Erstversorgung im Ukrainekrieg: Schneller als der Notarzt
Immer mehr Ukrainern ist klar, dass sie Grundkenntnisse in Erster Hilfe brauchen. Die Nachfrage nach Schulungen steigt rapide an.
Foto: Dmytro Smolienko/NurPhoto/imago
Als eine der neuen reaktiven russischen Drohnen vom Typ Geran im September das Gebäude des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU traf, bemerkte der 33-jährige Stanislaw nicht sofort, dass er verletzt war. Der aus Browary stammende Lagerarbeiter befand sich zum Zeitpunkt der Explosion im Zentrum von Kyjiw. Die Druckwelle warf ihn zu Boden und betäubte ihn. Erst nach einigen Sekunden begriff der Mann, dass er stark blutete. Metallsplitter der Drohne hatten seinen Kopf und seinen Arm getroffen. Zufällig anwesende Passanten eilten ihm zu Hilfe.
„Ein junger Mann lief auf mich zu. Er sagte, er könne Erste Hilfe leisten. Man brachte mich in ein nahegelegenes Café. Dort waren einige Leute. Manche hatten Verbände dabei, andere ein Tourniquet. Sie riefen den Rettungsdienst und versorgten meine Wunden“, erzählt der Mann, der viel Blut verloren hatte.
Bei diesem Angriff auf Kyjiw wurden 12 Menschen verletzt. Solche Situationen werden Teil einer neuen Realität. Seit die russische Seite ihre Taktik bei den Angriffen auf die ukrainische Hauptstadt geändert hat, ertönen Luftalarme auch tagsüber.
Drohnen sind schneller geworden und werden in aufeinander folgenden Wellen eingesetzt. Dadurch ist das Risiko gestiegen, im Café, auf dem Weg durch die Stadt oder am Arbeitsplatz verletzt zu werden. Dies stellt die Einwohner Kyjiws vor eine neue Herausforderung: Sie müssen bereit sein, Erste Hilfe zu leisten.
Die Nachfrage steigt
„Tourniquet, Handschuhe und Verbände“, sagt Sergej Jefimtschuk, ein 40-jähriger Ausbilder für Erste Hilfe sowie Notfall- und Einsatzmedizin. Er zählt an den Fingern die Ausrüstungsgegenstände auf, die jeder in Kyjiw beim Verlassen des Hauses bei sich haben sollte. Sergej bildet seit 2014 Militärangehörige und Zivilisten in Erster Hilfe aus. Im vergangenen Monat hat er einen Anstieg der Nachfrage nach solchen Kursen in Kyjiw beobachtet.
„Wir werden immer häufiger gebeten, Firmentrainings für die Belegschaften von Kyjiwer Unternehmen und Betrieben durchzuführen. Die Lage hat sich verschlechtert. Die Menschen spüren, dass dieses Wissen unverzichtbar geworden ist. Bis der Rettungsdienst in einer Großstadt mit Staus eintrifft, können gut und gerne 10 bis 20 Minuten vergehen – und in dieser Zeit kann ein Mensch an massivem Blutverlust sterben“, erklärt Sergej. Er musste schon mehrfach selbst Tourniquets anlegen und Verletzten nach russischem Beschuss Erste Hilfe leisten.
Sergej ist überzeugt, dass die Teilnahme an Kursen und eine einfache Zusammenstellung von Gegenständen, die man stets bei sich tragen sollte, den Einwohnern Kyjiws in der neuen Realität des Krieges das Leben retten können. „Am besten wählt man Handschuhe in Kontrastfarben, damit Blutspuren darauf gut sichtbar sind“, sagt Sergej.
Der Ausbilder fügt hinzu, dass der Krieg „das Wissen der Ukrainer im Bereich der Ersten Hilfe erheblich erweitert“ habe. Während er im Gespräch mit Ausländern oft erst erklären müsse, was ein Tourniquet überhaupt sei, gehe es in Kyjiw eher darum, praktische Handgriffe zu demonstrieren.
Spielzeugautos und Teddybären
Erste-Hilfe-Sets, Tourniquets und Ausrüstung zur Erstversorgung sind Teil des Alltags der Ukrainer geworden. Tourniquets werden in Kyjiw nicht mehr nur in Waffengeschäften oder Läden für taktische medizinische Ausrüstung verkauft, sondern auch an Tankstellen, in Hypermärkten und sogar an den Kassen von Geschäften für Kinderbedarf.
Neben Spielzeugautos und Teddybären liegen schwarze und rosa Tourniquets, die für umgerechnet ab 15 Euro erhältlich sind. Sie werden sowohl für persönliche Erste-Hilfe-Sets als auch für die Ausstattung von Cafés, Geschäftszentren und Büros gekauft – denn Angriffe auf die zivile Infrastruktur können jederzeit erfolgen.
So schlug, ebenfalls im September, eine russische Kampfdrohne in einem Geschäftszentrum ein, in dem die Fernsehsender My – Ukrajina und My – Ukrajina+“ ansässig sind. Der Einschlag erfolgte tagsüber, während My – Ukrajina live auf Sendung war. Die größten Schäden entstanden im Newsroom und in den Arbeitsräumen der Journalisten. 6 Personen wurden verletzt.
„Das sind Angriffe, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Denn man hört die Drohne nicht kommen, und die Explosion erfolgt in einer Sekunde“, sagt der 38-jährige Journalist Oleg Bilezki, der sich zum Zeitpunkt des Einschlags live auf Sendung im Radio befand. „Die Druckwelle schleuderte mich in die Höhe, und ich spürte einen Druck auf den Ohren. Mir war klar, dass die Explosion ganz in der Nähe stattgefunden haben musste, doch da ich gerade auf Sendung war, konnte ich das Ausmaß nicht einschätzen. Als dann Rauch in den Senderaum drang, begriff ich, dass das Fernsehgebäude getroffen worden war“, erinnert sich Oleg.
Zweiter Angriff in diesem Jahr
Später habe sich anhand von Aufnahmen der Überwachungskameras herausgestellt, dass die Drohne gezielt auf das Geschäftszentrum zugesteuert worden sei. Der Rettungsdienst sei recht schnell am Ort des Beschusses eingetroffen, doch da hätten die Journalisten ihrem verletzten Kollegen bereits selbst Erste Hilfe geleistet, erzählt Oleg.
„In Kyjiw weiß man leider nie, wann ein Beschuss erfolgen könnte. Deshalb nehme ich jetzt ein Tourniquet mit. Und ich plane, noch einmal einen Kurs in taktischer Medizin zu absolvieren“, sagt der Moderator und fügt hinzu, dass das Gebäude seines Fernsehsenders in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal angegriffen worden sei.
Stanislaw, der Lagerarbeiter aus Browary, wurde nach einigen Tagen aus dem Krankenhaus entlassen. „Die Ärzte haben die Splitter entfernt und gesagt: ‚Du wirst überleben!‘ Mein Arm lässt sich bewegen. So gesehen ist alles gut ausgegangen. Aber ich bin sehr froh, dass ich auf hilfsbereite Menschen gestoßen bin, die mir beigestanden haben“, sagt Stanislaw. Er habe gerade einen zusätzlichen Geburtstag erlebt.
Aus dem Russischen Barbara Oertel
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