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Teil 6 der Reihe zum 100. GeburtstagFoucault und die Faschisierung

Michel Foucault setzte sich intensiv mit dem Deutschen Herbst auseinander. Sein Denkweg kann helfen, die aktuelle Faschismusdebatte offener zu führen.

Die Foucault-Rezeption hat über die letzten 15 Jahre Schritt gehalten mit dem Wechsel der sozialkritischen Leitvokabeln. In den 2010er Jahren stand noch die Frage im Vordergrund, ob Michel Foucault mit dem Neoliberalismus sympathisiert habe. Im Angesicht von Abschiebekampagnen, rabiaten Protektionismen und anderen lustvollen Brutalisierungen der Politik wird inzwischen aber immer häufiger gefragt, was Foucault über den Faschismus zu sagen hatte.

Alberto Toscano etwa rekonstruiert in seinem Buch „Spätfaschismus“ die Analysen eines „neuen Faschismus“ in den 1960er/70ern von Angela Davis und anderen aus der Black Radical tradition. Und als deren Gesprächspartner lässt er neben Gilles Deleuze und Félix Guattari auch Foucault auftreten.

Allerdings: Foucault ist in jener Zeit genau den umgekehrten Weg gegangen. Nachdem er sich bis ins Jahr 1977 punktuell mit dem Faschismus beschäftigt hatte, ließ er ihn als analytischen Begriff fallen und begann seine Beschäftigung mit dem (Neo-)Liberalismus – eine eigenartige Parallele zur jüngeren deutschen Geschichte, in der auf den Nationalsozialismus die sich liberalisierende BRD gefolgt war. Tatsächlich war Foucaults Auseinandersetzung mit ihr ein Treiber jener Wende, mit der sein Spätwerk begann.

Zum 100. Geburtstag von Michel Foucault

Am 15. Oktober 2026 würde Michel Foucault 100 Jahre alt. Aus diesem Anlass bringt die Kulturredaktion der taz bis dahin jeden Monat zum 15. einen Artikel zu einem Aspekt des Wirkens dieses einflussreichen Philosophen. Bisher erschienen sind folgende Texte:

Cord Riechelmann über Foucaults Intellektuellenprogramm, das Theorie und Aktivismus vereinte.

Philipp Sarasin über Foucault und die Linke.

Jens Kastner über Foucault in der Kunst.

Julian Nicolai Hofmann über Foucault und das „kälteste aller kalten Ungeheuer“

Petra Gehring über Foucault und die Macht des Geständniszwangs

Noch Anfang 1977 hatte Foucault in einem Vorwort zur englischen Übersetzung des „Anti-Ödipus“ Deleuze und Guattari für ihre „Treibjagd auf sämtliche Formen von Faschismus“ gefeiert. Am Jahresende bestand die Funktion des Faschismusbegriffs für ihn aber schon „im Wesentlichen in der Denunziation“. Was war in der Zwischenzeit geschehen?

Macht und Widerstand

Foucault und Deleuze, seit 1962 befreundet und im Denken wie im Aktivismus einander nah, waren auseinandergetrieben worden – von ihren intellektuellen Suchbewegungen und öffentlichen Positionierungen. Nach dem Erscheinen von „Der Wille zum Wissen“ im Vorjahr war Foucault in eine persönliche Krise geraten. Deleuze übermittelte ihm 1977 eine ausführliche Kritik seiner Konzeption des Verhältnisses von Macht und Widerstand, die in aller Zugewandtheit ihre Differenzen markierte. Foucault aber schrieb nicht zurück.

Manifest wurde die wachsende Distanz zwischen Deleuze und Foucault dann in der Affäre um Klaus Croissant. Der RAF-Anwalt war nach Frankreich geflohen und hatte dort politisches Asyl beantragt. Nach der Totennacht von Stammheim forderte die Bundesregierung im Oktober 1977 seine Auslieferung. Dagegen richtete sich ein von Guattari initiierter und von Deleuze mitgetragener Petitionsentwurf, der – die Foucault-Biografen sind sich hier uneinig – das Handeln der Bundesregierung im Deutschen Herbst als Methoden eines Polizeistaats (Eribon) oder gar als „faschistisch“ (Macey) bezeichnete. In jedem Fall eine Charakterisierung der BRD im RAF-Sprech. Weil sie für Foucault auf eine Legitimierung des Terrors hinauslief, unterzeichnete er nicht.

