Fehlerhafte Brustkrebs-Befunde in Bremen: Halbe Belegschaft für die gleiche Leistung
Die Pathologie in Bremen-Mitte hatte vor der Fehlerserie bei Brustkrebs-Befunden einen Großteil der Ärzt*innen verloren. Erklärt das die Fehler?
Das Wort „Umbruch“ ist fast verharmlosend für das, was in der Pathologie am Klinikum Mitte zwischen 2023 und 2025 passierte: Vor und während der Fehlerserie einer Pathologin bei der genaueren Bestimmung von Brustkrebsarten verlor das Institut knapp die Hälfte seiner Vollzeitstellen; unter dem verbliebenen Personal herrschte zudem ein ungewöhnlich schneller Wechsel. Das zeigt eine Antwort des Bremer Senats auf zwei Kleine Anfragen der Oppositionsparteien FDP und CDU.
Einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden war Anfang Dezember, dass in der Pathologie des Klinikums Mitte 34 Fälle von Brustkrebs falsch eingeordnet worden waren. Aufgefallen war zuvor einem Gynäkologen, dass die Behandlung bei zweien seiner Patientinnen nicht wie erwartet anschlug – durch seinen Hinweis wurde die Fehlerserie aufgedeckt. Die Analyse des Klinikverbundes Gesundheit Nord (Geno) zielte schnell auf individuelle Fehler einer Oberärztin bei einer bestimmten Diagnostik.
Die Prüfung ihrer insgesamt rund 500 Befunde in diesem Bereich hatte 32 weitere fehlerhafte Fälle ergeben. Die Pathologin hatte bei der sogenannten HER-2-Diagnostik einen Marker falsch interpretiert und damit einen aggressiveren Krebstyp diagnostiziert als tatsächlich vorhanden.
Die Wahl der Behandlung wird von dieser Einstufung abhängig gemacht – Patient*innen wurden dadurch teilweise übertherapiert. Einige mussten eine unnötige Chemotherapie durchmachen. Stichprobenartige Kontrollen der HER-2-Befunde anderer Patholog*innen am Institut seien ergebnislos verlaufen.
Stellenabbau und hohe Fluktuation
Die Pathologin arbeitete seit Oktober 2024 am Institut, offenbar seit Februar 2025 waren die Fehler passiert. Die Personalsituation in der Pathologie war in den Jahren von 2023 bis 2025 laut der Antwort auf die Kleinen Anfragen dramatisch: Mitte 2023 hatte der alte Chefarzt die Pathologie verlassen, erst im Januar 2024 konnte sein Posten wiederbesetzt werden. Zeitgleich und in den nächsten Monaten verließen zahlreiche weitere Fach- und Oberärzt*innen die Pathologie, ohne dass die Stellen sofort wiederbesetzt wurden.
Waren in den Jahren von 2020 bis 2022 zwischen 12,4 und 12,9 ärztliche Stellen besetzt, waren es 2023 im Durchschnitt nur 9,6 Stellen. Durchschnittlich 8,7 Vollzeit-Patholog*innen gab es über den Jahresverlauf 2024. Und bis November 2025 waren es sogar nur noch 6,6 Stellen; nur noch gut die Hälfte der ursprünglichen ärztlichen Arbeitsstunden stand also zur Verfügung, um eine unwesentlich kleinere Menge an Befunden zu diagnostizieren (51.000 im Jahr 2021, 48.000 im Jahr 2024).
Das vorhandene Personal musste dabei zusätzlich mit ständigen Wechseln umgehen: Nach einer Fluktuationsquote von 83,33 Prozent im Jahr des Abgangs des alten Chefarztes (zehn Austritte) kündigten auch in den beiden Folgejahren jeweils sechs ärztliche Mitarbeiter*innen, was in beiden Jahren eine Fluktuationsquote von 60 Prozent bedeutete; zuvor hatte die Rate zwischen 7 und 13 Prozent gelegen. Der Klinikverbund reagierte, indem er Headhunter nach neuen geeigneten Patholog*innen suchen ließ.
Ole Humpich, Sprecher für Gesundheit bei der FDP-Fraktion Bremen, spricht von einem strukturellen Versagen. „Wer über Jahre Personal kürzt und bei den Ärzten einspart, nimmt zwangsläufig eine Überlastung in Kauf – und damit auch resultierende Fehler.“
Rainer Bensch, CDU-Fraktion
Die CDU sieht das ähnlich: „Wenn der Chefarzt das Haus verlässt und in der Folge rund die Hälfte der ärztlichen Stellen wegbricht, dann ist das kein Einzelfallproblem, sondern ein massives Strukturversagen“, findet der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion, Rainer Bensch.
