Forscherin über Netzwerke: „Wir sind anderen viel näher, als wir denken“
Im Wissen über Netzwerke steckt viel Macht, sagt die Datenwissenschaftlerin Fariba Karimi. Wie die Geflechte funktionieren und wie sie diverser werden.
taz: Frau Karimi, wir haben ein Netzwerk feministischer Solidarität rund um die Welt nachgezeichnet. Wir waren unsicher, wie weit wir kommen würden, doch es war unerwartet einfach. Überrascht Sie das?
Fariba Karimi: Nicht wirklich.
taz: Warum nicht?
Karimi: Wir sind anderen viel näher, als wir oft denken. Viele kennen sicherlich die Six-Handshakes-Regel. Das bedeutet, dass wir über maximal fünf andere Personen, also sechsmal Händeschütteln, mit jedem anderen Menschen verbunden sind.
taz: Als Professorin für Computational Social Science erklären Sie soziale Phänomene, indem Sie Netzwerke untersuchen. Was sind Netzwerke eigentlich?
Karimi: Netzwerke sind komplexe Systeme, die aus Knotenpunkten und sogenannten Kanten, also Verbindungen zwischen den Knotenpunkten, bestehen. Man kann sich das vorstellen wie Punkte und Linien. Analysiert man Gesellschaften können Menschen beispielsweise Knotenpunkte sein und menschliche Freundschaften die Kanten.
Mithilfe von Graphentheorie, Mathematik, statistischer Physik und Informatik lassen sich diese Netzwerke auch untersuchen. Zum Beispiel, wie Netzwerke entstehen oder wie widerstandsfähig sie sind. Denn Netzwerke können sehr robust sein. Werden aber besonders gut vernetzte Knotenpunkte angegriffen, kann das System kollabieren. Es liegt also sehr viel Macht in dem Wissen über die Funktionsweise von Netzwerken.
taz: Und was zeigen uns Netzwerke in Gesellschaften?
Karimi: Wir können analysieren, wie Gruppen von Menschen miteinander verbunden sind, wie beispielsweise Gender oder Race das Netzwerk strukturieren. Aus den Sozialwissenschaften wissen wir, dass Gruppen mit bestimmten Identitätsmerkmalen historisch benachteiligt oder diskriminiert werden. Diese Ungleichheiten hinterlassen Spuren in der Gesellschaft, die wir in den Daten sehen können.
taz: Sie sagen, dass Menschen durch „Kanten“ miteinander verbunden sind. Die Zahl und Qualität menschlicher Beziehungen sind aber doch sehr unterschiedlich.
Karimi: Das ist ein faszinierender Aspekt der Netzwerkforschung. Zunächst einmal haben einige Knotenpunkte mehr Kanten als andere, genauso wie manche Menschen mehr Freunde als andere haben. Zugleich erfüllen diese Kanten auch unterschiedliche Funktionen; wir bezeichnen sie als schwache und starke Verbindungen. Schwache Verbindungen – die nicht weniger wichtig sind – sind Bekannte, Freunde von Freunden, Menschen, die uns mit verschiedenen Gemeinschaften vernetzen.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
Sie sind wichtig für die Verbreitung von Wissen und Informationen. Starke Verbindungen sind unsere Freunde und Gemeinschaft. Die Menschen, die das Leben emotional und sozial erhalten.
taz: Okay. Wir haben Knotenpunkte, wir haben starke und schwache Verbindungen. Was lässt sich damit in einem Netzwerkmodell sehen?
Karimi: Wir können viele hypothetische Szenarien für die Gesellschaft errechnen. Wir können die Größe von Minderheits- und Mehrheitsgruppen anpassen. Wir können sagen: Was wäre, wenn Minderheiten 10, 20 oder 30 Prozent ausmachen? Und wir können den Grad der Homophilie anpassen. Homophilie meint die Tendenz vieler, mit Menschen zu interagieren, die ihnen ähnlich sind. Auf Deutsch sagt man: „Gleiches und Gleiches gesellt sich gern“. Evolutionär hat uns das vor Feinden in der Wildnis geschützt. In heutigen Gesellschaften ist Homophilie jedoch ein zweischneidiges Schwert.
taz: Was meinen Sie damit?
Karimi: Homophilie kann eine Gefahr für Minderheiten oder marginalisierte Gruppen darstellen. Wir sprechen von der Homophilie-Falle. Minderheiten, die weniger als ein Viertel der Gesellschaft ausmachen, schadet es, wenn sie sich zu sehr aufeinander konzentrieren und sich so von der Mehrheit abgrenzen. Das verringert langfristig die Anzahl ihrer Verbindungen. Ich habe das persönlich erlebt.
Als eine der wenigen Frauen in der Physik wurde mir oft geraten, mich mit Frauen in der Wissenschaft zu verbünden. Aber irgendwann wurde mir klar, dass die Menschen, die die Jobs vergeben und mich einstellen können, alles Männer sind. Es muss also ein Gleichgewicht geben zwischen gegenseitiger Unterstützung einerseits und Reichweite anderseits.
taz: Ihr Ratschlag ist also das Gegenteil von Homophilie.
Karimi: Genau, Menschen profitieren davon, heterophil zu sein, sich also ein diverses Netzwerk zu suchen. Und unsere Modelle zeigen, dass sich, entgegen der gängigen Meinung, nicht allein die Minderheiten „integrieren müssen“. Die Verantwortung liegt vor allem bei den Mehrheitsgruppen. Sie müssen den ersten Schritt machen – denn sie haben mehr Macht und weniger zu verlieren.
taz: Sie sprechen von der Berechnung von Gesellschaftsmodellen. Ein mathematisches Modell weiß jedoch nicht, was Menschen denken, fühlen und warum sie handeln, wie sie handeln.
Karimi: Das stimmt. Doch in der Netzwerkwissenschaft zoomen wir heraus. Wir betrachten gesellschaftliche Eigenschaften von Weitem, umso die Entstehung, Entwicklung und den Prozess der Informationsverbreitung zu verstehen. Wir dürfen uns nicht in zu vielen Details verlieren, die möglicherweise keine bedeutende Rolle spielen. Denn dann können wir nichts Sinnvolles mehr erklären.
taz: In unserem Netzwerk haben wir solidarische Menschen gebeten, andere solidarische Menschen weiterzuempfehlen. Lassen sich Solidaritätsbeziehungen berechnen?
Karimi: Ja. Aus Sicht der Netzwerkwissenschaft könnte Solidarität in die Eigenschaften Verbundenheit und Zusammenhalt übersetzt werden. Wir könnten berechnen, wie stark die Verbindungen innerhalb der Gruppe sind und wie viele Mitglieder mit anderen Mitgliedern verbunden sind. Was Sie in Ihrem Netzwerk getan haben, wird in der Wissenschaft übrigens als „Suche“ bezeichnet. Sie erkunden das Netzwerk und versuchen, sich ein besseres, umfassenderes Bild davon zu machen.
taz: Ja. Wir wollten ein diverses Netzwerk sichtbar machen. In mancherlei Hinsicht ist uns das gelungen, in anderer aber nicht. Zum Beispiel waren viele Frauen hochgebildete Akademikerinnen, und es fiel schwer, Empfehlungen außerhalb dieser Bubble zu bekommen. Wieso ist das so?
Karimi: Hier könnten verschiedene Effekte eine Rolle spielen. Es könnte wieder mit Homophilie zu tun haben. Diese Gruppe von gut vernetzten Akademikerinnen, die sich international für feministische Solidarität einsetzen, sind, wie Sie sagen, eine Bubble. Das bedeutet, sie kennen nur einander. Zweitens: Wenn man viele Kriterien hat und nur Menschen aus dieser Gruppe alle diese Kriterien erfüllen, kreist man um dieselben Leute.
taz: Wenn wir alles noch einmal machen würden, was sollten wir anders angehen?
Karimi: Man könnte das Netzwerk nicht mit einer, sondern mit mehreren Personen beginnen. Ich würde als ersten Schritt vorschlagen, Personen aus ganz unterschiedlichen Gruppen zu bitten, jeweils eine Startperson zu nennen. Es ist wichtig, dass die erste Suche so vielfältig wie möglich ist. Das gilt auch bei der Stellenvergabe. Wenn die Anzahl der Bewerber:innen beim Vorstellungsgespräch nur leicht erhöht wird, sagen wir statt drei sieben Personen, ist die Wahrscheinlichkeit schon viel größer, das Büro diverser zu machen.
taz: Was braucht es noch, um ein Netzwerk vielfältiger zu machen oder sogar die Gruppenverteilungen zu verändern?
Karimi: Es wird wahrscheinlich immer Gruppen geben, zum Beispiel die homosexuelle Bevölkerung, die eine Minderheit bleiben werden. Daher neige ich zu dem, was man Care Ethics nennt. Dabei geht es darum, wie wir andere mitdenken und sie mit Empathie behandeln. Für Netzwerke heißt das: Wir können uns fragen, wie Menschen – unabhängig von ihren Verbindungen und ihrer Position im Netzwerk – von den Vorteilen profitieren können, die Netzwerke bieten. Dazu gehören zum Beispiel Jobs, Gesundheit und Bildung.
Sophie Fichtner spricht in der neuen Folge Reingehen mit Manuela Heim über das Konzept und die Entstehung der Feministaz.
taz: Wir haben viel darüber gesprochen, wie Frauen und Minderheiten in den bestehenden Netzwerken mehr Macht, bessere Jobs und gleiche Rechte bekommen können. Aber Frauen und Minderheiten existieren ja auch jetzt und haben schon Verbindungen und Beziehungen. Können wir diese Netzwerke nicht einfach sichtbarer machen?
Karimi: Das stellt die Frage, wem eine Gesellschaft Macht und Status geben will. Ob eine Gesellschaft dich auch als Kindergärtnerin schätzt oder erst, wenn du Professorin bist. Um Normen zu ändern, braucht es unterschiedliche Sichtweisen, braucht es mehr Frauen und Migrant:innen. Ich bin aber optimistisch. Warum? Weil es die Erinnerung gibt und den Tod. Werte ändern sich, die Art und Weise, wie wir Status betrachten, ändert sich.
taz: Zurück zur Solidarität. Sie ist kein Identitätsmerkmal, sondern ein Bekenntnis und eine Praxis. Wie kann sich Solidarität in einem Netzwerk verbreiten?
Karimi: Menschen ändern ihre Ansichten und ihr Verhalten, wenn sie genug andere sehen, die das auch tun. Unsere Modelle zeigen, dass der Kipppunkt bei etwa 25 Prozent liegt. Ein Viertel der Gesellschaft ist nötig, um die gesamte Bevölkerung zu verändern. Und das ist eine Menge. Die Last sollte also nicht allein bei Minderheiten liegen. So ist es auch bei der Bürgerrechtsbewegung in den USA gewesen, nicht wahr? Schwarze Menschen waren erfolgreich, als sich weiße Mehrheiten ihrer Bewegung anschlossen. Als es ein gemeinsames Ziel gab. So fangen die Dinge an, sich zu verändern.
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