Fifa vor der WM 2026: Mehr Realitätsverlust geht kaum
Vor der Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada beschwört die Fifa ihre friedensstiftende Kraft. Der Weltfußball ist aus den Fugen.
Foto: Stephanie Scarbrough/ap
D ie Welt gerät mächtig ins Wanken drei Monate vor dem Anpfiff der Fußball-WM der Männer. Es soll aber alles weiter nach Plan laufen, als wäre nichts passiert. Der Irak hat vergeblich bei der Fifa um eine Verlegung der Ende März anstehenden Playoff-Spiele in Mexiko gebeten. Er hatte auf den Krieg im Iran und den geschlossenen Luftraum im Nahen Osten verwiesen. Nun reist das irakische Nationalteam doch mit einem Privatflugzeug an. Die letzten sechs freien WM-Plätze werden die kommenden Tage in Mexiko und Europa vergeben.
Der schon qualifizierte Iran hat vergeblich um die Verlegung seiner WM-Spiele im Sommer gebeten. Statt beim Kriegsgegner USA wollte man lieber beim Co-Gastgeber Mexiko kicken. Doch Fifa-Präsident Gianni Infantino schloss das aus: „Wir haben einen Plan. Bald werden die 48 Teams feststehen, und wir wollen, dass die Fussball-WM nach Plan verläuft.“
Gesagt hat er das diese Woche bei der Onlinesitzung des Fifa-Rates. Im Zentrum dieser Zusammenkunft sei „das unerschütterliche Engagement der Fifa für Frieden und Freiheit“ gestanden, ließ der Weltverband wissen. Am Rande dieser Sitzung wurde der israelische Verband auf Anzeige der palästinensischen Föderation sanktioniert, weil er rassistische Vorkommnisse bei Beitar Jerusalem nicht geahndet hatte. Unter anderem müssen nun bei drei Spielen von Bedeutung im Stadion Banner mit der Aufschrift „Football Unites the World – No to Discrimination“ gut sichtbar aufgehängt werden.
Hehre Losung
Das könnte generell die Fifa-Losung werden, um den politischen Realitäten zu trotzen. All diejenigen, die die Fifa und insbesondere Infantino für ihre rückgratlose Haltung gegenüber US-Präsident Donald Trump kritisieren, weil der unwidersprochen politischen Gegnern mit Entzug von WM-Spielen drohen kann, sollten nicht ungeschoren davonkommen. Mindestens 100 Mal sollten sie in Schönschrift den Satz abschreiben: „Football unites the world.“
Das gleiche Schicksal soll auch die ereilen, die sich öffentlich eine verurteilende Stellungnahme der Fifa gewünscht haben, weil kürzlich ein jamaikanisches Klubteam nur massiv geschwächt zu einem Wettbewerbsspiel in die USA reisen konnte. Vornehmlich den haitianischen Profis der Mannschaft wurde ein Visum verweigert. Und all diejenigen, die immer noch herummäkeln, dass bei der WM Fans der qualifizierten Teams aus Haiti, Iran, Senegal und der Elfenbeinküste nicht in die USA einreisen dürfen, sollten sich jetzt verdammt noch mal 100 Mal hinter die Ohren schreiben: „Football unites the world.“
Vom jüngsten Treffen mit Trump berichtete Infantino, dieser habe bestätigt, die iranischen Fußballer seien während der WM herzlich willkommen in den USA. Trumps spätere Ergänzung, er hielte es aus Sicherheitsgründen für unangemessen, wenn das Team anreisen würde, kommentierte die Fifa wiederum nicht.
Generell erinnerte der Fifa-Rat auf seiner jüngsten Friedenssitzung daran, keine geopolitischen Konflikte lösen, aber zur Friedensförderung Brücken bauen zu können. Dieser Sprachregelung von der verbindenden Kraft des Fußballs haben sich mit Blick auf die kommende Fußball-WM längst alle nationalen Verbände wie der DFB angeschlossen.
Wie diese wirken soll, wenn sich der Fußball ohne Haltung den Spielregeln von skrupellosen Regierungschefs in Russland, Katar, USA oder Saudi-Arabien unterwirft, bleibt ein großes Rätsel. Dabei ist die Macht der Fifa nicht zu unterschätzen. Die Steuergesetzgebung eines jeden Gastgeberlandes wird allerorten wachsweich, wenn der Fußballweltverband es so will. So verbindend wie die Kraft, Gewinne erzielen zu können, ist nichts anderes im Weltfußball.
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