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Die 14-jährige Eva Mamlok schrieb um 1932 „Nieder mit Hitler“ an ein Kaufhaus in Kreuzberg. Nun wird ein Platz nach ihr benannt

Interview Uta Schleiermacher

taz: Frau Weltz-Rombach, wie kommt es, dass der Blücherplatz bei der Amerika-Gedenk-Bibliothek umbenannt wird?

Alexandra Weltz-Rombach: Das Gebäude, in dem heute das Einrichtungshaus Poco Domäne untergebracht ist, war in der Weimarer Republik ein etabliertes Kaufhaus, das Warenhaus Tietz. Und vermutlich 1932 ist eine 14-jährige Jugendliche, Eva Mamlok, auf das Kaufhaus geklettert und hat mit weißer Farbe „Nieder mit Hitler“ auf das Dach geschrieben.

taz: Wer war Eva Mamlok?

Weltz-Rombach: Eva Mamlok ist 1918 in Berlin geboren, sie stammt aus einer liberalen jüdischen Familie, die weder besonders religiös noch kommunistisch oder sozialistisch war. Eva wuchs als Kind und Teenager in der Weimarer Republik auf und hat sich früh und, soweit wir wissen, eigenständig politisiert. Sie war dann in der SAJ, der Sozialistischen Arbeiter-Jugend, das war der sozialistische Jugendverband der SPD. Es gibt eine Gefängnisakte, in der sie das angibt, daher wissen wir das.

taz: Gefängnisakte?

Weltz-Rombach: Nach der Aktion am Warenhaus ist sie wohl kurzzeitig festgehalten worden. Das wissen wir über den Bericht einer Freundin von ihr. Das hat sie aber nicht davon abgehalten, sich weiter zu politisieren. Sie haben sich dann in einer Gruppe verabredet, im November 1934 Blumen am Grab von Rosa Luxemburg abzulegen. Soweit wir wissen, hatte die Kommunistische Partei dazu aufgerufen. Da war auch die Polizei und die Gestapo.

taz: Und die haben sie verhaftet?

Weltz-Rombach: Die haben sie verhaftet und mit ihr viele andere Jugendliche und auch ältere Frauen. Sie kam in Schutzhaft, also eine Haft ohne Urteil und ohne dem Richter vorgeführt zu werden. Die Gestapo hat Eva Mamlok und andere ins KZ Moringen in Niedersachsen gebracht, daher stammt die Gefängnisakte. Der KZ-Leiter hat notiert, dass sie frech und aufmüpfig gewesen sei. Und sie habe sich immer zu den Kommunisten gestellt. Erst im Mai durfte sie wieder zurück nach Berlin und zu ihrer Familie.

taz: Was passierte danach mit ihr?

Weltz-Rombach: Wie alle Berliner Jüdinnen und Juden wurde sie spätestens im Jahr 1940 zur Zwangsarbeit verpflichtet. Eva Mamlok musste bei Schrauben-Butzke in Kreuzberg Zwangsarbeit leisten, in der Zweigstelle in der Markgrafenstraße. Da gab es später viele Zwangs­ar­bei­te­r*in­nen aus der Ukraine. Auch von dort ist berichtet, dass Eva Mamlok nicht klein beigab: Sie hat etwa auf der Arbeit die Dreigroschenoper gepfiffen. Das war unerhört, dass sie bei der Arbeit pfeift und singt, dann auch noch diese Musik. Dort hat sie Inge Gerson getroffen, die später als einzige der Gruppe überlebte, zu der Eva Mamlok damals gehörte und der Gerson sich anschloss.

taz: Was war das für eine Gruppe?

Weltz-Rombach: Die Frauen um Eva Mamlok und Inge Gerson haben bei der Arbeit verbotene Literatur verliehen. Darunter waren etwa Heinrich Heine, Heinrich Mann, aber auch B. Traven. Diese Bücher wurden bei einem nicht-jüdischen Vorarbeiter gefunden, der hatte sie unterstützt. In einem Buch stand noch der Name von Inge Gerson. Und damit waren sie aufgeflogen. In der Folge wurden Inge Gerson, Eva Mamlok und eine dritte Frau, Inge Levinsohn, verhaftet, sie wurden zum Tode verurteilt.

Alexandra Weltz-­Rombach ist Historikerin und Kultur­produzentin in Berlin. Sie ist Teil der Forschungs­initiative zur Gruppe Eva Mamlok. Seit Sommer leitet sie das Projekt Utopisches Erinnern am Eva-Mamlok-Platz beim Bildungsträger Wetek, in dem Jugendliche sich mit der Geschichte auseinandersetzen.

taz: Was passierte dann?

Weltz-Rombach: Eine der Mütter der drei jungen Frauen hatte Kontakte und hat sich sehr stark für sie eingesetzt, sodass die Todesurteile aufgehoben wurden. Sie wurden nach Riga deportiert, wo sie weiter Zwangsarbeit leisten mussten. Dort haben sie wohl Kontakt zu Widerstandskämpfern gehabt. Eva Mamlok war in verschiedenen Zwangsarbeitskommandos unter unmenschlichen Bedingungen. Als die Rote Armee näherrückte, haben die Nazis die Insassen von Riga ins KZ Stutthof deportiert. Dort ist Eva Mamlok am 23. Dezember 1944 gestorben, angeblich an Herz- und allgemeiner Körperschwäche. Was eine schreckliche Umschreibung für all die Folter und Misshandlungen war, die sie erleiden musste.

taz: Was ist mit Inge Gerson und Inge Levinsohn passiert?

