Erdbeben in Venezuela: „Wir haben große Angst vor den Nachbeben“
Zwei schwere Erdbeben erschüttern Venezuela. Hochhäuser in mehreren Städten stürzen ein, Menschen sind verschüttet, die Zahl der Toten steigt.
„Ich habe mein Zuhause verloren, was soll ich jetzt tun?“, habe ein Bewohner nach den Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 am Nachmittag des 24. Juni in Caracas gefragt. Er habe auf die Trümmer des Gebäudes gesehen, nur wenige Minuten nachdem alles aufgehört hat sich zu bewegen. So berichtet es eine Kollegin in Caracas der taz am Donnerstagmorgen. Seit dem Morgen, als die Stromversorgung leidlich wiederhergestellt wurde, sind wir in Kontakt zu Menschen aus verschiedenen Teilen der Stadt.
Das 13-stöckige Gebäude sei „einfach eingestürzt“. Nach mehrstündigen Rettungsarbeiten bestätigen schließlich die Behörden in Caracas, dass es ihnen gelungen sei, 18 Verletzte aus den Trümmern zu bergen. Doch die Zahl der Todesopfer ist in den frühen Morgenstunden des Donnerstags in Venezuelas Hauptstadt noch völlig unklar.
Sechs Stunden nach dem Erdbeben gibt die venezolanische Regierung unter Leitung der amtierenden Präsidentin Delcy Rodríguez eine erste Bilanz bekannt. Sie ordnet die Evakuierung von Gebäuden mit offensichtlichen schweren Schäden an und bestätigt die Einstellung der Gasversorgung über Rohrleitungen, des U-Bahn- und Bahnverkehrs sowie des gesamten Schulbetriebs.
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Bei der zweiten offiziellen Bilanz um 1.01 Uhr Ortszeit in der Nacht zu Donnerstag wird Rodríguez präziser: Sie beziffert die Zahl der Toten auf 32 und die der Verletzten auf über 700. Am Donnerstagmorgen steigt die Zahl weiter an: Es werden 164 Tote und 971 Verletzte gemeldet. Offiziellen Schätzungen zufolge wird die Zahl der Opfer in den nächsten Stunden weiter steigen, und die Rettungskräfte reichen nicht aus, um die durch das Erdbeben verursachten Schäden zu bewältigen.
„Wir haben große Angst vor den Nachbeben“
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Sechs Bundesstaaten Venezuelas sind von dem Erdbeben betroffen, die sich im zentralen und westlichen Teil des Landes befinden: der Hauptstadtbezirk (Caracas), Miranda, Aragua, Carabobo, Falcón und La Guaira, bekannt für die Tragödie von Vargas im Jahr 1999, bei der Erdrutsche nach heftigen Regenfällen zwischen 15.000 und 50.000 Menschen das Leben kosteten.
„Dutzende Gebäude sind eingestürzt“, sagte Delcy Rodríguez über die Lage in La Guaira, wo die meisten Venezolaner über soziale Netzwerke wie Instagram und Tiktok eine große Zahl von Vermissten gemeldet haben.
„Es kommen keine Informationen durch.“ „Wir wissen nicht viel über die Menschen in La Guaira, weil es keinen Strom gibt.“ „Wir haben große Angst vor den Nachbeben.“ „Ich hatte das Gefühl, ich würde sterben. So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Das sind die Nachrichten, die die taz aus Caracas erreichen.
„Frauen sind in Ohnmacht gefallen. Im Zentrum von Caracas lagen Mauerstücke auf den Straßen. Der Busverkehr ist zusammengebrochen. Man konnte sich nicht fortbewegen, nur zu Fuß“, berichtet Fatima Celis, eine Fotografin, die über das San-Juan-Fest in einem Stadtteil der Hauptstadt berichtete, in dem die Hauswände eingestürzt waren.
Hilfsangebote aus mehreren Ländern
Die Bilder, die uns aus Venezuela erreichen an diesem Donnerstagmorgen, sind eindeutig: Menschen, die in Parks und auf Plätzen schlafen, mit Decken und Kissen, die sie aus ihren Häusern retten konnten. Menschen auf Motorrädern, die versuchen, Wasser zu kaufen. Mitarbeiter des Zivilschutzes, Polizisten und Feuerwehrleute, die versuchen, technische Hilfe zu leisten, um Verletzte oder Leichen zu bergen.
„Wir brauchen Schaufeln und Spitzhacken. Jede Unterstützung, die ihr leisten könnt, ist willkommen“, sagen die Feuerwehrleute, die in La Guaira eingetroffen sind, gegenüber der unabhängigen Presse. Die Menschen in diesem Bundesstaat haben Bürgerbrigaden gebildet, um zu versuchen, Trümmer zu beseitigen und die Überlebenden in Hilfszentren zu bringen.
In ihrer jüngsten öffentlichen Erklärung sagte Delcy Rodríguez, dass Venezuela Rettungsteams aus den Vereinigten Staaten, El Salvador, der Dominikanischen Republik, Mexiko, Katar, Brasilien, Belize, Antigua und Barbuda sowie anderen karibischen Inseln empfangen werde. Auch Länder der Europäischen Union wie Deutschland, Frankreich und Spanien haben ihre Unterstützung bei den Sucharbeiten angeboten.
Jede Stunde zählt, und die Kommunikationsverbindungen in Venezuela sind unregelmäßig. „Anrufe kommen weder herein noch gehen sie raus. SMS kommen nicht an. Wenn ein Anruf durchkommt, ist das reines Glück“, berichten diejenigen, die Zugang zum Internet hatten.
Wie die internationalen Rettungskräfte nach Venezuela gelangen werden, ist noch unklar. Der internationale Flughafen Simón Bolívar, der wichtigste Zugang zum Land, hat seinen Betrieb bis auf Weiteres eingestellt. Die Lage ist kritisch, denn während die Zeit verstreicht, sind die Leben von Tausenden unter den Trümmern weiterhin in Gefahr.
Die venezolanische Autorin María José arbeitet für mehrere unabhängige Medien in Venezuela und ist derzeit mit einem IJP-Stipendium bei der taz zu Gast.
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