Fifa klagt gegen Blatter: Skandale sind nur was fürs Museum

Der Fußballweltverband Fifa hat Strafanzeige gegen seinen Expräsidenten Sepp Blatter gestellt. Aber nur, um ungestört zu bleiben.

Portraitaufnahme von Sepp Blatter, dem einstigen Fifa-Präsidenten

Alte Geschichten: Die Fifa interessiert sich für Sepp Blatter und die Skandale von früher Foto: Federico Gambarini/dpa

Der Vorwurf, der Weltfußballverband Fifa sei kriminell, hat kaum Unterhaltungswert. Es sei denn, die Fifa selbst erfreut das Publikum mit der Botschaft über aufgetauchte „Beweise für den Verdacht auf kriminelles Missmanagement“. Die nun gestellte Strafanzeige bezieht sich allerdings auf „das frühere Fifa-Management“. Fifa-Boss Gianni Infantino gegen Ex-Fifa-Boss Sepp Blatter also.

Interessant an dieser Anzeige ist, dass alles, was die Fifa vorträgt, seit Jahren bekannt ist: Das 2016 in Zürich eröffnete „Fifa World Football Museum“ war teuer und es produziert jährlich Defizite im zweistelligen Millionenbereich. Man spricht von 140 Millionen Franken Umbaukosten für das Gebäude, das gar nicht der Fifa, sondern Swiss Life gehört; die Mietkosten sollen bis zum Vertragsende 2045 etwa 360 Millionen Franken betragen. Die avisierte jährliche Besucherzahl von 250.000 wurde grandios verfehlt, was niemand verwundert – nur zwei der über fünfzig Zürcher Museen können überhaupt solche Zahlen verzeichnen.

Nun zu vermuten, die neue Fifa-Führung um den im Februar 2016 gewählten Gianni Infantino habe es versäumt, sich um das Museum, ein Herzensprojekt Sepp Blatters, zu kümmern, wäre falsch. Dass statt der Viertelmillion Besucher im ersten Jahr nur 107.000 kamen, hatte die neuen Fifa-Herren tatsächlich sofort alarmiert: Sie warfen nicht nur den Geschäftsführer raus, sondern auch 50 von 140 festangestellten Mitarbeitern. 2018 trat ein neuer Museumschef an, und die Besucherzahlen stiegen merklich. Ende 2018 waren es 141.000, Ende 2019 schon 162.000, und während Corona wurden neue Konzepte entwickelt, unter anderem zum E-Football.

Kurz gesagt: Bedarf zu handeln, ja, sogar die Staatsanwaltschaft einzuschalten, hätte vielleicht 2016 bestanden, aber warum dies alles jetzt, Ende 2020, geschieht, leuchtet nicht ein, solange die Fifa nicht neue Fakten auf den Tisch legt. Zumindest gegenüber den Zürcher Behörden sollte sie das bald tun, sonst scheitert Infantino wie sonst nur ein anderer Präsident vor dem Supreme Court.

Musealisierung krummer Deals

Nach einem Jahr voller Abstand und Kontaktbeschränkungen widmen wir uns in unserer Weihnachtsausgabe dem Gefühl, ohne das 2020 wohl erst recht nicht auszuhalten gewesen wäre: der Liebe. Muss man sich wirklich selbst lieben, um geliebt werden zu können? Hilft der Kauf eines Flügels bei der Auseinandersetzung mit dem Kind, das man einmal war? Und was passiert eigentlich mit all den Lebkuchenherzen, die nicht auf Weihnachtsmärkten verkauft werden konnten? Ab Donnerstag am Kiosk, im eKiosk, im praktischen Wochenendabo und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Aber wer denkt schon, wenn es um Skandale der Fifa geht, ans Museum? Richtig, nur die Fifa, denn niemand sonst hat ein derart massives Interesse an der Musealisierung aller bislang schon enttarnten und noch nicht enttarnten krummen Deals, die dieser Verband so treibt.

Es ist überhaupt nicht zu erkennen, warum ausgerechnet die Fifa ein besonderes Interesse daran haben könnte, dass Sepp Blatter vor Gericht gestellt wird. Der langjährige Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino galt als Günstling des langjährigen Fifa-Generalsekretärs und -Präsidenten Sepp Blatter. Man müsste schon sehr naiv sein zu vermuten, dass Blatter im Falle einer drohenden Verurteilung nicht Infantino mit reinreißen würde.

Es geht der Fifa kein bisschen um das, was rund um das Museum geschieht. Die Geschichte des Fußballs ist ja auch nicht die, die dort ausgestellt wird. Dort geht es nicht um die Kämpfe von asiatischen und afrikanischen Kickern, endlich ernst genommen zu werden. Es geht nicht um den Ausschluss von Frauen, auch nicht um die Durchkapitalisierung auf dem Rücken von Fans und Spielern und nicht um die Skandale der Fifa. Es geht dort nur um eine geschönte Historie eines bei Lichte betrachtet völlig überflüssigen, aber leider immer noch sehr mächtigen Verbandes.

Was die Fifa will, ist eine Musealisierung ihrer Skandale und des zu ihnen gehörenden Personals. Korruption, Missmanagement, Machtmissbrauch? Ja, das soll es früher wohl mal gegeben haben, bald findet es sich in einer Zürcher Glasvitrine.

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Jahrgang 1964, Mitarbeiter des taz-Sports schon seit 1989, beschäftigt sich vor allem mit Fußball, Boxen, Sportpolitik, -soziologie und -geschichte

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