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Ermordung von Alex Pretti in MinneapolisDie Kamera als Waffe

Valérie Catil

Kommentar von

Valérie Catil

Alex Pretti filmte einen ICE-Einsatz und bezahlte mit seinem Leben. Warum Handykameras die Lügen entlarven und staatliche Gewalt sichtbar machen.

Dieses Video zeigt den Moment, in dem der am Boden liegende Pretti entwaffnet wird, während ein weiterer Beamter seine Waffe zieht Foto: social media/reuters

O hne Videomaterial wäre George Floyds Tötung vermutlich nicht als solche verfolgt worden. Ohne Videomaterial wäre nicht sichtbar, dass die von einem ICE-Agenten in ihrem Auto erschossene Renée Good keinen seiner Kollegen zuvor angefahren hatte und er nicht aus Selbstverteidigung schoss. Und ohne Videomaterial wäre auch nicht glasklar, dass Alex Pretti, das jüngste Opfer der staatlich beauftragten Gewalttäter, kaltblütig hingerichtet wurde.

Die Kamera ist eine Form der Bewaffnung, denn sie ermächtigt uns gegenüber staatlicher Propaganda, die Wahrheit verzerren will. Wie wichtig es ist, dass Menschen filmen, wenn sie von staatlichen Stellen ausgeübte Gewalt sehen, wird derzeit während der brutalen ICE-Einsätze und der Proteste in Minneapolis klar.

Das aktuellste Beispiel dafür, wie unverzichtbar Videos von Augenzeug_innen sind, ist die Tötung des 37-jährigen Alex Pretti durch ICE. Es dauerte keinen Tag, da hatte die US-Regierung schon ihr Narrativ darüber, warum sein Tod nicht zu verhindern war, zurechtgelegt. Trump nannte ihn auf Truth Social „gunman“. Das US Department of Homeland Security (DHS) veröffentlichte noch am Sonntag ein Statement, in dem es heißt, Pretti sei mit einer 9-mm-Halbautomatikpistole auf US-Grenzschutzbeamte zugegangen und dass die Agenten „versuchten, den Verdächtigen zu entwaffnen, dieser sich jedoch heftig wehrte“. Das ist eine Lüge.

Das Video enthüllt die Wahrheit

Videoaufnahmen eines Augenzeugen zeigen, dass er sich ICE in den Weg stellte, als diese eine Frau zu Boden stieß. Er filmte die sieben Agenten dabei mit einer Hand, hob seine andere, freie Hand in die Luft, wurde dann mit Pfefferspray besprüht, zu Boden geprügelt und mit zehn in dem Video hörbaren Schüssen getötet. Es ist beängstigend und bezeichnend, dass das Handy in seiner Hand jetzt als Grund dafür angeführt wird, warum ihn ICE-Agenten erschossen: Angeblich haben sie das Handy als Waffe missverstanden.

Pretti hatte eine echte Schusswaffe an seinem Körper, jedoch am Hosenbund, registriert und legal und eben nicht in seiner Hand. Die ICE-Agenten nahmen ihm die Waffe ab, und schossen danach. Ohne Videomaterial hätte ICE das vertuschen können. Tatsächlich kann man sein Handy als eine Art Waffe sehen – allerdings nicht, wie seine Mörder es meinen: keine, die tötet, sondern eine, die die Wahrheit festhält und Prettis Mörder zur Verantwortung zieht.

Dass die Kamera ihnen gefährlich wird, das versteht ICE, das versteht die Trump-Regierung. Nachdem Renée Good getötet worden war, versuchten sie zu diskreditieren, was eigentlich jeder auf diversen Videos sehen konnte: dass ihr Auto den ICE-Agenten verfehlte, dass sie lediglich wegfuhr, dass sie keine Gefahr darstellte – dass es keinerlei Grund gab, das Leben der 37-jährigen Mutter zu beenden.

Alternative Wahrheiten

Trump postete auf Truth Social, sie habe den Agenten „brutal überfahren“ und dass es „ein Wunder sei, dass er noch lebe“. Es erinnert an Orwells Worte über die fiktive diktatorische Regierung in „1984“: „Die Partei sagte dir, du sollst die Beweise deiner Augen und Ohren ablehnen. Das war ihr letzter, wichtigster Befehl.“

Das schafft die Trump-Regierung: Trotz einer ausführlichen New-York-Times-Analyse des Videomaterials schmähen MAGA und deren Anhänger Renée Good als unberechenbare, linksradikale Terroristin. Was die Videos zeigen, können sie nicht sehen, wollen sie nicht sehen.

Gerade weil diese Menschen die Realität infrage stellen und versuchen, sie zu verzerren, muss sie noch genauer dokumentiert werden. Denn Videos zwingen uns zu sehen, dass das, was etwa gerade in den USA passiert, keine Ansichtssache ist, dass es keine Ausreden gibt. Jeder Satz, der ICE in Schutz nimmt, ist bewusst gestreute Propaganda.

