Framing der Flüchtlingskatastrophe: Was der „Grenzschutz“ schützt

An der türkisch-griechischen Grenze spielen sich dramatische Szenen ab. Medien benutzen Frontex-Vokabular um darüber zu berichten.

Polizisten in Riotgear neben Menschen mit Gepäck

Griechische Polizisten hindern Menschen im Hafen von Mytilen am Weitergehen Foto: Costas Baltas/reuters

Politische Begriffe sind in der Regel gut durchdacht – oder wie es heute heißt – sie sind geframed. Es gibt politische Wortbildungen, die sind offensichtlich: Das „Gute Familien Gesetz“ oder die „Respekt-Rente“. Bei beiden handelt es sich um ein Akzeptanz-Framing. Wörter wie „Flüchtlingswelle“ oder „Migrationsansturm“, sollen hingegen Ablehnung auslösen. Auch sie sind relativ schnell als politische Begriffe erkennbar.

Es ist nicht immer einfach solche Framings aufzudecken, denn Frames sind sogenannte Texttiefenstrukturen. Das heißt, sie sind im Gegensatz zu Wörtern nicht an eine einzige Form gebunden, sondern können durch eine Vielzahl an Wörtern und Bildern ausgelöst werden. Das gilt besonders für Wörter, an die wir bereits gewöhnt sind.

Derzeit nutzen deutsche Medien das Wort „Grenzschutz“, um über die Fluchtbewegungen aus Syrien zu schreiben. Zu lesen ist: „EU-Grenzschutz: Frontex schickt Verstärkung an die griechische Grenze“ (Zeit-Online). „Türkei verstärkt Grenzschutz“ (Tagesschau). In diesem Zusammenhang jedoch gehört das Wort „Grenzschutz“ zumindest in Anführungsstriche.

Die in dem Wort „Grenzschutz“ enthaltene Schutzmetapher löst ein Framing aus, das die Kriegsflüchtlinge als „Bedrohung“ darstellt. Die Medien sind sich keiner Schuld bewusst, schließlich sei Frontex die „Europäische Grenzschutzagentur“. Mehr noch, es ist vollkommen unstrittig, dass Grenzen vor bestimmten Bedrohungen zu schützen sind. Das Schutz-Framing versagt jedoch bei Kriegsflüchtlingen. Schutzsuchende Menschen können keine Länder bedrohen.

Schwer rauszukommen

Das Grenzschutz-Framing ist eine unauffälligere Variante des Wortbildes der „Festung Europa“, das seit Jahren von rechts etabliert wird. Aber es ist – im Kontext von Kriegsvertrieben – das gleiche Framing mit der gleichen Wirkung, eben nur in anderer Form.

Ist der Frame aktiv, ist es schwer herauszukommen. Das Bedrohungsszenario findet sich dann in weiteren Wortbildungen wieder, wie die Titelzeile zeigen: „Flüchtlinge: Frontex erwartet Massenmigration nach Griechenland“ (Die Zeit, Die Welt). Nein, es ist keine „Massenmigration“, es sind „viele Kriegsvertriebene“.

Die ganze Falschheit und damit Tragik des Framings zeigt sich in solchen Überschriften: „Grenzschutz soll Syrer erschossen haben“ (Münchner Merkur) und „Griechische Grenzschützer erschießen Flüchtling“ (Focus). Diese Überschriften sind nur sinnvoll, wenn die vertriebenen Menschen eine ernstzunehmende Bedrohung sind. Die undistanzierte mediale Wiedergabe des Frontex-Sprachgebrauchs zeigt: Europa ist in der Tat bedroht.

Einmal zahlen
.

Fehler im Text entdeckt? Wir freuen uns über einen Hinweis!

Kommt von Rügen. Als Wortgucker erzürnt er sich im Netz und auf Podien regelmäßig über Sprache und Framing in der Politik und Medien. Er ist promovierter Sprachwissenschaftler und Sprachkritiker für taz2/medien. Hauptberuflich: Kampagnen-Berater und Demokratie-Kommunikator.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben