Forderung nach kleineren Schulklassen: Eine Lehre aus Corona

Die Gewerkschaft GEW will künftig Obergrenzen in Klassen tarifvertraglich regeln und so Schulklassen verkleinern. Das wäre bundesweit ein Novum.

Volles Haus: Grundschulklasse in Neukölln Foto: Christoph Soeder/dpa

BERLIN taz | Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert, Klassengrößen an Schulen über einen Tarifvertrag zu regeln – mit dem Ziel, dass eine Lehrkraft künftig weniger Kinder pro Klasse unterrichten muss. Man verspreche sich davon zum einen eine „Entlastung“ der LehrerInnen, sagte Anne Albers, Leiterin des Vorstandsbereichs Tarifpolitik in der GEW Berlin, am Montag. Zum anderen gehe es aber auch darum, die Lernbedingungen für die SchülerInnen zu verbessern. Da hätten gerade auch die vergangenen Pandemiemonate im Wechselunterricht „gezeigt, was kleinere Klassen positiv bewirken können“, betonte der Berliner GEW-Landesvorsitzende Tom Erdmann.

Konkret will die GEW vor allem mehr Mitspracherecht bei den Klassengrößen erreichen. Bisher regelt das die Arbeitgeberin, also die Senatsverwaltung für Bildung, klassisch über Verwaltungsvorschriften und Zumessungsrichtlinien. Nun will die GEW die Lern- und Arbeitsbedingungen tarifvertraglich regeln – ein ziemliches Novum, wie auch Erdmann am Montag sagt. „Nur Norwegen hat etwas Vergleichbares, wir betreten mit dieser Forderung also Neuland.“

Welche Obergrenzen genau so ein „Tarifvertrag Gesundheitsschutz“, wie ihn die GEW nennt, regeln soll, blieb am Montag noch etwas unklar. Man wolle den zuständigen SenatorInnen im Bildungs- und Finanzressort, Sandra Scheeres und Matthias Kollatz (beide SPD), nun zunächst an den Verhandlungstisch laden – und dem auch nicht vorgreifen.

Maximal 19 Kinder pro Klasse

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) rechnet damit, dass Maskenpflicht oder Wechselunterricht im Herbst wieder notwendig werden könnten. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD), hat hingegen vor frühzeitigen Festlegungen auf weitere Einschränkungen des Regelunterrichts in den Schulen nach den Sommerferien gewarnt. „Die KMK hat für Präsenzunterricht plädiert und das sollte nicht vorzeitig in Frage gestellt werden“, sagte Ernst dem Tagesspiegel. Hintergrund sind Forderungen nach neuen Corona-Schutzmaßnahmen wegen der Delta-Variante.

Für Berlin schließt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) nicht aus, „dass bei Infektionsgeschehen einzelne Schulen wieder in den Wechselunterricht übergehen“, so ein Sprecher. Für die Berliner Schulen ist in den ersten Wochen nach den Sommerferien eine Masken- und Testpflicht geplant. (epd)

Ein „Diskussionsgrundlage“ für Grundschulen könnten aber maximal 19 SchülerInnen pro Klasse sein, hieß es. Bisher trifft das laut GEW-Erhebungen nur auf rund 18 Prozent der Grundschulklassen zu. Das Gros der Kinder (rund 54 Prozent) sitzt hingegen in Klassen mit bis zu 24 MitschülerInnen. Zudem seien seit 2016/17 insbesondere die „Groß-Klassen“ mit bis zu 28 SchülerInnen im Vergleich überproportional gewachsen.

Aus der Finanzverwaltung hieß es auf taz-Anfrage lediglich, man könne sich noch nicht äußern, weil das Forderungspapier der GEW noch nicht vorliege. Allerdings gelte grundsätzlich, dass Berlin als Mitglied der Tarifgemeinschaft der Länder, TdL, „keine individuellen Verhandlungen“ führe, so eine Sprecherin.

GEW-Vorsitzender Erdmann betonte, es sei der Gewerkschaft klar, dass das kleinere Klassen „eine relativ teure Maßnahme“ seien, angesichts eines ohnehin schon leer gefegten Fachkräftemarkts. Mehrere SchulleiterInnenverbände hatten erst vergangene Woche eindringlich vor einem sich verschärfenden Personaldefizit in den Schulen gewarnt und die Wiedereinführung der Verbeamtung gefordert. Berlin ist das einzige Bundesland, dass seine PädagogInnen seit 2004 nicht mehr verbeamtet.

Albers betonte, die Verbeamtung sei „kein Allheilmittel“. Das habe auch eine Umfrage zu Jahresbeginn unter mehr als 2.000 Berliner Lehrkräften ergeben: „Nur wenige wünschten sich die Verbeamtung.“ Vielmehr müssten die Arbeitsbedingungen im Schuldienst attraktiver werden. Und da träfe eine Verkleinerung der Klassen „den Nagel auf den Kopf“, sagt Albers. Bei der Frage, was sie entlasten könne, hätten 90 Prozent zugestimmt, dass kleinere Klassen eine wesentlicher Faktor seien.

Davon würden dann auch die SchülerInnen profitieren, legt die Umfrage nahe: Es bleibe mehr Zeit für Beziehungsarbeit und individuelle Förderung, der Unterricht könne viel differenzierter gestaltet werden, gaben die LehrerInnen zu Protokoll.

Spätestens nach den Sommerferien erwarte man nun eine Antwort aus den zuständigen Senatsverwaltungen, hieß es am Montag von Udo Mertens, gemeinsam mit Albers zuständig für den Bereich Tarifpolitik. Zum Schuljahr 2022/23 könne es dann, nach Vorstellung der GEW, einen „Einstieg in den Systemwechsel“ geben – das also die Gewerkschaften künftig bei der Steuerung des Lehrkräftebedarfs ein Wörtchen mitzureden hätten, statt sich auf Kritik am Defizit beschränken zu müssen. Die Bildungsverwaltung äußerte sich auf taz-Anfrage zunächst nicht.

Aus der Bildungsverwaltung hieß es auf taz-Anfrage knapp, es sei „nicht verwunderlich“, dass eine Gewerkschaft sich mehr Personal wünsche. Allerdings halte man den Weg für „nicht zielführend“. Es gebe zudem bereits die Möglichkeit, kleinere Klassen einzurichten – etwa an Schulen mit vielen Kindern, die nicht-deutscher Herkunft sind oder Fördebedarf hätten.

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