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Film „Mein Leben, mein Ding“Anekdoten einer Unangepassten

In Sophie Fillières’ Film „Mein Leben, mein Ding“ mäandert die Protagonistin orientierungslos und wunderlich durchs Leben, mit einem Funken Hoffnung.

Barbie tut so, als sei sie beim Sport, während sie mit ihrer Freundin telefoniert. Als sie dann tatsächlich im Fitnessstudio ankommt, gibt sie vor, zu Hause zu sein. Überhaupt tut Barbie viele scheinbar unlogische oder unkoordinierte Dinge. Sie kann sich am Computer für keine Schriftart entscheiden, findet sogar, dass eine davon magersüchtig sei: eine Schriftart, „die sich jeden Morgen wiegt“.

Dann kündigt sie unverhofft ihren Job, isst einen McDonald’s-Burger im Park, obwohl sie Fast Food verabscheut, wird in seltsame Gespräche mit Fremden verwickelt oder lässt sich von einer Wildfremden aus der Tram dazu verdonnern, alle ihre Taschen zu schleppen. Ist Barbie wirr oder nur unentschlossen? Die 55-Jährige – zwei Kinder, vom Mann getrennt lebend – mag wunderlich wirken. Vielleicht tickt sie als Werbetexterin und Dichterin ohnehin anders.

Doch vor allem leidet Barbie an Orientierungslosigkeit. Von ihr wird sie zunehmend beherrscht, sodass sie im Alltag immer weniger funktioniert. Ihrem Psychiater sagt sie: „Ich weiß immer noch nicht, wer ich bin.“ Doch da steckt sie schon längst in einer Depression, die nun offensichtlich zutage tritt. Nachdem sie einem Jugendflirt begegnet, ihn nicht wiedererkennt und für einen Boten aus dem Jenseits hält, bekommt sie akute Todesangst und lässt sich in die Psychiatrie einweisen.

Der Film

„Mein Leben, mein Ding“. Regie: Sophie Fillières. Mit Agnès Jaoui, Angelina Woreth u. a. Frankreich 2024, 99 Min.

Erzählt werden diese Anekdoten im Leben einer Unangepassten eher beiläufig, nie dramatisch. Das entspräche auch nicht dem Stil von Regisseurin Sophie Fillières, die 2023, kurz nach Ende der Dreharbeiten für diesen Film, verstarb. So entpuppt sich „Mein Leben, mein Ding“ als ihr filmischer Schwanengesang, der zeigt, was wir an dieser eigensinnigen und originellen Filmemacherin verloren haben.

Fillières hat es immer verstanden, auch existenzielle Krisen ihrer Prot­ago­nis­t*in­nen mit Lakonie und subtilem Humor zu schildern. „Die Komödie ermöglicht es, sich auf gefährliches Terrain zu begeben, ohne dass man sich dafür rechtfertigen muss“, hat sie einmal gesagt. Man denke an ihren Film „Arrête ou je continue“ (2014), der die Trennung eines seit Langem verheirateten Ehepaars schildert. Darin lässt die Frau, Pomme (Sophie Devos), ihren Gatten Pierre (Mathieu Amalric) urplötzlich beim gemeinsamen Wandern im Wald zurück. Sie landet in einer Herberge, wo eine Gruppe Mu­si­ke­r*in­nen übernachtet. Als sich an einer Runde am Tisch alle mit Vornamen und Instrument vorstellen, passt sich die Frau, die keine Musikerin ist, nahtlos an und präsentiert sich mit „Pomme, Geige“.

Selbst in der Klinik erscheint die Protagonistin nicht nur als elende Patientin, sondern als exzentrische Person, die Aufmerksamkeit erregt

Dieser Ausschnitt ist auch symptomatisch für Fillières’ letzten Film, „Mein Leben, mein Ding“. Zum einen steht eine Protagonistin im Mittelpunkt. Zum anderen zeigt er, wie eine Frau sich einfügen kann, obwohl sie mit dem Herzen nicht bei der Sache ist und sich in der Gemeinschaft der Fremden unwohl fühlt. Komik kommt bei der Szene trotzdem auf.

In „Mein Leben, mein Ding“ gibt nun die großartige Agnès Jaoui die Hauptrolle, spielt eine Frau mittleren Alters, die ebenfalls an einem Wendepunkt im Leben angelangt ist. Sie gestaltet die Heldin als eine neben sich stehende Frau, die immer mal die Kraft für kleine rebellische Aktionen aufbringt, ansonsten aber mehr reagiert als agiert. Wie auch bei Pomme in „Arrête ou je continue“, deren Vorname „Apfel“ bedeutet, hört die Protagonistin in „Mein Leben, mein Ding“ auf einen sprechenden Namen. Eigentlich heißt sie Barberie, wird aber nur Barbie genannt.

