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FeminismusAuch Frauen in Machtpositionen brauchen unsere Solidarität

Werden mächtige Frauen misogyn angegriffen, müssen wir sie in Schutz nehmen – unabhängig davon, ob wir all ihre Entscheidungen und Ansichten teilen.

Macht ist situativ: Als Schiedsrichterin ist Fabienne Michel Entscheiderin. Als Frau ist sie dennoch dem Patriarchat ausgesetzt Foto: Markus Endberg/picture alliance

Solidarität klingt erst einmal immer super. Solidarische Menschen stehen füreinander ein, helfen den Schwächeren, teilen ihr Glück und ihre Ressourcen. Im Alltag denken wir Solidarität aber häufig verkürzt, vertikal – als Fürsorge der Starken für die Schwachen.

Rund um den feministischen Kampftag kursiert dazu passend jedes Jahr dieses animierte Bild: Eine Frau hilft der nächsten nach oben. Eine, die steht, bückt sich nach unten und hilft einer anderen. Eine, die stärker ist, zieht eine schwächere hoch. Mit diesem Von-oben-nach-unten-Schema begrenzen wir unser Solidaritätsverständnis grundlegend. Eine ganzheitliche Solidarität unter Frauen muss auch Solidarität von unten nach oben beinhalten.

Das bedeutet keinesfalls, dass man Frauen in Machtpositionen immer in Schutz nehmen muss oder nicht kritisieren darf, weil sie Frauen sind. Wenn diese aber als Frau misogyn angegriffen werden, weil sie Frau sind – dann ist Solidarität geboten.

Drei Frauen strecken ihre Faust in die Höhe, dazu der Spruch: Solidarität ist unsere Superkraft
feministaz

Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.

Denn Macht ist im Alltag häufig situativ. Nehmen wir die Schiedsrichterin bei einem Fußballspiel des Frauenteams von Eisern Union. Im einen Moment ist sie – aus Sicht der Fans – Adressatin von Buhrufen wegen eines vermeintlichen Fehlpfiffs. Sie hat die Macht dazu, alle sind ihrem Urteil unterworfen. Im nächsten Moment beschimpft ein Vollidiot auf der Tribüne sie als „Schiri-Fotze!“ – und schon verändert sich die Dynamik. Plötzlich ist nicht mehr ihre Entscheidung das Thema, sondern die Herabwürdigung ihrer Person. Kritik an der Entscheidung bleibt legitim. Die Beleidigung aber überschreitet eine Grenze.

Der Fall Renate Künast

Gerade Frauen in öffentlichen Funktionen erleben diese Verschiebung besonders schnell. Als Renate Künast im Netz zutiefst frauenfeindlich beschimpft wurde, befand das Berliner Landgericht solche Äußerungen zunächst als von der Meinungsfreiheit gedeckt. Erst nach breiter öffentlicher Empörung und weiteren juristischen Auseinandersetzungen wurde klargestellt: Das ist keine legitime Kritik, sondern eine Beleidigung.

Bemerkenswert war dabei die parteiübergreifende Empörung. Politische Geg­ne­r*in­nen stellten sich hinter sie. Nicht, weil sie ihre politischen Positionen teilten, sondern weil klar wurde: Die frauenfeindliche Entwürdigung von Frauen in politischen Ämtern gefährdet das gesamte demokratische Gefüge.

Solidarität im feministischen Kontext heißt nicht, Macht unkritisch zu stützen, sondern zwischen politischem Dissens und sexistischer Delegitimierung zu unterscheiden – Frauen in Machtpositionen nicht deshalb schutzlos zu lassen, weil sie „oben“ stehen. Solidarität im feministischen Kontext sollte auch bedeuten, die eigene Position zu hinterfragen.

Unsere Gesellschaft belohnt Konkurrenz systematisch. Kapitalistische Logiken fördern den Vergleich mit denen, die mehr besitzen, mehr Einfluss haben, mehr Sichtbarkeit. Solidarität wird unter solchen Bedingungen zu einer knappen Ressource, alle fühlen sich benachteiligt. So zerfällt Solidarität aber in nebeneinanderstehende Ansprüche. Jede Gruppe fordert sie ein – kaum jemand fühlt sich zuständig, sie zu gewähren.

Was heißt eigentlich oben?

