Filmtipps für Berlin: Lobby mit Weltblick

Eine kurdische Polizistin, eine Frau in Werbeprospekten, Architektenhäuser und Monologe in der Lobby. Diese Woche gibt's Filme mit präzisem Weltblick.

Blick in die Straßen der Altstadt von Tbilissi mit schiefer Kamera, im Hintergrund das Monument der Mutter Georgien

Ein echter Emigholz: mit schiefer Kamera durch die Altstadt von Tbilissi. Szene aus „2+2=22“ Foto: ©Heinz Emigholz, Filmgalerie 451

Um eine eher vage Form der Frauensolidarität ging es der deutschen Regisseurin Antonia Kilian, als sie vor ein paar Jahren nach Nordsyrien fuhr, weil sie gehört hatte, dass dort eine weibliche kurdische Kampfeinheit ihr Dorf von den IS-Terroristen befreit hatte. Wie Kilian in ihrem Dokumentarfilm „The Other Side of the River“ im (sparsamen) Off-Kommentar berichtet, hatte sie jedoch keine wirkliche Ahnung, von der Realität, auf die sie dort treffen würde.

Dabei geht es nicht nur um die Kriegszerstörungen, die überall zu sehen sind, sondern auch um die haarsträubenden Geschichten, die die zwanzigjährige Hala von der vormaligen Einnahme ihres Dorfes durch IS-Kämpfer zu berichten weiß. Nun lässt sich Hala in einem militärischen Training als Polizistin ausbilden – in Strukturen, die ganz offenbar zur PKK gehören, auch wenn der Film das nicht explizit anspricht. Gemeinsam mit einer ihrer Schwestern war Hala von ihrem Elternhaus geflüchtet, als die jungen Frauen vom Vater zwangsverlobt werden sollten.

Ein selbstbestimmtes Leben ist ihr Ziel, von Männern hat sie angesichts ihrer Erfahrungen keine hohe Meinung. Emotional komplex ist jedoch vor allem die familiäre Gemengelage, Halas dringender Wunsch, die übrigen Schwestern vom Vater wegzuholen, den sie in ihrer Position als Polizistin schließlich vergessen lässt. „The Other Side of the River“ eröffnet die Dokumentarsektion des 11. Kurdischen Filmfestivals, das sich vom 14.-20.10. in über 40 Dokumentar-, Kurz- und Spielfilmen mit Thematiken rund um kurdische Kultur, Politik und Lebensrealitäten beschäftigt („The Other Side of the River“ 15.10., 19.30 Uhr, Babylon Mitte).

Die Architektur gehört zu den wichtigsten Themen des Filmemachers Heinz Emigholz, seine „Hardcore-Dokumentationen“ (O-Ton Emigholz) über moderne Architekten und Bauingenieure, die deren Gebäude in starren Einstellungen in ihrem Ist-Zustand erfassen, nehmen im Rahmen seines Werks einen umfassenden Zyklus ein. In den vergangenen Jahren hat Emigholz vermehrt eine Reihe von avantgardistischen Essay-Spielfilmen und – Dokumentationen gedreht, darunter findet sich Autobiografisches ebenso wie ein Porträt der Band Kreidler („2+2=22 [The Alphabet]“) bei den Aufnahmen zu einem neuen Album in Georgien.

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Holzgetäfelte Lobbys, Gelackte Gegenwarten

Das HKW zeigt ab 15.10. unter dem Titel „Counter Gravity – Die Filme von Heinz Emigholz“ eine Werkschau mit seinen gesammelten Architektur- und neueren Erzählfilmen, bei den Auftaktveranstaltungen (15.-17.10.) jeweils mit Podiums- und Publikumsgesprächen mit Emigholz und Kennern seines Werks. Mit Filmen wie „Schindlers Häuser“ und „Bickels [Socialism]“ ist der erste Tag dabei den Architekturfilmen gewidmet.

Eine deutsche Premiere gibt es am 16.10. hingegen mit dem Film „The Lobby“: Emigholz' bevorzugter Darsteller, der Performancekünstler John Erdman, sitzt darin in verschiedenen holzgetäfelten und marmornen Lobbys in Buenos Aires und hält einen 70-minütigen sarkastischen und angriffslustigen Monolog über den Tod, das Kino, Sex, Krieg, Religion, das Universum und andere Themen, die der Regisseur ansatzweise auch in Spielfilmen wie „Streetscapes [Dialogue]“ und „Die letzte Stadt“ erkundete.

Die filmischen Mittel entsprechen dabei den Architektur-Essayfilmen: schnelle Folgen von starren, oftmals leicht verkanteten Einstellungen, mit denen sich der Film der Hauptfigur und den Räumen annähert („Schindlers Häuser“ + „Bickels [Socialism]“ 15.10., 11 Uhr, „Streetscapes [Dialogue]“ + „Die letzte Stadt“ 16.10., 16 Uhr, „The Lobby“ 16.10., 21.30 Uhr, „2+2=22 [The Alphabet]“, 17.10., 17 Uhr, HKW).

Einen typischen Essayfilm von Jean-Luc Godard zeigt das Zeughauskino in seiner Beethoven-Reihe: Als Collage aus Bild, Musik und Schrifttafeln erzählt „Une femme marriée“ (1964) am Beispiel einer jungen Frau zwischen zwei Männern von einer Gegenwart kompletter Oberflächlichkeit. Denn Charlotte (Macha Méril), die sich nur für die – mit Beethoven-Streichquartetten unterlegte – Gegenwart interessiert, lebt in einer Welt, die Godard wie einen großen Reklamespot inszeniert: gelackte Oberflächen, riesige Plakatwände, Zeitschriften voller Anzeigen für Dessous und Dialoge wie aus einem Werbeprospekt („Une femme marriée“, 16.10., 19.30 Uhr, Zeughauskino).

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Lars Penning, geboren 1962. Studium der Publizistik, Theaterwissenschaft und der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der FU Berlin. Freier Filmjournalist. Filmredakteur bei tipBerlin. Buchveröffentlichungen: Cameron Diaz (2001) und Julia Roberts (2003). Zahlreiche filmhistorische und –analytische Beiträge für verschiedene Publikationen. Lebt in Berlin.

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