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Valérie Catil
Gesellschaftsredakteurin
Redakteurin bei taz zwei, dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Studierte Philosophie und Französisch in Berlin. Seit 2023 bei der taz.
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22 Kommentare

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  • Im ersten Satz des Artikels fehlt eine Negation: »Ohne Videomaterial wäre nicht sichtbar, dass […] er [i. e. der ICE.Agent] aus Selbstverteidigung schoss.«

  • Ja, das ist eine der gar nicht so vielen Segnungen der social media und der Handy-Kameras.



    An der Stelle kommt KI natürlich wieder ins Spiel. Denn ich weiß nicht, wie viele Gegenbeweis-Videos schon von KI erstellt und verbreitet wurden. Und das dann natürlich auf den rechten Trump-Kanälen.



    Schon hierzulande haben die Menschen viel zu wenig Ahnung, was Journalismus und die genaue Überprüfung von Fakten eigentlich ist. Man kann davon ausgehen, dass es in den USA noch düsterer aussieht.



    An "1984" musste ich auch sofort denken, als ich das "Statement" der Heimatschutzministerin gesehen habe. PolitikerInnen lügen ja oft, aber angesichts der Videos war das eine der unverschämtesten und fettesten Lügen, die ich je gesehen habe.

    • @Jalella:

      Es muss nicht gleich eine Segnung sein. Ein Nutzen, ein Vorteil. Ein tolles Werkzeug. Schlecht, wenn das Werkzeug als Waffe falsch gedeutet wird.

  • Das Prinzip des Rechtsstaats ist das gleiche Recht für alle. Schade, dass man staatliche Akteure auch hierzulande immer wieder daran erinnern muss.

  • Ein bekanntes Goebbelszitat:



    "Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben. Man kann die Lüge so lange behaupten, wie es dem Staat gelingt, die Menschen von den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Konsequenzen der Lüge abzuschirmen. Deshalb ist es von lebens­wichtiger Bedeutung für den Staat, seine gesamte Macht für die Unterdrückung abweichender Meinungen einzusetzen. Die Wahrheit ist der Todfeind der Lüge, und daher ist die Wahrheit der größte Feind des Staates."

    Eine Blaupause für diese Faschisten.



    Interessant wird sein, inwieweit die Menschen aus der Geschichte lernen und Einhalt gebieten.



    Meine Sorge jedoch ist, dass gegen Dummheit kein Kraut gewachsen ist.



    Und so schadet dieser Vorgeschmack auf das, was kommen kann, auch nicht unseren Faschisten.

    • @Stefan Schmitt:

      Danke für das Zitat. Ich kannte es zwar schon, hatte es aber nicht mehr auf dem Schirm. Es ist sehr wichtig, sich klarzumachen, dass manches wirklich gewollt wird, und nicht einfach "Zufall" ist. Und dass wir alles tun müssen, um diese "Abschirmungsversuche" zu verhindern.

    • @Stefan Schmitt:

      Sehr gut! Das genau ist es, was ich an einem Holocaust-Gedenktag vermisse.

      Jetzt sitzen die Honoratioren wieder alle rum und halten salbungsvolle Reden zum Holocaust. Aber es ist wie ein inhaltsloses Ritual; ernsthaft gelernt hat niemand etwas daraus. Sonst hätten wir nicht die jetzige Politik am Hals. Sie forciert den Weg in den Faschismus noch, während ihre VertreterInnen gleichzeitig in den entsprechenden Gedenkveranstaltungen herumsitzen.

      Sich an Auschwitz und Buchenwald zu erinnern, ist wichtig und richtig. Aber Lichenhagen, Hoyerswerda, Mölln, Hanau? Was ist damit? Was ist mit NSU und SNU2.0? Warum machen wir wieder Politik, die den Faschismus stärkt? Durch Ausgrenzung, Rassismus, Klassismus.

      • @Jalella:

        Die kollektive Gesamtschuld am Nationalsozialismus wurde niemals aufgearbeitet

  • Warum wohl gehen auch in Deutschland Polizisten mit fadenscheinigen Argumenten gegen Videoaufnahmen ihrer Einsätze vor?

    • @Flix:

      Stimmt nicht. Die Mehrheit, in manchen Umfragen bis zu 90% der Polizisten, einschließlich der Gewerkschaft sprechen sich für die Nutzung von Bodycams aus. Man spricht sich gegen Bildaufnahmen Dritter aus, weil sie in mehrheitlich Fällen von Gaffern gemacht werden und die Persönlichkeitrechte Beteiligter verletzen und den Personen nicht selten die Maßnahmen stören.

      • @JSch:

        Das mag ja sein.

        Zur gleichen Zeit wird aber behauptet, dass es nicht genug Speicherplatz gäbe, um die Bodycams dauerhaft eingeschaltet zu lassen.

        In besonders kritischen Situationen ist diese dann seltsamerweise immer ausgeschaltet.

