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Film „Liebhaberinnen“ nach Jelinek-RomanFingernägel und gebrauchtes Badewasser im Verkauf

Kühl im Blick aber mit Mitgefühl: Die Romanadaption von Elfriede Jelineks „Liebhaberinnen“ erzählt von Ausbeutung und weiblicher Solidarität.

Johanna Wokalek und Ben Münchow in „Liebhaberinnen“ Foto: Silviu Guiman/COIN FILM

Und schon wieder Elfriede Jelinek. Gleich zweimal ist die Literaturnobelpreisträgerin auf der diesjährigen Berlinale vertreten – zumindest indirekt. Nach „Die Blutgräfin“, wo es im Vorspann heißt, der Film sei „unter Mitwirkung“ der österreichischen Autorin entstanden, geht „Liebhaberinnen“ sogar einen Schritt weiter und spricht von einer „modernen Adaption“ des titelgebenden Romans. Vor Augen, dass es sich hier um ein Langfilmdebüt handelt, darf man skeptisch werden.

Adaption ist in diesem Fall allerdings durchaus großzügig zu verstehen. Caroline Kox – oder „KOXI“, wie die luxemburgische Filmemacherin im Abspann genannt wird – bringt einen beeindruckenden Reichtum eigener Einfälle mit, um von zeitgenössischen Möglichkeiten zu erzählen, den weiblichen Körper zur Ware zu machen. Das klingt zunächst nach nüchterner Kapitalismuskritik aus feministischer Perspektive, zeigt neben scharfer Analyse jedoch auch erstaunliche Einfühlsamkeit, sobald man sich in dem stoischen Tonfall eingerichtet hat.

„Liebhaberinnen“ wirft mitten hinein in die triste Atmosphäre der Messehallen, in denen Brigitte (Johanna Wokalek) als Hostess arbeitet. Im knappen Kostüm und mit aufgesetztem Lächeln versucht sie, den Besuchern luxuriöse Endzeitbunker zu verkaufen. In ihren Pausen scrollt sie lustlos durch ihr Smartphone, vorbei an sinnentleerten Motivationssprüchen und KI-Videos, bleibt jedoch immer wieder bei den Beiträgen der jungen Paula (Hannah Schiller) hängen. Die Siebzehnjährige berichtet von der Langeweile auf dem Dorf, vor allem jedoch, wie sie dieser und ihrer vereinnahmenden Mutter entkommen will.

Der Film

„Liebhaberinnen“:

18. 2., 14.30 Uhr, Cinema Paris

19. 2., 21.30 Uhr, Bluemax Theater

22. 2., 11 Uhr, Delphi

Paula will etwas Besonderes sein, spricht es aus den Videos, die im Hochkantformat im Film erscheinen. Der Traum vom Durchbruch steht dabei in scharfem Kontrast zu ihrer Realität: Sie arbeitet als Camgirl, verkauft Fingernägel und gebrauchtes Badewasser im Netz. Brigitte aber scheint fasziniert, sieht ein Spiegelbild ihres früheren Ichs, als die Hoffnung auf etwas von Bedeutung noch greifbar schien. Inzwischen muss sie ihre Wohnung untervermieten und übernachtet im Fitnessstudio, unter der Last von Schulden und schwindenden Perspektiven.

Beiläufige Sehnsucht

Zugegeben, der Weg aus der ökonomischen Abhängigkeit von (heterosexuellen) Männern ist in „Liebhaberinnen“ sehr schmal gezeichnet. Leugnen lässt sich allerdings weder, dass die Realität vieler Frauen nun mal so aussieht („Teilzeitfalle“), noch das Interesse patriarchaler Strukturen, genau diese Abhängigkeiten zu erhalten.

Brigitte, die fortwährend begrapscht wird und gleichsam von der Angst getrieben ist, aufgrund des Alters ihren Job zu verlieren, macht sich das Diktat der permanenten Selbstoptimierung schließlich radikal zu eigen und versucht sich an Heinz (Ben Münchow) zu binden, einen unselbstständigen Dauersohn mit Aussicht auf Millionenerbe.

Trotz aller Überzeichnung und Johanna Wokaleks gekonnt lakonischem Spiel, das die formale Strenge von „Liebhaberinnen“ weiter verschärft, spricht selbst aus den groteskesten Wendungen noch etwas anderes: ein leiser Glaube an weibliche Solidarität. KOXI interessiert sich nicht nur für Mechanismen der Ausbeutung, sondern auch für die fragile Möglichkeit gegenseitiger Unterstützung.

Das Finale formuliert diese Sehnsucht ohne Pathos, fast beiläufig, und gerade darin liegt seine Kraft. „Liebhaberinnen“ ist kühl im Blick, doch eben nicht ohne Mitgefühl für jene, die in diesen Verhältnissen zu funktionieren versuchen.

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