Gerade unter Fe­mi­nis­t*in­nen wird diese Komplexität sichtbar. Von außen erscheinen sie als eine geschlossene Gruppe. Von innen besteht die Bewegung aus einem Geflecht von Differenzen, auf die wir intersektional zu blicken gelernt haben. Eine weiße, arme Frau steht anders in der Welt als eine Schwarze, ökonomisch erfolgreiche Frau. Wer ist hier oben? Wer unten? Privilegien und Benachteiligungen überkreuzen sich.

Sophie Fichtner und Stefan Hunglinger blicken in die Kamera, daneben steht: Reingehen – Die Geschichten der Woche
Foto: taz
Die Feministaz: Idee und Entstehung

Sophie Fichtner spricht in der neuen Folge Reingehen mit Manuela Heim über das Konzept und die Entstehung der Feministaz.

Hier geht es zum Podcast.

Solidarität lässt sich deshalb nicht dauerhaft entlang einer festen Hierarchie verteilen. Sie muss beweglich gedacht werden – horizontal und, ja, auch situativ nach oben. Sie wird stärker, wenn wir sie nicht nur als Schutz der Schwächeren verstehen, sondern als Bereitschaft, Rollen, Verfahren und Personen auch dann zu verteidigen, wenn wir ihnen widersprechen.

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3 Kommentare

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  • Endlich ein guter differenzierter und pointierter Artikel zu einem komplexen Thema und den Folgen einer vereinfachten Betrachtungsweise. Gerade der Fall Künast zeigt eindrucksvoll auf, wie wirkmächtig auch das Patriarchat und sein täterschützendes System auf höchsten justiziablen Ebenen agieren, wenn politische Gegner sich übelster unterirdischer Diffamierungen bedienen sobald es sich um eine GegnerIN handelt… und dabei noch Unterstützung durch hegemonial männliche Rechtsstrukturen findet.

  • Vielleicht sollte man die kleine Schwarzweißmalerei im Text (schwarz + reich = oben, weiß + arm gleich unten? Oder doch nicht?) mal anders und tiefer analysieren. Möglicherweise geht es gar nicht um Frauenrechte?



    "...Bereitschaft, Rollen, Verfahren oder Personen verteidigen, auch wenn man ihnen widerspricht."? Dann wäre die Lebensleistung einer Fr. Meloni, Fr. Weidel oder Fr. LePen, die sich in einer männerdominierten Umgebung durchsetzten, viel höher zu bewerten als die Spitzemkanditatur einer beliebigen grünen Frau, die sich nur noch mit Ihresgleichen messen muss.



    Oder sind die genannten Frauen u.v.a. nur die "trojanischen Pferde" (oder muss ich hier schreiben: "Stuten"?) einer am Morgenhorizont aufdämmernden Repatriachalisierung?

    • @Vigoleis:

      „Dann wäre die Lebensleistung einer Fr. Meloni, Fr. Weidel oder Fr. LePen, … viel höher zu bewerten als die Spitzemkanditatur einer beliebigen grünen Frau, … .“



      NEIN, zu unterkomplex gedacht: Das Schaffen genannter Frauen muss im Kontext ihrer Ideologie & entsprechenden Supports gedacht werden. Selbstredend ist es immer eine Leistung als Frau in Männerdomänen voranzukommen, wenn ihre politischen Befürworter erreichen wollen, dass auch Frauen sich rassistischen Gesinnungen anschließen sollen, stellen sie halt weibliche Spitzenkandidatinnen die sich einhellig für die Rückkehr der Frau auf traditionelle Werte einsetzen. Der Rattenfänger von Hameln ist Ihnen ein Begriff? Einer „beliebige grüne Politikerin“ hingegen, wird’s nicht so leicht gemacht.



      „Oder sind die genannten Frauen u.v.a. nur die "trojanischen Pferde" (oder muss ich hier schreiben: "Stuten"?) einer am Morgenhorizont aufdämmernden Repatriachalisierung?“



      Persiflieren rhetorischer Figuren… echt jetzt? Sicher findet bei Meloni & Co keine „Repatriachalisierung“ (?) hier ist eher von Alibifrauen auszugehen, die auch nur dem Patriarchat unterliegen und mithitlern um voranzukommen. ManN pinkelt ja auch nicht gegen den Wind 😉