„Mit einer derart ausgedünnten Personaldecke weiterzuarbeiten, ist hoch riskant – und rückblickend verantwortungslos“, sagt Bensch. Es sei nicht glaubwürdig, die Schuld einer Person zuzuschieben, wenn das gesamte System unter massivem Druck gestanden habe.
Systematische Überlastung – die Kritik klingt angesichts der Zahlen naheliegend. Doch wer genauer hinschaut, findet Widersprüche. Ein erster Punkt: Überlastungsanzeigen von Ärzt*innen gab es in all den Jahren keine einzige, nur aus dem Labor meldeten sich einige Medizinisch-Technische Assistentinnen (MTAs) beim Arbeitgeber als überlastet.
Das könnte auf eine Kultur hinweisen, in der man sich einfach nicht beschwert oder in der Überlastung nicht zum Selbstbild passt. Die hohe Zahl der Kündigungen spricht schließlich für eine hohe Unzufriedenheit der Ärzt*innen. Doch etwas Anderes spricht dafür, dass die Arbeitsbelastung in den Jahren ab 2023 jeder Intuition zum Trotz nicht zugenommen hat: Die Zahl der Überstunden von Ärzt*innen hat in diesem Zeitraum abgenommen.
Im Jahr 2023 wurden noch 1.500 Überstunden im Ärzteteam der Pathologie gezählt – auf jede Vollzeitkraft kamen 156 Überstunden, 13 im Monat. Für Ärzt*innen im Krankenhaus ist das nicht viel; durch die planbaren Dienste kommen Patholog*innen allerdings oft mit weniger Überstunden aus als viele andere Klinikbeschäftigte.
Laut Geno Entlastung durch Technik
Dass es angesichts der vielen Abgänge im Jahr 2023 zu Überstunden kam, ist wenig verwunderlich. Umso erstaunlicher ist, was laut Geno-Daten danach passierte: Obwohl das Personal weiter zurückging und die Zahl der diagnostizierten Fälle wieder stieg, nahm die Zahl der Überstunden ab – 2024 gab es 700 und bis zum November 2025 lediglich 300 Überstunden im Institut; bei sinkender Stellenzahl macht das rund 81 Überstunden 2024 und rund 46 Überstunden pro Ärzt*in 2025.
Mehr noch: Auch die Dauer bis zum fertigen Befund nahm in diesem Zeitraum ab. Hatte die Pathologie 2024 je nach Monat noch zwischen 3,8 und 7 Tagen für eine Diagnose gebraucht, wurden die Ergebnisse im Jahr 2025 schon nach durchschnittlich 1,2 bis 3 Tagen erstellt. Zu schaffen war das offenbar dank eines neu angeschafften Laborinformationssystems (Elea statt wie zuvor DC Pathos). Auch die übrige Arbeitsentlastung wird auf nicht näher genannte technische Neuerungen im Labor zurückgeführt.
Die Technik hat die Geno nach eigenen Angaben aus der (Personal-)Not heraus ab 2023 angeschafft; offenbar war die Einführung erfolgreich. Viel besser – in Zahlen – kann eine Personalreduktion um fast 50 Prozent nicht laufen.
Bleibt der entscheidende Schönheitsfehler – 32 falsche Diagnosen einer Pathologin, die sich bisher nicht erklären lassen. Aufzuarbeiten gibt es noch einiges: So wurden zwar stichprobenartig auch HER-2-Diagnosen anderer Ärzt*innen am Institut kontrolliert – wobei keine Fehler festgestellt wurden. Eine Kontrolle von ganz anderen Befunden der betroffenen Pathologin oder ihrer Kolleg*innen hat (mangels Anfangsverdacht) aber wohl noch nicht stattgefunden.
Mit dem, was bekannt ist, lässt sich der Fehler weder pauschal auf die Arbeitsbelastung schieben, noch gibt es bisher eine valide andere Erklärung, wie es zu der Fehlerserie kommen konnte. Eine externe Prüfung soll es noch geben. Die sollte man wohl abwarten, bevor andere richtungsweisende Entscheidungen getroffen werden: Aus den Antworten des Senats kann man herauslesen, dass der Klinikverbund aus finanziellen Gründen auch für die Zukunft mit etwa 6,8 Stellen für die Pathologie auskommen will.
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