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Festival Kirill & Friends BerlinEine selten erlebte ernsthafte Leichtigkeit

Der im Berliner Exil lebende russische Regisseur Kirill Serebrennikov lädt zum kompakten Showcase. Zu sehen war dort bereits seine Inszenierung „Legende“.

Kirill Serebrennikov hat mächtige Feinde. Vor einigen Jahren hängte man dem Theatermacher in Russland ein Strafverfahren an den Hals und stellte ihn unter Hausarrest. Aber er inszenierte trotzdem weiter – per Zoom. Sein Theater, das „Gogol Center“ in Moskau, ist längst Vergangenheit in einem autokratischen Staat, der Eigenständigkeit auf allen Ebenen sanktioniert.

Serebrennikov, schon vor seiner Verfolgung durch die russischen Staatsorgane in der europäischen Theaterszene bestens vernetzt, lebt inzwischen im Berliner Exil. Er ist als Regisseur von Oper und Schauspiel an den großen deutschsprachigen Häusern sehr nachgefragt. Seine Filme laufen regelmäßig in Cannes. Seit drei Jahren steckt er seine überschüssige Energie in das Projekt „Kirill & Friends“. Eine Theatercompagnie, die ganz bewusst KünstlerInnen aus unterschiedlichen Disziplinen und kulturellen Kontexten zusammenführt.

Das „Kirill & Friends Berlin Festival“ vereint nun die an verschiedenen Orten entstandenen Arbeiten zu einem kompakten Showcase. Den Auftakt bildete Kirill Serebrennikovs Hamburger Inszenierung „Legende“, eine Liebeserklärung an den sowjetischen Filmemacher Sergei Paradschanow. „Ich habe mir seine Filme in meiner Jugend immer wieder angesehen, sodass sie Teil meiner Identität wurden“, bekennt er. Paradschanow hat neben Andrei Tarkowski die wohl eigenständigste Handschrift im sowjetischen Kino, was die filmischen Mittel, aber auch die Themen betrifft. Betörende Farbtableaus, die sich einbrennen ins visuelle Gedächtnis, sind charakteristisch für die Kinokunst des Armeniers.

Das Festival

Kirill & Friends Berlin Festival, verschiedene Orte. Bis 13. September

Immer wieder dominiert Rot, das volle Rot aus Paradschanows Filmen, die Bühne des Berliner Schiller-Theaters. Vier kurze Stunden ist man in einer anderen Welt, die von null auf hundert entsteht, als im ersten Rang ein georgischer Chorsolist aus der Tiefe seines Körpers Töne hervorholt, die den Saal fluten und durch alle Hautschichten dringen. Zehn Legenden werden erzählt und nebenbei ein kleines Sprachbabylon etabliert, kommen doch Kirills Compagnie-Mitglieder aus vielen Ecken der Welt.

Überwältigendes Gesamtkunstwerk

Es ist ein überwältigendes Gesamtkunstwerk, das musikalisch geprägt wird durch einen intensiven Klangteppich, live erschaffen durch Daniil Orlov am Keyboard, durch den georgischen Männerchor Schavnabada und die Sopranistin Svetlana Mamrescheva. Im Spiel springen Filipp Avdeev und Nikita Kukushkin, die beide in Serebrennikovs Moskauer Schauspielklasse waren, wie große Käfer durch das hüfthohe Gras. Überhaupt etabliert sich eine selten auf deutschen Bühnen erlebte ernsthafte Leichtigkeit, geht es doch um Leben und Tod, aber mit der Option, dass nach dem Tod die Existenz auf jeden Fall weitergeht. Nur die Perspektive hat sich etwas verschoben.

Karin Neuhäuser spielt in der ersten Legende eine tote Mutter, deren ganzes Weh ihrem zurückgelassenen Pelzmantel gilt. Von Anfang an ist sie das heimliche Gravitationszentrum der Inszenierung. Baut sich etwas Pathos auf, geht sie nonchalant dazwischen. Und hat dann ihren richtig großen Auftritt als alternde Diva, die an Marlene Dietrich erinnert.

Pardaschanow war schon als junger Mann unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg überzeugt, ein Genie zu sein. Daran erinnert die rote Leuchtschrift „I’m genius“. Serbrennikov legt dessen Alter Ego die letzten Worte des Abends in den Mund: „Nach uns bleibt nur die Schönheit, die wir uns geleistet haben. Ich habe mir sehr viel Schönheit geleistet. Und das ist gut so.“

Fünf Filme im Programm

Nikita Efimov hat Kirill & Friends bei ihrer Spurensuche und bei den Proben zu „Legende“ begleitet. „Making Legende“ ist einer von fünf Filmen, die das Theaterprogramm flankieren. Mit dabei auch Serebrennikovs sensibles Porträt „Tschaikovskijs Wife“. Der Spielfilm debütierte vor vier Jahren in Cannes im Wettbewerb, kam aber nie in die deutschen Kinos. Herzstück des Festivals aber ist die Initiative „Ampersand (&) Grant“. Am letzten Tag des Festivals werden fünf KünstlerInnen, die in Deutschland im Exil arbeiten, mit einem Stipendium ausgezeichnet und in den „Freundeskreis“ von Kirill & Friends aufgenommen.

Mit August Diehl sitzt Serebrennikov entspannt in der Matthäus-Kirche. Diehl ist beim Festival zu sehen in der „Schneesturm“. Befragt zu den Besonderheiten des deutschen Schauspielertums, sagt der: „In Deutschland gibt es so viel Schauspielschulen wie Kirchen.“ Was im Kopf bleibt, ist auf jeden Fall die charmante Miniaturkopie des Treptower sowjetischen Soldaten im Foyer des Schiller-Theaters. Im Gegensatz zur Originalstatue scheint sie zu schweben.

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