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Unser Lieblingswal TimmyUnd wer kümmert sich um die anderen Wale?

Wir beobachten ihn im Livestream oder pilgern direkt zum gestrandeten Wal. Nur die Ursachen der tierischen Verirrung interessieren uns nicht.

So viel Aufmerksamkeit und Liebe, wie dem gestrandeten Timmy widerfährt, würde sich bestimmt auch manch anderer Wal wünschen Foto: Marcus Golejewski/dpa

N a, heute schon Timmy-TV geguckt? Per Livestream können wir zuschauen, wie es unserem Lieblingswal geht. Kurz gesagt: Schlecht geht’s. Mehrfach erklärten Expert:innen, das in der Ostsee gestrandete Tier liege im Sterben. Aber wer braucht schon Expert:innen? Nur weil die sich auskennen, wäre es unfair, wenn ihre Meinung mehr gälte als die von Leuten, die ganz, ganz doll wollen, dass Timmy wieder schwimmt.

Eine private Initiative sorgte mit viel Aufwand dafür, dass der Wal auf eine Sandbank etwas näher am Ausgang der Kirchsee vor Poel kam. Wie es weitergeht, ist zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe unklar. Die selbst ernannten Wal-Verwandten hätten einen neuen Plan, berichtet dpa. Im Livestream stehen Menschen um Timmy mit Eimern und Selfiesticks. Währenddessen steigert sich auf Poel und noch mehr im Internet die Hysterie. Morddrohungen gegen Politiker:innen, weil sie angeblich zu viel oder zu wenig tun, sind an der Tagesordnung.

Schnell mal in den Livestream geschaut: Mmm, ob er wohl … Nein, gerade pustet er Wasser

Solche Angriffe kommen vor allem aus der rechten Ecke. Auch der Initiator der Rettungsaktion soll der AfD nahestehen. Ausgerechnet die AfD und Naturschutz? Die Partei setzt in ihrem Programm Klimawandel in Anführungszeichen, hält an fossilen Brennstoffen fest, will mehr Dünger auf den Feldern und die Einschränkungen der Fischerei abschaffen. Dabei würde jede dieser Maßnahmen helfen, die Meere zu erhalten, und somit die Chancen für künftige Timmys verbessern. Schließlich gibt es Gründe, warum sich Wale verirren: laute Schiffsmotoren, die ihren Orientierungssinn stören, die Erwärmung und die Überfischung der Meere.

Bild: Kristof Warda
Esther Geißlinger

schreibt als Schleswig-Holstein-Korrespondentin der taz oft über den Zustand von Nord- und Ostsee. Ihre letzte Wal-Begegnung hatte sie 2016: Damals trieben zahlreiche Tiere an der Nordsee an. In Dithmarschen war sie bei der Bergung acht toter Pottwale dabei.

Während sich das Internet Timmys wegen überschlägt, ereignet sich die wahre Katastrophe lautlos. Weltweit sterben 130 bis 150 Arten aus – täglich. Darunter sind Krabbelviecher, die zwar die Basis der Nahrungskette bilden, die unsereins aber ungern im Cocktail oder in der Unterwäsche hat und denen daher die Lobby fehlt. Aber auch Säugetiere sind bedroht, an Land und im Wasser. Wer es ernst meint mit Natur- und Tierschutz, sollte darüber sprechen. Aber das trauen sich in diesen Zeiten offenbar nicht einmal mehr die Grünen.

Ein letzter Blick in den Livestream: Wal, da bläst er! Timmy ist noch bei uns.

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1 Kommentar

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  • Niemand erwähnt die Millionen Krappeltiere, Würmer und Igel, die sterben müssen, damit Veganer ihr biologisch sauberes Essen im Supermarkt bekommen.