Die unmittelbare Folge waren getrennte Stellungnahmen. Deleuze und Guattari klagten die Bundesrepublik in Le Monde an, dass ihr Justizsystem im Ausnahmezustand agiere, wohingegen Foucault für Croissants Belange ein „Recht der Regierten“ geltend machte. Verhindern konnten sie die Auslieferung aber nicht. Foucault und Deleuze sahen sich nie mehr wieder.

Mit einem Interview im November 1977 begann Foucault jedoch eine Reihe indirekter Antworten auf Deleuze. Auf die Frage, ob in der Sicherheitspolitik gerade ein neuer Totalitarismus Gestalt annehme, antwortete er, eine Analyse, die „alte Gespenster auferstehen“ lasse, könne keine politische Wirkung entfalten. Ein erster Seitenhieb auf die Rede von einem „neuen Faschismus“?

Auch für sein analytisches Gegenprogramm stand aber unverkennbar die jüngste Politik eines „nicht erklärten Ausnahmezustandes“ (Wolfgang Kraushaar) in der BRD Modell – ihre Krisenstäbe, Rasterfahndung und Kontaktsperregesetze. Foucault sprach in jenem Interview von einem Sicherheitsvertrag zwischen Staat und Bevölkerung, der im Falle „außergewöhnliche[r] […] Ereignis[se]“ außerordentliche Eingriffe erforderlich mache. Diese seien mitunter außergesetzlich und würden als Akte der Fürsorge begründet. Doch obwohl der Staat stets alles kontrollieren wolle, toleriere er nun anders als zu Zeiten des Totalitarismus abweichendes Verhalten innerhalb eines gewissen Rahmens, der bloß „gefährliche Umtriebe“ ausschließe.

Suche nach alternativen Lebensformen

Im Jahr 1976 hatte Foucault in den Sicherheitsmechanismen der Biopolitik eine Verbindungslinie zwischen den bürgerlichen Nationalstaaten und dem Totalitarismus identifiziert. Nun aber differenzierte er zumindest bei Begründungen, Techniken und Beschränkungen ausufernder Regierungsaktivität. Ausgerechnet die Krisenpolitik der BRD hatte Foucault also auf die Frage gestoßen, was den Liberalismus ausmacht. Seine folgenden Vorlesungen der Jahre 1978 und 1979 am Collège de France waren dann zugleich Erkundung dieser Frage und analytischer Kommentar zur französischen Debatte über die BRD.

Auf das Thema einer „Geschichte der Gouvernementalität“, unter dem diese Vorlesungen bekannt wurden, stellte Foucault aber erst bei der 4. Sitzung am 1. Februar 1978 um. Am Wochenende zuvor hatte er den Tunix-Kongress in Westberlin besucht. Nach dem Schock des Deutschen Herbstes hatte sich dort die westdeutsche Linke im Schatten des übermächtig gewordenen Überwachungsstaates auf die Suche nach alternativen Lebensformen und subversiven Widerstandsstrategien begeben – bis heute die unveränderte Grundkonstellation linker Politik. Und auch sie fand sich in Foucaults Geschichte des Regierens reflektiert.

Ihre entscheidende Episode ereignete sich für ihn nämlich Mitte des 18. Jahrhunderts: Der Widerstand der ersten liberalen Ökonomen gegen den überreglementierenden Polizeistaat der absolutistischen „Staatsräson“ habe sich als „interne Kritik“ in diese eingenistet und ihre Ziele des Erhalts öffentlicher Ordnung und der Wohlstandsmehrung fortgeführt. Seitdem ging die Begrenzung manch maßloser Regierungsambition mit der Ausweitung und Verfeinerung von Kontroll-, Disziplinar- und Protektionstechniken einher.

Georg Simmerl

Georg Simmerl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin. Im Dezember erscheint sein Buch „Die Gründerkrise. Liberalismus und deutscher Nationalstaat (1873-1879)“ bei Matthes & Seitz.

In diesem Zeitalter des Liberalismus, in dem sich Foucault noch leben sah, versucht das Regieren die individuelle Freiheit mit der kollektiven Sicherheit auszutarieren, aber gefährdet sie so abwechselnd selbst. Im zeitlichen Umfeld kapitalistischer Krisen kommt es für Foucault daher wiederkehrend zu „Krisen des Liberalismus“, in denen sich das Regieren im Wechselspiel mit der Kritik reformiert.

