sklaverei leben, aber durch das rassistische Jim-Crow-System ebenso benachteiligt werden.
Die im beeindruckenden Großformat IMAX- und Ultra-Panavision-70 gedrehten Tagesszenen in Ryan Cooglers „Blood & Sinners“ komplementieren ebenso sorgsam aufgebaute Nachtszenen. Der Film erzählt nur einen langen Tag und eine noch längere, grausame Nacht, in der Schwarze vor dem Sound des Blues von blutsaugenden weißen Rassist:innen zu Vampir:innen gemacht werden sollen. Bei der Preisverleihung am Sonntag wurde der Film mit 4 Oscars ausgezeichnet – darunter mit dem Oscar für die Beste Kamera.
Die unvergesslichen Bilder des politischen Horror-Fantasy-Musikfilms stammen von der US-amerikanischen „Director of Photography“ Autumn Durald Arkapaw. Ihr Gewerk gehört zu den 16 nominierten – und mit ihrem Sieg schreibt sie Oscar-Geschichte: Als vierte Frau überhaupt, die in dieser Kategorie nominiert wurde, ist sie zugleich die erste Frau, die den Oscar für Beste Kamera gewinnt, sowie die erste weibliche Person of Color und erste Filipina, die diese Auszeichnung erhält.
Die 46-jährige Kalifornierin, deren Vater kreolische und deren Mutter philippinische Wurzeln hat, ist sich der immensen Bedeutung der Nominierung bewusst. Seit Wochen spricht sie in Interviews von ihrem Werdegang und den Möglichkeiten für Frauen of Color in der Branche. Und von ihrer aktuellen Arbeit an der Marvel-Serie „Loki“ sowie der erneuten Kollaboration mit dem Schwarzen Regisseur Ryan Coogler, für dessen Marvel-Film „Black Panther: Wakanda Forever“ sie bereits die Bilder verantworte.
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Regisseure, die etwas verändern wollen
Bei einem Zoom-Gespräch mit der Deutschen Filmakademie vor ein paar Wochen saß Arkapaw, die Augen wach hinter einer schönen, großrandigen Brille, in ihrem kalifornischen Büro vor einem Poster zu ihrer ersten großen Produktion: Gia Coppolas Debüt „Palo Alto“. Mit Coppola drehte sie vor zwei Jahren auch „The Last Showgirl“, Pamela Andersons Einkehr ins Arthouse-Kino.
Sie habe Glück, sagt sie, weil sie Menschen gefunden habe, die ihrer Arbeit und ihrer Person vertrauten.
Als sie sich auf dem College entschied, Bildgestalterin zu werden, habe sie lange nach weiblichen Namen gesucht, als Ansporn, Vorbild und Verheißung. Und sei heilfroh gewesen, als sie Ellen Kuras entdeckte, die die Kamera bei Ted Demmes „Blow“ aus dem Jahr 2001 verantwortete: „Das hieß, ich kann das auch machen!“
Dass Frauen, erst recht nicht-weiße Frauen, hinter der Kamera nach wie vor selten sind, ändert sich – langsam. Neben weniger sexistischen Strukturen, die Frauen lange von künstlerisch-technischen Berufen ausschlossen, gibt es heute auch Regisseure, die etwas verändern wollen.
Ryan Coogler lege auf Diversität und Quote Wert, sagt Arkapaw: „Wenn ich mich am Set umgeschaut habe, sah ich Menschen, die aussehen wie ich. Das hieß, ich konnte ich selbst sein.“
Selbst wenn die Kamerafrau im Gespräch mit der Deutschen Filmakademie in TechTalk verfällt, über die Unterschiede von Linsen, Formaten oder das Gewicht und die Lautstärke von IMAX-Kameras fachsimpelt, klingt das bei ihr zugänglich, auch für Laien. Bei „Blood & Sinners“ seien, so erzählt sie, zudem alte Fotos Referenzen gewesen: „Film spielt mit Fantasie. Darum mag ich Fotografien, denn sie zeigen reale Momente.“
Ein realer Moment, ob am Ende mit oder ohne „little gold man“, war die Sonntagnacht für Autumn Durald Arkapaw. Wenn auch leider nur im 16:9-Fernsehformat.
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