Energetische Sanierung: Es bröckelt am Rollberg
Unter sanierungsbedürftigen Häusern leiden sowohl Mieter:innen als auch das Klima. Die Initiative Soziale Wärmewende jetzt will beiden helfen.
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Vor der rot lackierten Hauseingangstür in der Neuköllner Rollbergsiedlung stehen Eliz Kurt und Merete Looft mit einem Klemmbrett in der Hand und klingeln. Ein älterer Mann in Hausschlappen kommt durch das Treppenhaus und öffnet. „Manchmal geht die Tür nicht auf“, sagt er, deswegen sei er lieber direkt gekommen, um zu öffnen.
Er sei schon seit 30 Jahren Mieter in dem Haus, sagt er – es gebe genug Dinge, über die er sich beschweren könne. „Die Terrasse ist schön. Alles andere ist schlimm“, sagt der Mieter. Dann beginnt er von der Asbestbelastung zu sprechen, von kaputten Fahrstühlen, dem Müll, der Ratten anlocke, von Wasserschäden und Rohrbrüchen und schließlich von hohen Nachzahlungen – „Bei vielen hier im Block waren es mehrere Hundert Euro.“
Kurt und Looft sammeln Unterschriften für einen Brandbrief an die Direktkandidaten des Wahlkreises. Immerhin ist die Eigentümerin der Rollbergsiedlung die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land. Sie wollen, dass die vielen Mängel des in den 60er Jahren errichteten Wohnkomplexes behoben werden und fordern, dass die Häuser umfassend energetisch saniert werden. Doch im Gegensatz zur bisherigen Praxis von Wohnungsunternehmen sollen die Sanierungskosten nicht auf die Miete draufgeschlagen werden.
Aufgerufen zu der Unterschriftensammlung hat der Kiezrat Rollberg, ein Zusammenschluss aus Mieter*innen der Siedlung. Unterstützt werden sie von den Klimaaktivist:innen der Initiative Soziale Wärmewende jetzt. Für sie ist die Rollbergsiedlung ein Beispiel, wie Mieter:innen- und Klimagerechtigkeitskämpfe zusammengeführt werden können. Denn energetische Sanierungen senken sowohl die Nebenkosten als auch den CO₂-Verbrauch.
Landeseigen und vergessen
Eliz Kurt pflegt ihren 84-jährigen Vater, der hier Mieter ist. Zehn Tage lang gab es in der Falkstraße, in einem der Wohnblöcke der Rollbergsiedlung in Neukölln, kein Wasser. „Wir haben ihm dann Eimer und Flaschen mit Wasser hingestellt“, sagt Kurt. Ein anderes Mal fiel über Monate hinweg der Fahrstuhl aus – ihr Vater sitzt im Rollstuhl: „Tagespflege, Arzttermine – er ist da nicht mehr hingegangen. Das ist doch kein Zustand“, sagt sie.
Nachdem er seine Wohnung in der Werbellinstraße ein paar Jahre zuvor wegen Schimmel verlassen musste, muss der Vater nun vermutlich erneut die Wohnung wechseln, da – wie in großen Teilen der Rollbergsiedlung – nun Spuren von Asbest in den Badezimmerschächten gefunden wurden. Er und viele andere Mieter*innen erhielten aus diesem Grund Anfang des Jahres ein Schreiben, in dem die Eigentümerin der Rollbergsiedlung, die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land, Strangsanierungen ankündigte: Die Versorgungsleitungen sollen erneuert werden.
Das Klima 26 Prozent der CO2-Emissionen werden von privaten Haushalten erzeugt, über 70 Prozent davon werden für das Heizen verwendet. Ziel der Wärmewende ist es, diesen Anteil drastisch zu senken. Dafür müssen Häuser gedämmt, Heizungen getauscht und klimafreundliche Wärme erzeugt werden.
Das Problem Energetische Modernisierungen können für Mieterinnen zum Problem werden, wenn Vermieter*innen einen Teil der Kosten über Modernisierungsumlagen an sie weitergeben und dadurch die Mieten steigen. Gerade für Menschen mit geringem Einkommen entsteht so die Sorge, dass Klimaschutzmaßnahmen zu zusätzlicher finanzieller Belastung oder sogar Verdrängung führen. Die Initiative soziale Wärmewende fordert daher, verpflichtendende energetische Sanierungen ohne Mieterhöhungen.
