Erzählband von Autor John Wray: Rest von kostbarer Unerklärbarkeit

„Madrigal“ heißt das erste auf Deutsch verfasste Buch von Autor John Wray. Bei aller beiläufigen Leichtigkeit ist es keine leichte Lektüre.

Der amerikanisch-österreichische Schriftsteller John Wray

Der amerikanisch-österreichische Schriftsteller John Wray schreibt erstmals in deutscher Sprache Foto: Christopher Ho

John Wray ist US-Amerikaner, aber nur zur einen Hälfte. Zur anderen ist er Österreicher, von der Mutter her, er hat unter anderem in Wien studiert, war aber vermutlich bisher eher der Ansicht gewesen, das Englische besser zu beherrschen als das Deutsche. Oder warum sonst sollte er all seine Romane in der Vatersprache geschrieben haben?

Nun aber ist erstmals ein Band mit Erzählungen erschienen, die nicht erst ins Deutsche übersetzt werden mussten, sondern vom Autor höchstselbst in seiner Muttersprache verfasst wurden. Und fast möchte man sagen: Na endlich! Denn keine andere Sprache würde wohl besser zu diesen Erzählungen passen als diejenige Franz Kafkas. Wobei der potenziellen Einflüsse hier viele sind. Surreale, phantasmagorische und metatextuelle Elemente wechseln sich ab oder gehen Symbiosen ein, jede Erzählung ist anders.

Gemeinsam ist den meisten oder eigentlich allen, dass ein gradliniger Realitätsbegriff sich auf sie nicht anwenden lässt. Mögliche Ausnahmen sind die Erzählungen „Im Bereich des Möglichen“ und „Sieh das Licht“, deren Bezug zur realen Welt zwar durchgehend vorhanden ist, deren Perspektive auf die Wirklichkeit aber insofern verschoben erscheint, als sie von monströsen Trieben handeln. Für „Im Bereich des Möglichen“ hat der pädophile Ich-Erzähler der gleichnamigen Erzählung eine sexuelle Handlung mit der kleinen Tochter seiner neuen Lebensabschnittsgefährtin.

Eine Fantasie, die zumindest in dieser Erzählung nicht ausgelebt wird, anders als das Schulmassaker, auf das der namenlose Protagonist der Erzählung „Sieh das Licht“ sich vorbereitet. Dieser Text ist durchgehend in der zweiten Person Singular gehalten beziehungsweise an die zweite Person Singular gerichtet, denn die Handlung schreitet in Imperativen voran. Wrays schriftstellerische Meisterschaft zeigt sich auch darin, dass dieses außergewöhnliche Stilmittel an keiner Stelle gesucht wirkt, sondern tatsächlich die Aura einer beängstigenden Zwanghaftigkeit entfaltet.

Surreale Elemente

In „Trotzhaus“ übernimmt ein surreales Element die Wirklichkeit: Ein alter Mann baut eine Art Modellhaus, direkt vor dem Küchenfenster seines Sohns, im Garten des gemeinsamen Grundstücks. Der Sohn seinerseits verzweifelt an der Frage nach dem Sinn des Bauwerks und glaubt, eine geheime, und wahrscheinlich anklagende, Botschaft darin entschlüsseln zu müssen.

John Wray: „Madrigal“. Rowohlt Verlag, Hamburg 2021, 141 Seiten, 22 Euro

Die beiden kunstvollsten und intellektuell verschlungensten Geschichten rahmen den Band ein. Die erste und titelgebende Erzählung „Madrigal“ handelt von der Macht der Literatur – wenn es erlaubt ist, das angesichts der Raffiniertheit dieser Geschichten so banal zu sagen – und führt den schlagenden Beweis, dass es möglich ist, eine Erzählung zu schreiben, die so in sich selbst verschlungen gebaut ist, als sei sie ein Bild von M. C. Escher: Der Text, der scheinbar schlicht als Wiedergabe eines Telefongesprächs beginnt, wird am Ende einmal komplett seine Erzählperspektive umgedreht haben, so dass es nun möglich ist, entweder den Anfang oder das Ende für Fiktion beziehungsweise für Realität zu halten.

Die Abschlusserzählung „Achtsamkeit“ schließlich handelt von einem Autor, der geplant hat, eine Geschichte von einem kleinen Elefanten sowie einem Jäger, der den Elefanten erschießen wird, zu schrei­ben. Doch eine Stimme, die den Autor beim Schreiben stört, außerdem seine kleine Tochter und nicht zuletzt das Personal der Erzählung haben zu seiner Geschichte eigene Ideen.

Keine leichte Lektüre

Und das wirklich Erstaunliche ist, dass bei aller offensiven, dick aufgetragenen Meta­tex­tua­li­tät man beim Lesen dennoch um das Schicksal des kleinen sprechenden Elefanten bangt („Ein cremefarbener Elefant, fast weiß, mit kleinen Ohren und zierlichen Stoßzähnen, ungefähr von der Größe eines wohlgenährten Bernhardiners. […] Er lispelt“).

Bei aller beiläufigen, überlegenen Leichtigkeit, mit der John Wray seine experimentellen Kleinformate entfaltet: Leichte Lektüre geht anders. Die Andersartigkeit dieser Erzählungen, jeder dieser Erzählungen, verlangt den Austritt der Leserin aus der bequemen Unmündigkeit einer bloßen Literaturkonsumentin.

In diesen Texten stellen sich Fragen, die nicht beantwortet werden; weiße Elefanten kommen in den Raum, die niemand uns erklärt und die womöglich auch nicht erklärt werden können. Dieser Rest an Unerklärbarkeit muss ausgehalten werden, denn er ist kostbar.

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