piwik no script img

Fischerei-freie Zonen in der NordseeMagerer Fang für die Natur

Niedersachsen verbietet Fischerei in zehn Prozent des Küstenmeers. Naturschützer sind enttäuscht: Die Flächen seien zu klein und brächten ökologisch wenig.

Sind am Ende eines Gesprächs alle unzufrieden, ist ein guter Kompromiss erzielt worden, heißt es. Der jüngst nach anderthalb Jahren zu Ende gegangene „Fischereidialog“ der niedersächsischen Ministerien für Umwelt und Landwirtschaft zeigt, dass das nicht immer stimmt.

Hafenkommunen, Naturschutzverbände und Fischerei waren an diesem Dialog beteiligt. An seinem Ende stand, was Umweltminister Christian Meyer (Grüne) für eine „gelungene Abwägung aller Interessen“ hält: 10 Prozent der Fläche des niedersächsischen Küstenmeers sind demnächst frei von Fischerei.

Das klingt gut, auf den ersten Blick, denn das ist weit mehr als vorher. Aber geschützt wird hier nicht nur das Meer, auch die Fischerei. Das Flächenkonzept sei „eine gute Grundlage für eine mit den Schutzzielen des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer konforme fischereiliche Nutzung“, betont Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne).

Die ministerielle Vorgabe, 10 Prozent des Küstenmeers als fischfangfrei auszuweisen, kam nicht von ungefähr. Im Rahmen ihrer Biodiversitätsstrategie für 2030 hat sich die EU Schutzgebietsziele gegeben: 30 Prozent der Land- und 30 Prozent der Meeresfläche sollen geschützt werden, jeweils 10 Prozent streng“, was jede menschliche Aktivität ausschließt, wenn sie nicht Arten und Lebensräume erhält und verbessert. Deutschland steht also EU-rechtlich unter Druck.

Naturschutz nur „in homöopathischer Dosierung“

Hier zahlen die fischereifreien Zonen des Fischereidialogs ein – seeseitig der Ostfriesischen Inseln sowie in einem Teil des Jadebusens.

Für die beiden von Grünen geführten Ministerien für Umwelt und Landwirtschaft ist klar: Wenn sich etwas zum Schutz des Meeres verbessern ließe, dann jetzt. Doch das Ergebnis ist mager, kritisieren die Naturschutzverbände.

So setzte der WWF Deutschland ein „nur“ vor die 10 Prozent: „Das entspricht 16 Prozent der Fläche des Nationalparks, wobei davon mehr als die Hälfte trockenfallende Wattflächen sind, die gar nicht befischbar sind.“ Aus Naturschutzsicht sei die Flächenauswahl des Landes „eine Enttäuschung“, sagt Jannes Fröhlich, der beim WWF Programmleiter für das Wattenmeer ist.

Von der tatsächlich befischten Fläche des Nationalparks seien künftig weniger als 10 Prozent geschützt. Das erfülle „nicht annähernd das rechtlich vorgegebene Mindestmaß für den Schutz der Unterwasserwelt im Nationalpark“. Der ökologische Zustand der Gewässer sei schon jetzt besorgniserregend. Mit Naturschutz „in homöopathischer Dosierung“ lasse sich das nicht ändern.

Zahnloser Tiger Naturschutzrecht

Olaf von Drachenfels, Vize-Vorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu) in Niedersachsen, sieht das ähnlich: „Auch wir sind sehr enttäuscht“, sagt er der taz. „Am Ende ging es nicht um die beste ökologische Nutzung, sondern um die geringste Betroffenheit der Fischer.“

Eigentlich müsse der Dialog jetzt weitergehen. „Wir müssten uns im Nationalpark in Richtung von mindestens 51 Prozent streng geschützter Fläche entwickeln, nur so wäre es gesetzeskonform. Aber ich sehe nicht, dass das Umweltministerium dazu bereit ist.“

Das Bundesnaturschutzgesetz legt fest, dass Nationalparks „sich in einem überwiegenden Teil ihres Gebiets in einem vom Menschen nicht oder wenig beeinflussten Zustand befinden“. Das werde hier missachtet, findet von Drachenfels. „Vor EU-Recht hat man Angst. Deutsches Naturschutzrecht ist ein zahnloser Tiger. Das interpretiert man eher als freundliche Empfehlung.“

Umweltministerium will Wattenmeer-Gesetz ändern

Auch Susanne Gerstner, Vorsitzende des BUND Niedersachsen, sieht weiteren Handlungsbedarf: „Wir sind enttäuscht über die mangelnde Quantität und Qualität der Flächen“, sagt sie der taz. „Manche Gebiete helfen zwar rechnerisch, die 10 Prozent zu erreichen, bringen aber von der ökologischen Wirksamkeit her nichts.“

Den Dialog sieht sie lediglich als „ersten Schritt“: „Wir müssen im Nationalpark auf über 50 Prozent streng geschützter Fläche kommen – nach internationalen Richtlinien sind es ja sogar 75 Prozent. Und sie müssen nicht nur vor der Fischerei geschützt sein, auch vor jeglicher anderen Nutzung.“

Damit die 10-Prozent-Regelung greifen kann, stößt Meyers Umweltministerium jetzt eine Änderung des Gesetzes über den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer an. Die finale Entscheidung trifft der Niedersächsische Landtag.

Mehr zum Thema

0 Kommentare