piwik no script img

Feminismus und Nachhaltigkeit„Als Frau einen Verlag in Pakistan zu betreiben, ist einsam“

Verlegerin, Journalistin, Unternehmerin, Podcasterin – Mehr F. Husain ist vieles. Mit ihrer Firma will sie nicht nur die Modewelt aufmischen.

Nachhaltigkeit ist ihr großes Thema: Mehr F. Husain Foto: Mobeen Ansari

Und plötzlich ist Mehr F. Husain auch noch Verlegerin, steigt selbst in die Buchbranche ein. Es ist 2020, die britisch-pakistanische Unternehmerin und Journalistin betreibt zu dieser Zeit bereits Zuka Accessoires, eine soziale und nachhaltigen Firma für traditionelle Stoffe und Handwerkskunst. Nun der nächste Schritt – ein Buchverlag.

„Eigentlich wollte ich nie Verlegerin werden“, hat Mehr F. Husain in einem Interview mit dem Onlinemagazin Scroll dazu gesagt, doch die politische Situation habe sie dazu gezwungen. 2019 hatten islamistische Terroristen einen Anschlag in Kaschmir verübt, die kulturellen Beziehungen zwischen Indien und Pakistan lagen daraufhin brach. Pakistanische Au­to­r:in­nen litten unter der Situation, und die Verlagsbranche ihres Heimatlands tat nur sehr wenig. „Ich war entsetzt“, erklärte Husain. „So entstand Zuka Books.“

Husain gründet also im pakistanischen Lahore einen unabhängigen Verlag, der sich dem Thema Nachhaltigkeit widmet. Sie will den kulturellen Austausch fördern, möchte Zensur, Genrebeschränkungen und der schwindenden kreativen Freiheit im Mainstream-Verlagswesen etwas entgegensetzen.

Eine Weltkarte mit Stecknadeln, die ein Netzwerk markieren
Solidarisch vernetzt

Im Wissen über Netzwerke liegt viel Macht. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Zum internationalen feministischen Kampftag wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die sich für ein Leben einsetzen, dass die Rechte aller achtet. Auch sie haben Netzwerke. Wir starteten vor der Haustür und haben uns auf die Suche begeben. Wir wollten wissen: Wer lebt und kämpft solidarisch? Und haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor kurzem völlig fremd waren.

Die Themen von Zuka Books: Identität, Geschlecht, psychische Gesundheit, Kulturgeschichte. Husain sieht sich auch als Kulturvermittlerin, ihr Verlag soll eine Plattform für das intellektuelle Terrain Pakistans sein.

Unter der Marke Zuka hat Mehr F. Husain mittlerweile verschiedenste Projekte realisiert. Der Name setzt sich aus den Anfangssilben der Namen ihrer Söhne, Zulfiqar und Kassim, zusammen.

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Husain stammt aus der Medienbranche, dem geschriebenen Wort ist sie schon lange verbunden. Ihre Karriere beginnt sie 2007 als Redakteurin bei einer großen pakistanischen Zeitung; dort schreibt sie über Politik, als Pakistan gerade mitten im Krieg gegen den Terror steht. Die Propaganda kommt von allen Seiten – eine der größten Herausforderungen zu jener Zeit für die Journalistin. Außerdem berichtet sie über die Textilindustrie.

Tradition und Gegenwart

Ihre Artikel decken auf, wie koloniale, industrielle und patriarchalische Kräfte das indigene Handwerk an den Rand gedrängt und die handwerkliche Arbeit von Frauen abgewertet haben. Sie will die Menschen sichtbar machen, auf deren Wissen und Traditionen die Mode von Industrieunternehmen beruht. Husain sieht Handwerk als ein nachhaltiges Entwicklungsmodell – vorausgesetzt, es wird durch faire, transparente und kultursensible Rahmenbedingungen gestützt.

2018 gründet Husain das eigene nachhaltige Modeunternehmen Zuka Accessoires. Ihr Ziel: Sie will indigene Handwerkstraditionen bewahren und wiederbeleben. Ihre Firma arbeitet eng mit Handwerkerinnen aus ländlichen Gebieten zusammen, gefährdete Textiltraditionen wie Musselin (Mulmul), Khaddar und Handblockdruck sollen in die Gegenwart überführt werden.

Als Unternehmerin verzichtet sie dabei auf ausbeuterische Zwischenhändler, setzt auf den direkten Weg von der Handwerkerin zur Verbraucherin. Die Pro­du­zen­t:in­nen profitieren davon.

Mit der Gründung von Zukast, Pakistans erstem Podcast zum Thema Nachhaltigkeit, erweitert sie 2021 ihr Engagement. Über diese Plattform untersucht sie Themen wie die Arbeit von Frauen in der Textilindustrie, Baumwollwirtschaft in der Landwirtschaft und die Geschlechtergleichstellung in den Lieferketten.

„Ich musste also die Zähne zusammenbeißen und standhaft bleiben“, sagt Mehr F. Husain Foto: Mobeen Ansari

Mit öffentlichen Vorträgen und digitalen Präsentationen macht sie auf die gemeinsamen Realitäten von Baumwollpflücker:innen, Landarbeiter:innen, Hand­wer­ke­r:in­nen und Fa­brik­ar­bei­te­r:in­nen aufmerksam.

Darüber hinaus will sie auch die digitalen Kompetenzen der Frauen stärken. Dafür arbeitet Husain mit Organisationen zusammen, die Handwerkerinnen aus ländlichen Gebieten mit den notwendigen Werkzeugen ausstatten, um sich auf Onlinemärkten zurechtzufinden, eigene Shops zu eröffnen, an virtuellen Ausstellungen teilzunehmen und sich als Kleinstunternehmerinnen betätigen zu können.

Drei Frauen strecken ihre Faust in die Höhe, dazu der Spruch: Solidarität ist unsere Superkraft
feministaz

Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.

Husain ist Nachhaltigkeitsbotschafterin auf mehreren Ebenen: Sie setzt sich direkt für Handwerkerinnen ein, schafft aber auch Raum für übersehene Erzählungen. Sie will ein geschlechtersensibles Bewusstsein innerhalb der Mode- und Textilindustrie fördern, die noch immer aus undurchsichtigen Lieferketten besteht.

Auch als Verlegerin produziert Mehr F. Husain mit begrenzten Ressourcen, druckt auf hochwertigem Papier, vermeidet Müll und verzichtet auf Massenproduktion. Als Frau einen unabhängigen Verlag in Pakistan zu betreiben, sei „einsam“, sagte sie in einem Interview, denn die Verlagsszene bestehe fast nur aus Männern. Als sie den Verlag gründete, sei sie paternalistisch behandelt worden. „Ich musste also die Zähne zusammenbeißen und standhaft bleiben.“ Das ist sie zum Glück bis heute geblieben.

Unser Mittel gegen Antifeminismus

Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare