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Entscheidung für PränataldiagnostikMehr Tests, nicht mehr Klarheit

Manuela Heim
Kommentar von Manuela Heim

Der Bluttest zur Pränataldiagnostik führt zu höheren Anforderungen an Schwangere. Der Weg zu einer informierten Entscheidung ist noch weit.

Ultraschallaufnahme Foto: Antenna/fStop/imago

S eit ziemlich genau einem Jahr bekommen Schwangere als Kassenleistung einen Bluttest bezahlt, der Trisomie 13, 18 und 21 bei dem Fötus ziemlich sicher ausschließen kann. Was manchen wie eine Revolution der Pränataldiagnostik erscheint, hat nach Zahlen, die der taz vorliegen, genau zu dem geführt, was Kri­ti­ke­r*in­nen befürchtet haben: Viel mehr Schwangere machen den Test, als eigentlich angeraten wäre. Und damit kommt sowohl auf die Schwangeren und ihre Familien als auch auf Ärz­t*in­nen und Beratungsstellen einiges zu.

Im Grunde war die Rechnung ja diese: Es gibt Schwangere, die bisher eine Fruchtwasseruntersuchung haben machen lassen, um eine Trisomie auszuschließen oder zu bestätigen, weil die Ultraschalluntersuchungen auffällig waren und sie Gewissheit haben wollen zum Beispiel. Diese Fruchtwasseruntersuchungen sind mit der – zwar sehr geringen, aber vorhandenen – Gefahr einer Fehlgeburt verbunden. Insofern ist ein risikoarmer Bluttest, der das Gleiche leistet, ein Meilenstein.

Nun machen aber offensichtlich viel mehr als diese Schwangeren mit auffälligem Vorbefund einen Bluttest auf Trisomien – eben weil er von den Kassen bezahlt wird, weil er leicht verfügbar ist, weil er risikoarm ist. Und das hat Folgen.

Die enorm hohe Falsch-positiv-Rate der Tests – gerade bei jüngeren Frauen, die eigentlich gar nicht zu der Zielgruppe für diese Tests gehören – führt zu einer hohen Belastung der betroffenen Schwangeren und dann sicher regelmäßig zu ­einer im Grunde unnötigen Fruchtwasseruntersuchung.

Die Fragen werden mehr, nicht weniger

Ideal wäre gewiss, wenn es den betreuenden Ärz­t*in­nen schon im Vorfeld gelänge, Schwangere nur dann zum Test zu führen, wenn es wirklich nötig ist. Aber der Dynamik aus einem frei verfügbaren Test und dem hohen Sicherheitsbedürfnis der allermeisten Schwangeren werden sich viele von ihnen nicht entziehen können.

Wenn also mehr Bluttests zu potenziell mehr bekannten (und teils falschen) Trisomie-Verdachtsdiagnosen führen, dann beginnt ja erst die Arbeit. Denn dann machen diese Tests nicht nur Frauen, die sich eingehend damit beschäftigt haben, was sie denn im Falle eines positiven Ergebnisses tun würden. Was bedeutet es, ein Kind mit Trisomie zu haben? Was bedeutet es, eine Schwangerschaft deswegen abzubrechen? Welche Entscheidung kann ich gut in mein Leben integrieren?

Das sind Fragen, die nicht weniger werden, weil ein revolutionärer Bluttest jetzt mutmaßlich massenweise angewendet wird, sondern mehr. Und damit steigen die Anforderungen: an die Schwangeren, deren Partner*innen, Ärz­t*in­nen und Beratungsstellen. Der Weg zu einer informierten Schwangerschaftsentscheidung bleibt weit.

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Manuela Heim
Gesundheit und Soziales
Redakteurin in der Inlandsredaktion, schreibt über Gesundheitsthemen und soziale (Un-) Gerechtigkeit.
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1 Kommentar

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  • Hat Frau Heim mal durchgerechnet, von wievielen Frauen sie spricht?

    Im Artikel von Frau Bruns werden Zahlen genannt.

    taz.de/Praenatale-Diagnostik/!5937704/

    Dort werden für das Jahr 2021 in Sachsen-Anhalt 35 Geburten mit nachgewiesener Trisomie 21 genannt.

    Hätten die Mütter alle einen Test gemacht, hätte es in diesem Jahr zusätzlich höchstens rund 17 Fälle mit falsch-positivem Ergebnis gegeben.

    Insgesamt gab es 2021 in Sachsen-Anhalt ca. 14.500 Geburten.

    An höchstens 17 Schwangere wären die Anforderungen aufgrund eines falsch positiven Testes gestiegen.

    Ca. 14.448 Schwangere wären dagegen erleichtert gewesen. An sie wären die Anforderungen gesunken.