Energiewende und Erdgas: Klimafrage bei Nord Stream 2

Manche Politiker:innen sagen, die Pipeline sei nötig, um den Übergang zur erneuerbaren Energieversorgung zu meistern. Doch der Nutzen ist fraglich.

Schlepper ziehen Rohrverlegeschiff

Schlepper ziehen das russische Rohrverlegeschiff „Fortuna“ aus dem Hafen auf die Ostsee Foto: Jens Büttner/dpa

BERLIN taz | Fossiles Erdgas ist eine Übergangslösung, um die Energiewende zu schaffen und schließlich die Klimaneutralität zu erreichen. So lautet ein Argument für den Bau der umstrittenen Pipeline Nord Stream 2 zwischen Russland und Deutschland.

Mecklenburg-Vorpommerns Landeschefin Manuela Schwesig (SPD) hat es kürzlich wieder bemüht: Weil Deutschland aus Atomenergie und Kohlekraft aussteige, „brauchen wir neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien auch Gas als Übergangstechnologie“. Stimmt das Argument für die Pipeline denn überhaupt?

Ob der augenblicklich unterbrochene Bau der beiden Rohrleitungen bald weitergeht, ist unklar. Erst am Freitag hatte das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) grünes Licht für einen Weiterbau in deutschen Gewässern gegeben.

Eventuell testet die vom russischen Konzern Gazprom kontrollierte Betreibergesellschaft die Handlungsfähigkeit der neuen US-Regierung und verlegt zusätzliche Rohre. Oder sie wartet ab, um Verhandlungen über die angedrohten Sanktionen der USA Raum zu geben. Dadurch ausgelöst kocht jetzt wieder die Debatte über den grundsätzlichen Sinn oder Unsinn der Pipeline hoch.

Nutzen für die Energieversorgung ist fraglich

Die Europäische Union und Deutschland könnten ihren Bedarf an Erdgas immer decken, heißt es in einem kürzlich veröffentlichten Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin im Auftrag des Naturschutzbundes. Die zusätzliche Pipeline brauche man dafür nicht, schreiben die DIW-Expertinnen Franziska Holz und Claudia Kemfert.

Schon jetzt seien genug unterschiedliche Quellen vorhanden, etwa die Lieferungen aus den Niederlanden, Großbritannien, Norwegen, Nordafrika, die drei bestehenden Erdgasleitungen von Russland nach Zentraleuropa und potenziell das Flüssiggas aus den USA. Ökonom Thilo Schaefer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln teilt diese Einschätzung: „Für die Versorgungssicherheit ist Nord Stream 2 nicht nötig.“

Die Gegenposition nimmt Manuel Frondel vom Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen ein: „Die Lieferungen aus den Niederlanden und Großbritannien werden zurückgehen.“ Norwegen könne das nicht ausgleichen. Grundsätzlich stünden zwar Alternativen zur Verfügung, etwa Frackinggas aus den USA, so Frondel. „Im Vergleich dazu dürften Importe aus Russland aber günstiger bleiben. Das rechtfertigt Nord Stream 2.“

Diese Annahme jedoch relativiert IW-Forscher Schaefer: „Gas aus Russland ist nicht grundsätzlich günstiger als aus anderen Quellen.“ Ein größeres Angebot infolge von Nord Stream 2 könne aber die Preise insgesamt stabilisieren oder drücken.

Und wie sieht es mit der Rolle von Erdgas für die Energiewende aus? Holz und Kemfert vom DIW erklären, dass im Zuge des Abschieds von den fossilen Energien bis 2050 logischerweise auch der Verbrauch von Erdgas gen null sinke. Mehr und mehr werde Elektrizität aus regenerativen Quellen und mit deren Hilfe produzierter „grüner“ Wasserstoff den Bedarf decken.

„Trotz der Dekarbonisierung der europäischen und deutschen Energieversorgung muss Erdgas vorübergehend einen höheren Beitrag leisten als heute“, betont dagegen Manuel Frondel. „Wenn die Atomkraftwerke in zwei Jahren und die Kohlekraftwerke bis 2038 abgeschaltet werden, brauchen wir mehr Erdgas, nicht weniger.“

Um das zu untermauern, verweist Frondel auf eine Greenpeace-Studie von 2017 zum Kohleausstieg, die eine größere Menge zusätzlicher Gaskraftwerke zur Stromerzeugung prognostiziert.

Dazu sagt IW-Ökonom Schaefer: „Vielleicht nimmt der Verbrauch von Gas relativ betrachtet vorübergehend zu, weil Atom und Kohle zurückgehen. Die absolute Gasmenge wird in den nächsten 30 Jahren vermutlich aber nicht steigen, sondern irgendwann deutlich sinken.“

Beide Seiten können Untersuchungen zitieren, die ihre Position stützen. Ob der Erdgasbedarf noch mal zunimmt oder nicht, hängt auch vom Tempo ab, mit dem Wind- und Solarkraftwerke, Stromspeicher und Wasserstofffabriken hinzugebaut werden.

Gas womöglich so klimaschädlich wie Kohle

Als drittes Argument gegen Nord Stream 2 thematisiert das DIW die Klima-Auswirkungen von Erdgas. Vor allem beim Fördern, aber auch beim Transport des Rohstoffs werde das Treibhausgas Methan frei, das das Klima viel stärker schädigt als das Verbrennungsprodukt Kohlendioxid. Unter Umständen liege „die Klimabilanz ungefähr bei der von Kohle“, so Holz und Kemfert.

Das heißt: Erdgas wäre keine vermeintlich saubere Brückenenergie, sondern die klimaschädliche Fortsetzung der Kohleverstromung unter anderem Namen.

Zwar gehen die wissenschaftlichen Folgenabschätzungen an diesem Punkt weit auseinander – viel Forschung ist noch nötig, um den Klimaeffekt von Erdgas genau zu bestimmen. Fest aber steht: Der Gegenwind für den Energieträger und damit auch für die Pipeline Nord Stream 2 nimmt zu.

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