Weltz-Rombach: Inge Levinsohn wurde vermutlich direkt nach der Ankunft in Riga ermordet. Aber das wissen wir nicht genau, sie ist einfach verschollen. Inge Gerson und eine weitere Berlinerin haben überlebt, sie konnten bei den Todesmärschen entkommen. Inge Gerson emigrierte in die USA, hat in langen Interviews von ihrem Leben und von ihren Freundinnen erzählt. Das war für uns eine sehr wertvolle, wichtige Quelle.

taz: Wie kam es zu dem Plan, den Blücherplatz nach ihr zu benennen?

Weltz-Rombach: In unserer Forschungsgruppe arbeiten wir seit drei Jahren zu Eva Mamlok und haben unsere Ergebnisse 2024 in einer Ausstellung im Friedrichshain-Kreuzberg Museum vorgestellt. So ist ein Geschichtsverein auf dem Dragoner-Areal auf Eva Mamlok aufmerksam geworden. Der Verein hat die Umbenennung in die Wege geleitet, was wir sehr passend finden, weil hier Eva Mamlok die Parole gegen Hitler geschrieben hat.

taz: Wie wollen Sie über die Umbenennung hinaus die Erinnerung an sie wachhalten?

Weltz-Rombach: Zwei aus unserer Gruppe schreiben ein Buch über die Frauengruppe um Eva Mamlok. Und wir arbeiten dazu mit Schüler*innen, das klappt wirklich gut. Solche Quellen wie die Gefängnisakte ziehen sie sofort rein, sie können sich auch sehr gut mit ihr identifizieren, sie war ja eine lustige, junge, und auch rebellische Person, die ihr Leben noch vor sich hatte. Es gibt auch Briefe an ihren Verlobten, auch dazu arbeiten wir mit Schüler*innen. Ebenso zu weiteren Themen, die Jugendliche interessieren: der erste Freund, Langeweile, Stress mit den Eltern. Das lässt sich an ihr alles gut erarbeiten.

Eva-Mamlok-Platz in Kreuzberg

Feier Der Bezirk lädt zur feierlichen Platz-Umbenennung am Freitag, 16. Oktober 2026, 14 Uhr vor der Zentral- und Landesbibliothek (derzeit Blücherplatz, dann Eva-Mamlok-Platz) und anschließend im PopUp-Saal der Zentral- und Landesbibliothek.

Gedenkzeichen Die Einweihung des Eva-Mamlok-Platzes wird mit der Enthüllung eines Gedenkzeichens zu Eva Mamlok auf dem Platz vor der Bibliothek und anschließend im Pop-up-Saal der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) gefeiert. Alle Anwohnenden und Interessierten sind herzlich eingeladen.

Beteiligte Bei der Veranstaltung gibt es Beiträge des Bezirksamtes, der ZLB, der Initiative Eva-Mamlok-Platz (UpStadt e.V. / GLOX) und der Forschungsinitiative zur Gruppe Eva Mamlok, moderiert von Nora Hogrefe (Leitung Koordinierungsstelle Historische Stadtmarkierungen im Aktiven Museum).

Rundgang Am Sonntag lädt die Rosa-Luxemburg-Stiftung zu einem Rundgang ein. Der wird geleitet von Alexandra Weltz-Rombach, Teil des Recherchenetzwerks zu Eva Mamlok, und Ezgi Kılınçarslan, bildende Künstlerin und Gestalterin des Tertelê-Denkmals der Dersim Kulturgemeinde am Waterloo-Ufer. Kosten: 5 € (taz)

taz: Spielt der zukünftige Eva-Mamlok-Platz auch eine Rolle?

Weltz-Rombach: Das Spannende an dem Platz ist, dass sich dort seit dem vergangenen Jahr auch der Gedenkstein befindet, der an das Dersim-Massaker an alevitischen Kur­d*in­nen in der Türkei 1937/38 erinnert.

taz: Der Stein steht dort um Gedenken daran, dass das türkische Militär damals in Dersim im Osten der Türkei, heute Tunceli, Zehntausende Menschen umgebracht hat. Ziel war es, die zazasprachige und alevitische Bevölkerung in der Region auszulöschen. Geschätzt 14.000 bis 50.000 Menschen wurden ermordet.

Weltz-Rombach: Wir sind auch mit der Dersim-Gemeinde, die dort am Platz ihren Sitz hat, in Kontakt und haben Rundgänge über den Platz organisiert, wo wir die Geschichte von Eva Mamlok erzählen und die Hintergründe zu Dersim. Es ist ja beides ungefähr in derselben Zeit passiert. Das ist für mich ein Beispiel dafür, wie sich in der postmigrantischen Gesellschaft verschiedene Ebenen von Erinnerung und Gedenken überschneiden. Auch das ist für uns ein Ansatz für Bildungsprojekte, den wir weiterverfolgen und mit dem wir Schü­le­r*in­nen erreichen.