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Europakunde in NorwegenFelle, Open-Air-Museen, Wikingertrash

Der Bergener Stadtteil Bryggen ist Ausweis einer langen und komplizierten gemeinsamen europäischen Geschichte. Ein Streifzug.

H ätte man mich vorher gebeten, Norwegen zu skizzieren, wäre ziemlich genau das Stadtviertel Bryggen herausgekommen. Holzhäuser in Weiß, Rot oder Gelb an schmalen Kopfsteinpflastergassen zieren diesen Teil von Bergen.

An die Holzidylle schließt sich das Hafenbecken mit dem Fischmarkt an, und in die andere Richtung ist man rasch in einem Naherholungsgebiet mit spiegelglatten Seen zwischen urigen Felsformationen und Senken, in denen im Mai noch etwas Schnee liegt.

Dabei war Bryggen, heute Unesco-Weltkulturerbe, einst gar nicht norwegisch – sondern bewohnt von deutschsprachigen Kaufleuten, die hier eine Handelsniederlassung der Hanse gründeten. Es galt als deutsches Viertel. Heute erscheint es mir viel norwegischer als die umliegenden Viertel mit Betongebäuden.

Bryggen ist Ausweis einer langen und komplizierten gemeinsamen europäischen Geschichte. Aber was ist dieses Europa? Der Begriff ist heute von der EU gekapert, verknüpft mit Militarisierung, Aufrüstung, Festungsbau gegen Migrant:innen. Dabei verbindet uns mehr. Einst waren Deutsch und Norwegisch einander so ähnlich, dass sich die Kaufleute mit den Einheimischen verständigen konnten.

Der Sound von Trommeln

Wenn ich heute durch Bryggen spaziere, denke ich, dass wir weiterhin viel teilen. Die historischen Läden sind voller Tassen und T-Shirts, mittelmäßiger Bilder, Felle und Wikingertrash. Ehemalige Wohnviertel verwandeln sich in touristifizierte Open-Air-Museen, auch das ist wohl eine europäische Gemeinsamkeit.

Bryggens Sound ist der von Trommeln. Jeden Tag zieht eine Kapelle vorbei. Diese sogenannten Buekorps, erzählt uns ein Anwohner, seien eine stolze Tradition der Stadt. Eine Gruppe aus Jungs und jungen Männern marschiert dann in Uniformen, ausgestattet mit Armbrüsten und Fahnen.

wochentaz

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Heute gebe es auch einige Mädchenkorps. Mich erinnert die patriarchale Parade an die Karnevalsumzüge bei mir im Rheinland, an die englischen Boyscouts oder an die Paraden zu Ehren von Dorfheiligen in Süditalien. Jungs marschieren und trommeln lassen – auch das ist offenbar eine europäische Kontinuität.

Und natürlich teilen wir Fantasiewelten. Das Trollmuseum führt in die norwegische Märchenwelt ein – und verdächtig oft sind die Protagonisten drei Brüder, und der jüngste ist der Bescheidene und Kluge, der ein Monster mit einer List bezwingt. Die norwegischen Märchensammler Asbjørnsen und Moe sind dabei vergleichbar mit den Brüdern Grimm.

Es sind nicht nur schmeichelhafte Gemeinsamkeiten, die wir haben. Aber wer von europäischen Werten spricht, sollte mit solch einer ehrlichen Auflistung anfangen.

Transparenzhinweis: In einer früheren Version des Beitrags wurde ein falsches Bild verwendet. Das Foto zeigte nicht Bergen, sondern Ålesund. Wir haben die Bebilderung korrigiert.

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Alina Schwermer

Alina Schwermer freie Autorin

Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen und übers Reisen. Autorin mehrerer Bücher, zuletzt "Futopia - Ideen für eine bessere Fußballwelt" (2022), das auf der Shortlist zum Fußballbuch des Jahres stand.
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