Festnahmen in Belarus: Warum Ärzte?

Darf ein Mediziner in seiner Freizeit an einer Protestaktion teilnehmen? Janka Belarus erzählt von stürmischen Zeiten in Minsk. Folge 28.

Ein Dem,onstrant und eine Demonstrantin halten Pappschilder hoch

Demonstranten bekunden Solidarität mit oppositionellen Minsker Medizinstudenten am 29. Oktober Foto: ITAR-TASS/imago

Auf einer der Hauptstraßen von Minsk wurden am Dienstag bei einer Solidaritätsaktion zehn Mediziner des Zentrums für Kardiologie festgenommen. Die Ärzte waren vor dem Beginn ihrer Arbeit gekommen und trugen weiße Kittel. Dann kam eine Sondereinheit der Polizei und brachte sie weg. Aus diesem Grund war die Arbeit der gesamten Abteilung blockiert, die sich um die Erstversorgung nach Infarkten kümmert. Auch geplante Operationen wurden verschoben.

Ich möchte den Sicherheitskräften gerne die folgende Frage stellen: „Gibt es in Belarus mittlerweile Unsterbliche, die vor nichts mehr Angst haben? Die keine Verwandten, ihnen nahe stehende Personen oder Freunde haben, die in Gefahr sind und jetzt einfach keine Diagnose und Behandlung bekommen, weil der entsprechende Spezialist festgenommen wurde? Wie kann man überhaupt die Hand an Ärzte legen, die friedlich auf der Straße stehen? Zu allen Zeiten, sogar im Krieg, gibt es eine Regel, die dem gesunden Menschenverstand entspringt: Finger weg von denjenigen, die Leben retten. In Belarus jedoch sind andere, unmenschliche Zeiten angebrochen.

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So gegen Mittag wurden die Ärzte des Kardiologie-Zentrums auf freien Fuß gesetzt. Wegen Teilnahme an einer nicht genehmigten Aktionen wurde gegen jeden von ihnen eine Ordnungsstrafe verhängt.

Auf Facebook postete ein Arzt folgendes: „Im Bewusstsein eines durchschnittlichen Menschen ist ein Arzt ein Wesen im Vakuum – außerhalb der Politik. Das ist übrigens eine richtige Aussage: Kein Arzt darf jemandem aus politischen Motiven Hilfe verweigern und minderwertige Hilfe leisten. Das ist wahr.

Ein Mediziner wird jedoch NIEMALS da schweigen, wo Menschenrechte verletzt werden. Wir haben versprochen und geschworen, für das Leben und die Gesundheit der Menschen zu kämpfen. Aber man hindert uns nicht nur daran, unser Gelübde zu erfüllen, sondern auch noch darüber zu sprechen. Uns wird verboten, über die krassen Verbrechen zu sprechen, die der Staat an Menschen verübt.

Wenn ein Student der Medizin zwischen den Vorlesungen in der Halle der Universität auf die Treppe sitzt und das belarussische Volkslied „Kupalinka“ singt, wird er stigmatisiert und klar darauf hingewiesen, dass er bei den Examina Probleme bekommen wird. Wenn Ärzte in ihrer Freizeit auf eine friedliche Kundgebung gehen und umsichtigerweise einen Erst-Hilfe-Kasten dabei haben für den Fall, irgendjemandem helfen zu müssen, werden sie rücksichtslos festgenommen, beleidigt, an den Hypokratischen Eid erinnert und dann hinaus geschmissen und von der Hochschule verwiesen. Und dann geht es wieder los: Man beleidigt und erniedrigt sie und kippt dann Dreck über ihnen aus.

Wenn ein Arzt in den sozialen Medien von den Vorgängen im Land berichtet, wird er ebenfalls bedroht und ihm wird gesagt, dass er nicht das Recht habe, seinen Mund aufzumachen. Ich schreibe über Ärzte, weil ich selber einer bin und ein Dutzend Ärzte, mit denen ich bekannt bin, keine Angst haben auf die Straße zu gehen, zu reden, zu schreiben, Forderungen zu stellen und unter der seelenlosen Staatsmaschine gelitten haben.

In meinem Post kann man das Wort „Mediziner“ durch jedes andere ersetzen: Lehrer, Ingenieur, Hausfrau, Rentner. Mensch. In der Republik Belarus werden Menschenrechte verletzt und genau deshalb können Mediziner, Lehrer, Ingenieure, Hausfrauen, Rentner, ja die MENSCHEN nicht länger schweigen. Als jemand, der eine abweichende Meinung vertritt, möchte ich daran erinnern, dass man eine bessere Welt nicht auf Angst, dem Schweigen der Menschen, Blut und Schmerz aufbauen kann. So geht das nicht. Aus! Wir werden nicht schweigen. Wir haben eine Stimme. Wir sind da.

Aus dem Russischen Barbara Oertel

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ist 45 Jahre alt und lebt und arbeitet in Minsk. Das Lebensmotto: Ich mag es zu beobachten, zuzuhören, zu fühlen, zu berühren und zu riechen. Über Themen schreiben, die provozieren. Wegen der aktuellen Situation erscheinen Belarus' Beiträge unter Pseudonym.

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