Fährunglück vor Zypern: „Es gab so viel Geschrei und viele Menschen steckten fest“
Augenzeuge berichten von dem Unglück, bei dem mindestens acht Menschen starben. Gegen die Besatzung wurden schwere Vorwürfe erhoben.
Foto: Nedim Enginsoy/AP/dpa
ap/dpa | Nach dem tödlichen Fährunglück vor der Küste Nordzyperns haben Überlebende ihre Erlebnisse während der Tragödie geschildert. Er habe gesehen, wie Kinder und andere rund 7,5 Kilometer vor der Küste ertrunken seien, berichtete Serkan Kunduraci, der sich über ein kaputtes Fenster aus der Fähre rettete. „Ich habe einige im Meer sterben sehen, die nicht schwimmen konnten“, sagte er der Nachrichtenagentur DHA. „Einige schnappten sich in ihrer Panik keine Rettungsweste. Einige sprangen aus Angst sofort (ins Meer)“, sagte er.
Bei dem Unglück kamen mindestens acht Menschen ums Leben. Rettungskräfte suchten am Montag noch nach 18 Vermissten. Die Fähre war am Sonntagnachmittag mit 267 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord auf dem Weg von Kyrenia, einem Hafen im abtrünnigen Norden Zyperns, nach Tasucu in der Türkei gekentert.
„Da war ein alter Mann, wir konnten nicht zu ihm gelangen“, sagte Kunduraci weiter. „Wir haben versucht, ihn hochzuziehen, aber konnten es nicht. Er ist auch ertrunken. Wir haben erlebt, wie die Kinder einer Familie, Jungen und Mädchen, sehr junge Kinder, ertrunken sind.“
Überlebende erzählten, dass die Fähre in Schlagseite geraten und mit Wasser vollgelaufen sei, nachdem sie laute Geräusche von unter Deck gehört hätten. „Die Besatzung kam, sah nach und sagte uns, es gebe kein großes Problem, nur eine lose Dichtung, die ein Leck verursache“, sagte Kunduraci. Als der Evakuierungsbefehl kam, seien Menschen schon in Panik geraten. Das Schiff geriet demnach in Schieflage, als der Kapitän offenbar versuchte, nach Kyrenia zurückzukehren.
„Es gab so viel Geschrei und so viele Menschen steckten hinten fest – sie waren hinten zurückgelassen worden“, sagte Kunduraci. „Sie konnten nicht raus.“
Rettung über eingeschlagene Fenster
Auch Deniz Özpolat sprach von Panik an Bord des Schiffs. „Wir sind zum Ausgang gegangen“, sagte er der DHA. „Es hatte sich bereits eine Menschentraube gebildet. Wir konnten die Rettungswesten nicht finden. Sie haben die Türen zugemacht und wir konnten nicht nach draußen gelangen“, sagte er. „Später haben sie sie aufgemacht. Wir sind ins Wasser gesprungen. Das Schiff fing an unterzugehen, nachdem es sich zur Seite geneigt hatte. Wir haben die Fenster eingeschlagen und Menschen gerettet.“
Die Rettungskraft Muhammed Özcelik, Betreiber einer Wassersportfirma, sagte DHA, sein Boot sei eines der ersten vor Ort gewesen und habe Menschen aus dem Meer gezogen. „Wir haben versucht, mehr zu tun, als wir konnten“, sagte er. „Es gab Menschen, die sagten: ‚Nehmt mich auch mit, nehmt mich auch mit‘, aber wir waren ausgelastet. Wir haben deutlich mehr genommen, als (wir Kapazitäten hatten) … Menschen kämpften um ihr Leben.“
In den türkischen Medien waren Bilder zu sehen, auf denen Passagiere in orangefarbenen Rettungswesten auf der umgekippten Fähre standen und auf ihre Rettung warteten. Viele gingen später von kleinen Freizeitbooten in einem Hafen von Bord.
Regierungschef von Nordzypern kündigt Konsequenzen an
Der Ministerpräsident von Nordzypern, Ünal Üstel, dessen Regierung nur von der Türkei anerkannt wird, teilte am Sonntagabend mit, dass Ermittlungen zu dem Unglück eingeleitet worden seien. Die acht Besatzungsmitglieder der Fähre seien festgenommen worden. „Selbst die geringfügigste Fahrlässigkeit wird aufgedeckt werden“, sagte er. „Es bleibt niemand verschont, dem eine Schuld oder Verantwortung nachgewiesen wird.“
Einige gerettete Passagiere erhoben schwere Vorwürfe gegen die Besatzung. Der Kapitän soll von Bord geflüchtet sein, als sich das Unglück anbahnte, außerdem hätten einige der rund 260 Schiffspassagiere von verschlossenen Türen und Fluchtwegen berichtet, sagte der türkisch-zyprische Verkehrsminister Erhan Arikli der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu.
Das in mehr als 500 Meter Tiefe liegende Wrack soll durchsucht werden. Man hoffe, dabei auch den Schiffsdatenschreiber zu finden, der Aufschluss über den genauen Grund und Hergang des Unglücks geben könnte, sagte Verkehrsminister Arikli dem Sender BRT. Nach seinen Worten hatte die Fähre erst vor rund zwei Monaten eine Inspektion durchlaufen.
Laut Üstel handele sich um die schlimmste Schifffahrtstragödie in der Geschichte Zyperns.
Die Insel Zypern wurde 1974 geteilt. 1983 erklärten die türkischen Zyprer im Norden ihre Unabhängigkeit. Die Türkei hat im Norden Zyperns mehr als 35.000 Soldaten stationiert. Der international anerkannte Süden des Landes gehört zur EU.
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