Nichts anderes als ein Symptom der jüngsten dieser Krisen in den 1970ern war für ihn daher auch die französische Debatte über die BRD. Jenen, die sie als Polizeistaat kritisierten oder „faschistisch“ nannten, warf Foucault in der Vorlesung von 1979 nicht nur vor, analytisch zu verfehlen, dass dort nach den Maßgaben des deutschen Neoliberalismus regiert werde, der sich seit den 1930ern entwickelt hatte – die Krisenpolitik der BRD in den späten 1970ern untersuchte er aber selbst nicht im Detail. Ohne Deleuze und Guattari beim Namen zu nennen, bezichtigte Foucault jene Kritik auch, sich strategisch falsch zu verhalten: Sie nähre eine urliberale „Staatsphobie“, derer sich das neoliberale Regieren selbst bediene, und arbeite ihm dadurch zu.

Reemtsmas Vorwurf

In einer Zeit, in der der bewaffnete Kampf gegen den Staat aussichtslos geworden war, hatte sich für Foucault also eine neue analytische Perspektive aufgetan. Eine Perspektive, für die Widerstand kaum noch mehr als Kritik und Politik kaum noch mehr als öffentliche Debatten um das richtige Regieren sein konnten, in denen beinahe unausweichlich auf liberale Rhetoriken rekurriert wurde und auch Begriffe wie „Polizeistaat“ oder „Staatsräson“ ewig wiederkehrten. In seinem Spätwerk begann Foucault dann sogar in Betracht zu ziehen, dass Freiheit trotz der Allgegenwart der Macht auch im emphatischen Sinn verwirklicht werden kann – durch Kritik an der eigenen Subjektivierung und eine Ethik des Selbst. Doch sind das nicht allesamt Fragen und Antworten von vorgestern?

Inzwischen wird sogar in Deutschland debattiert, ob der Faschismus wiederkehrt: Gegen den Vorwurf Philipp Reemtsmas, der Gebrauch des Begriffs sei heute vor allem virtue signalling, haben Rahel Jaeggi und Robin Celikates seine Angemessenheit verteidigt. Ihnen geht es genauer um Prozesse der Faschisierung, die in liberalen Demokratien einsetzen, ohne eine Wiederholung historischer Faschismen zu sein.

Entlang von Foucaults Denkweg in den späten 1970ern lässt sich diese Debatte noch weiter öffnen. Denn die Skepsis gegenüber dem Begriff, zu der auch Foucault gelangte, schließt dessen analytische und strategische Brauchbarkeit in einer neuen Gegenwart nicht aus. Egal, ob man schon von „Faschismus“ sprechen will: Die Jagd auf illegalisierte Menschen in Trumps Amerika führt vor Augen, dass auch ihr Ausgangspunkt eine im weitesten Sinne liberale, den Schutz der Bevölkerung und bestimmter Freiheiten für sich reklamierende Notstandspolitik ist. Gleichzeitig zeigen amerikanischen Gerichte oder der Widerstand aus der Bevölkerung gegen ICE aber, dass selbst dort noch eine Begrenzung exzessiven Regierens gelingen kann, wo das, was es als „gefährliche Umtriebe“ bekämpft, immer weiter gefasst wird.

In der jüngsten, sich seit 2008 beständig zuspitzenden Krise des Liberalismus bleibt daher unabhängig von der Wahl des Leitbegriffs eine präzise und bewegliche Analyse der neuesten Regierungskunst umso wichtiger, die auch erfassen kann, unter welchen Umständen deren Einhegung gelingt.

An einem der Anfänge jenes Denkwegs, im Vorwort zur englischen Ausgabe des „Anti-Ödipus“, hat Foucault von einem nicht faschistischen Leben in nicht hierarchischen Kollektiven gesprochen, das aus der Einsicht geboren wird, dass auch Antifaschismus faschistisch werden kann. Wäre, um schließlich mit Foucault über ihn hinaus und zu jenem Anfang zurückzudenken, Faschisierung dann nicht besser als nur eines von vielen letztlich nicht liberalen Potenzialen liberaler Ordnungen zu begreifen? Liegt in ihren Freiheiten nicht auch die Möglichkeit für andere, experimentelle Lebensformen, soziale Beziehungen, Vorgänge der „Entindividualisierung“?

Die ersten drei Sätze einer selbstkritischen Ethik, die die aktuelle Faschismusdebatte bei Foucault finden könnte, wären insofern: Die Faschisierung könnte weit über die extreme Rechte ausgreifen und sogar in mir selbst einsetzen; um sie zurückzudrängen, muss sie in bestimmten Situationen nicht als solche, sondern als Auswuchs liberaler Politik kritisiert werden; ein kollektives nicht faschistisches Leben ist jederzeit möglich.

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