Dabei ist sie kein blondes Püppchen, sondern eine reife Frau, deren Figur nicht dem Klischee einer Sexbombe entspricht. Auch ihr Familienname spricht Bände: Bichette. Das bedeutet auf Französisch „kleines Reh“, ist aber auch ein gängiger Kosename. Wer also „Barbie Schätzchen“ oder „Barbie Häschen“ heißt, strahlt bestimmt nicht die größte Autorität aus. Das merkt Barbie, die sich ihrer desolaten Lage durchaus bewusst ist und versucht, sich zu mehr Lebensfreude zu motivieren. Doch das will nicht gelingen. Stattdessen zeigt sie sich im Spiegel selbst den Mittelfinger.

Um Hilfe bittet sie nie, auch nicht ihre Kinder

So mäandert Barbie vor ihrer Aufnahme in die Klinik durch Paris. Sie sucht ihre Schwester (Valérie Donzelli) an deren Arbeitsplatz auf, raucht mit ihr eine ihrer „ekelhaften“ Zigaretten, bespricht familiäre Angelegenheiten, aber immer im Plauderton. Um Hilfe bittet sie nie, auch nicht ihre Kinder.

Denen ist Barbie eher peinlich. Als sie ihre Tochter zufällig im Park trifft, beschränkt die das Gespräch vor ihrer Freundin auf ein Minimum. Auch mit dem Sohn klappt die Kommunikation nicht besonders gut. Einmal zieht er ihr eine gelbe Weste an – eine augenzwinkernde Anspielung auf französische Gegenwart und womöglich ein Anstoß, in die Gänge zu kommen. Denn Barbie verliert immer mehr ihren inneren Kompass und wirkt auf andere oft verpeilt. Der Gang in die Klinik wird sich dennoch als wichtiger und verändernder Schritt erweisen, der aus Barbie endlich wieder eine handelnde Protagonistin macht.

Wie in einem Theaterstück erleben wir Exposition, Eskalation und Auflösung. Denn der Film ist in drei Kapitel unterteilt. Sie hören auf die hübschen Titel „Piff“, „Paff“ und „Juhu“. In der Tat fühlen sich die ersten beiden Teile wie kurz hintereinander verabreichte Ohrfeigen an. Barbie wird vom Leben, von ihren Selbstzweifeln und ihren Mitmenschen geplagt, muss einstecken.

Ein kleines Mädchen, das erwachsen werden muss

Allerdings erscheint sie sogar in der Klinik nicht nur als elende Patientin, sondern als exzentrische Person, die Aufmerksamkeit erregt. Sie muss total von vorne anfangen, wieder sie selbst werden. Womöglich spricht sie deshalb auch alle in der Einrichtung Arbeitenden mit „Fanfan“ an, egal, ob Krankenschwester oder behandelnden Arzt. Alle anderen sind austauschbar; Barbie ist ein kleines Mädchen, das wieder erwachsen werden und seine Position im Leben finden muss. Zunächst leidet sie an Wahnvorstellungen, vermutet eine Kamera in einer Lampe, führt Selbstgespräche.

Doch sie wird aus dem Tal der Tränen herausfinden, in einem anderen Tal in einem anderen Land eine wichtige Erfahrung machen, Mitmenschen wiederentdecken. Manchmal muss man tief sinken, um wieder nach oben zu schwimmen.

Dass Barbie im letzten Drittel des Films so etwas wie Kontrolle wiedererlangt, erzeugt einige so komische wie anrührende Szenen, vor allem mit ihren Kindern, die den Ernst der Lage erkannt haben. Außerdem spielen eine Fähre, ein britischer Pfadfinder, eine lang verschollene Freundin und ein Adelstitel eine Rolle. Das dritte Kapitel gibt trotz seines Titels zwar keinen Anlass zum Jubeln, aber zumindest zu mildem Optimismus.

Lose narrative Fäden finden zueinander

Außerdem erweist sich Regisseurin Fillières als ausgezeichnete Drehbuchautorin. Lose narrative Fäden aus den ersten beiden Kapiteln finden im letzten Teil zueinander: Figuren, die aufgetreten sind oder erwähnt wurden, finden wieder Beachtung, allerdings in einem anderen Kontext, und helfen Barbie bei ihrem Neuanfang.

Dass sie das Leben durch eine besondere Brille betrachtet, beweisen auch die selbstreflexiven und poetischen Gedichte, die sie überall niederschreibt. Das Dichten hilft bei der Orientierung, auch wenn sie bei scheinbar einfachen Aufgaben lange schwankt, wie beim eingangs erwähnten Aussuchen der passenden Schriftart für ihren Text. Sie entscheidet sich schließlich für „Avenir medium“, das eine mittelprächtige, aber immerhin eine Zukunft in Aussicht stellt.

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