Für viele Mieterinnen ist das zwar ein notwendiger Schritt – aber eben nur ein erster. Denn weitere Instandsetzungsmaßnahmen seien derzeit nicht geplant, teilte Stadt und Land mit. Zurück bleiben viele andere Probleme, mit denen die Bewohnerinnen seit Jahren leben: Schimmel, kaputte Fenster, hohe Energiekosten und eine veraltete Wärmeversorgung.
Schon etliche Male hat Eliz Kurt, die solche Angelegenheiten für ihren Vater regelt, versucht, Stadt und Land wegen solcher Mängel zu kontaktieren. Sie scrollt durch ihr E-Mail-Postfach: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich bitte Sie, die erschwerte Lage meines Vaters zu berücksichtigen“, „…eine Notfallsituation“. Doch die Mails laufen ins Leere, Stadt und Land ist nicht zu erreichen. Früher gab es ein Büro von Stadt und Land im Kiez, das aber während der Coronazeit geschlossen wurde und nicht wieder öffnete. Seitdem fehlt eine niedrigschwellige Anlaufstelle.
Neubau vor Sanierung
In dem Brandbrief fordert der Kiezrat „eine feste verlässliche Mängelmeldestelle“, „verbindliche Zeitpläne für die Sanierung“, und umfassende und sozial gerechte Sanierungen.
Merete Looft von der Initiative Soziale Wärmewende jetzt war schon vorher in der Klimabewegung aktiv. „Wenn die Mieter*innen von ihren hohen Nachzahlungen erzählen, antworten wir: Das liegt auch daran, dass die Wohnung so schlecht gedämmt ist“, sagt Looft. Die Interessen von Mieter*innen und Klimaschützer*innen würden also eigentlich Hand in Hand gehen. Selbst wenn manchen Personen Klimaschutz zu abstrakt sei, fänden eine gut gedämmte Wohnung, in der man gut leben könne, alle gut, sagt Looft.
Statt auf umfangreiche Sanierung, um bestehende Wohnungen intakt zu halten, setzten viele Wohnungsbauunternehmen auf Neubau – denn Sanierungen sind teuer: „Natürlich ist Neubau wichtig, aber das kann nicht bedeuten, dass der Bestand dem Verfall überlassen wird“, sagt Looft.
Merete Looft, Soziale Wärmewende jetzt
Auch an der Tür von Eliz Kurts Vater klingelten die Aktivist*innen vom Kiezrat und der Sozialen Wärmewende jetzt: „Ich wünschte, ich hätte früher von solchen Aktionen gewusst“, sagt Eliz Kurt, die heute selbst Unterschriften sammelt. Sie klingelt an einer weiteren Tür im Wohnkomplex der Rollbergsiedlung. Eine Frau öffnet, ihre zwei Kinder luken hinter ihrem Rücken hervor. Sie hat einen Putzlappen und Glasreiniger in der Hand. „Ich hasse es!“, sagt sie. Das Störendste sei der Dreck überall im Kiez: „Hier liegen Spritzen rum, immer wieder gibt es Rattenplagen – meine Kinder dürfen hier nicht spielen.“ Nachdem sie den Brandbrief unterschrieben hat, verabschiedet sich die Mieterin mit den Worten: „Ich putze mal meine kaputten Fenster weiter.“
Politik soll sich bekennen
Neun Unterschriften sammeln die beiden an diesem Tag – „Manchmal sammelt man 30 Unterschriften, manchmal nur 3“, sagt Klimaaktivistin Merete Looft. Aber es komme nicht auf die Zahlen an. Es gehe vor allem darum, Mieter*innen zu aktivieren – das sei für den langfristigen Erfolg der Bewegung viel wichtiger, sagt Looft.
Bis zum 1. September sammeln die Aktivist*innen weiter. An dem Tag will die Initiative in einem von ihr organisierten Wahlforum die Politik mit ihren Forderungen konfrontieren. Eingeladen sind die Direktkandidat*innen der SPD, CDU, Linken und Grünen, bislang hätten alle zugesagt, bis auf die CDU. „Wenn Politiker*innen sagen, sie wollen hier in Neukölln in das Abgeordnetenhaus einziehen, dann müssen sie auch eine Zusage zur Rollbergsiedlung treffen“, sagt Moritz S., ein weiterer Wärmewende-Aktivist.
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