      • @JSch:

        Letztes ist leider etwas schlicht verkürzt. Newahr.



        Wenn da nichts zu verdecken - ist’s doch schlicht egal.



        (Gaffer/Behinderer - ein Ordnungsproblem, schwierig aber geht.)



        1. Latschdemo für DITIP-Glashaus in Kölle. Wg brauner Störer von außen:



        Auf der Fahrbahn, Venne bleiben.



        Am Quatschen mit ner Freundin - seh ich im Augenwinkel - wie an ner Wanne einer die 👖 runterläßt 📲.



        (Schick‘s meinem RA-Mitdemostr. - war der Versammlungsleiter, Däh fin)



        Bin knapp 5 schritte weiter, baut sich plötzlich einer von den wandelnden Vollgesteckten👮‍♂️vor mir am Fahrbahnrand auf, renn ihm fast um! “Was gibt das denn jetzt?! Ich denk - wir sollen .…“



        & der bekannte Worthülsensalat -



        “Sie behindern mich in meiner polizeilichen Arbeit!“( werdens noch 😇 bei Petrus stammeln!;)(



        Däh👮‍♂️👮‍♂️👮‍♂️👮‍♂️noch im Kreis drum.



        Tonn Glück - “laß die doch!“ riß mich meine Demo-gestählte 🤦‍♀️ weiter.



        👮‍♂️“ …ja Frauen sind eben vernünftiger!“



        2. Rhein-Metall-Demo - Abschluß Alter Markt.



        👮‍♂️ konnte mal wieder nicht ansichhalten.



        RA “Das ist alles so richtig?“ “Ja!“. “Das können Sie auch beeiden!“ “Ja!“



        “Und wenn ich Ihnen jetzt ein Video vorspiele?!“ “Ja. Also - das ist ja schon so lange her(sic) her“

      • @JSch:

        Komisch, dass die Bodycams gerade in vielen „zweifelhaften“ Fällen der jüngeren Vergangenheit ausgeschaltet waren. Auch das Argument der Persönlichkeitsrechte scheint immer nur zu Gunsten der Polizei ins Feld geführt zu werden, nie zu Gunsten deren Opfer.

      • @JSch:

        Einschließlich DER Gewerkschaft?



        Nun, da gibt es mehrere, und nicht alle sind da dafür.

        Die Argumente gegen Bildaufbahmen Dritter zählen so auch nicht. Ja, es gibt Gaffer die filmen, aber oft genug auch Zeugen die Unrecht festhalten wollen.

    • @Flix:

      Ja. Und die "Prüfungen" ihrer Taten gehen oft genauso aus. Hier gibt es oft nicht mal Bauernopfer, wie das von Bovino. Oder sind die Polizeipräsidenten in den Bundesländern, in denen es rassistische Polizeimorde gab, entlassen worden? Man denke z.B. an Lorenz, um nur einen aus einer langen Liste zu nennen.

  • Ist das noch Demokratie? Trump und Putin haben Gemeinsamkeiten: Unbedingter Machtwille, keine Rücksicht auf Menschenleben, Selbstverliebtheit, Machtsicherung durch Beschneidung der Rechte der Opposition, Strafverfolgung politischer Gegner. Alles nicht gut.

  • Es wäre schön gewesen, zu erwähnen, dass das Filmen der Polizei bei uns in dieser Form verboten und unmöglich ist, deutsche Beamte in solchen Situationen auch vermummt auftreten und sie zwar keine Immunität genießen, aber faktisch so gut wie nie für Straftaten im Amt zur Rechenschaft gezogen werden. Es sieht nicht viel besser aus bei uns.

    • @Markus G.:

      Nein ist es eben nicht. Dazu gibt es bereits diverse Gerichtsurteile.



      .



      1: Bei einer Demonstration darf grundsätzlich gefilmt werden.



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      2: auch Einsätze der Polizei im öffentlichen Raum dürfen gefilmt werden, wenn der Einsatz selbst nicht direkt gestört wird.



      .



      Eine Ausnahme gibt es bei Tonaufnahmen, wenn es sich um nicht öffentliche Kommunikation zwischen den Beamten handelt.



      .



      Somit wären solche Aufnahmen auch in Deutschland erlaubt.



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      Dass die Beamten das nicht wissen und immer wieder ohne ausreichende Rechtsgrundlage versuchen Aufnahmen zu verhindern, oder sogar das Handy konfiszieren,steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt.

    • @Markus G.:

      Nicht zu vergessen, dass sich, wie aktuell in Niedersachsen, die Innenminister:innen gegen eine Identifizierbarkeit wehren, was faktisch einer Immunität gleichkommt.

    • @Markus G.:

      Polizei-Bodycams sind in Deutschland erlaubt, sofern ein gesetzlicher Rahmen besteht (Landes-/Bundespolizeigesetze).

  • Meine volle Zustimmung zum Artikel.

    • @Minion68:

      …anschließe mich -