Endlagersuche in Skandinavien: Schweden schwört auf Kupferkapseln
Die schwedische Atomindustrie setzt auf eine von ihr entwickelte Endlagermethode. Trotz Zweifeln ist das erste Endlager seit 2025 im Bau.
Wohin mit dem tödlichen Müll? In Schweden sind sich Kraftwerksbetreiber und Staat sicher, die Antwort gefunden zu haben. Nach Jahrzehnten der Planung, der Debatten und des politischen Hin und Her, zeigte sich Klima- und Umweltministerin Romina Pourmokhtari (Liberale) vor gut einem Jahr strahlend beim Spatenstich für eines der ersten Endlager überhaupt.
Unweit des AKW-Standorts Forsmark, 140 Kilometer nördlich von Stockholm, wird nun an einem riesigen unterirdischen Tunnelsystem gebaut. In 500 Meter Tiefe soll hier Schwedens radioaktiver Abfall liegen, bis er in ungefähr 100.000 Jahren harmlos geworden sein soll. „Historisch“ nannte die Ministerin damals den Spatenstich – und nicht nur für Schweden, auch für den Rest der Welt. „Wir zeigen, dass wir tatsächlich diese Methode entwickelt haben und nun anfangen, sie auch anzuwenden“, sagte sie. Genehmigt hatte das Anfang 2022 ihre sozialdemokratische Vorgängerin – unter Kritik von Umweltschutzverbänden.
Am 26. April 1986 kam es im ukrainischen, damals sowjetischen Tschornobyl (russisch Tschernobyl) zum Super-GAU. Eine radioaktive Wolke verseuchte große Teile Europas. 40 Jahre später blickt die taz in einem Schwerpunkt zurück und nach vorn. Die taz verwendet bei ukrainischen Orten grundsätzlich die Schreibweise in Landessprache, nicht die russische – so auch bei Tschornobyl.
Der radioaktive Abfall aus den bis dato zwölf schwedischen Kernkraftwerken, insgesamt 12.000 Tonnen, soll in 6000 Kupferkapseln verpackt und in dem Tunnelsystem abgelegt werden. Die zuständige, den AKW-Betreibern gehörende Atommüllgesellschaft SKB nennt das System KBS-3, nach dem dritten und finalen Entwurf für die Endlager-Pläne von 1983. KBS entspricht auch den drei Schutzbarrieren des Konzepts: Kupfer, Bentonit und schwedischer Felsen.
Eine fünf Zentimeter dicke Kupferschicht umschließt die fünf Meter langen Kapseln und ihren Stahlkern. Das Kupfer soll die Behälter gegen Korrosion schützen. Gelagert werden sie in dem Tonmineralgemisch Bentonit, das als Puffer mögliche Erschütterungen im Berg abfedern soll. Wenn – geplant ist das für 2090 – die letzte Kapsel dort abgelegt wurde, soll das Endlager versiegelt werden.
Doppelte Sicherung gegen Lecks
Das Bentonit soll dann langsam das Grundwasser aufnehmen und die Hohlräume füllen. Wunschgemäß würde diese Masse, sollte wider Erwarten doch ein Sprung in einer Kupferkapsel entstehen, Wasser am Eindringen in den Behälter hindern und radioaktives Material daran, in den Berg zu entweichen. Und sollte, erneut wider Erwarten, doch radioaktives Material durch die Bentonitschicht dringen, würde der Felsen selbst es mit seinen Mikroporen aufhalten. So der Plan.
Zweifel gab und gibt es vor allem an der von SKB behaupteten Beständigkeit der Kupferkapseln. Statt unendlicher Haltbarkeit befürchten Korrosionsexperten hier einen entscheidenden Schwachpunkt, mit möglichen Undichtigkeiten schon nach 100 Jahren. Greenpeace hatte nach der erteilten Baugenehmigung der schwedischen Regierung vorgeworfen, sie lasse sich ohne Rücksicht auf die Folgen vor den Karren der Atomlobby spannen.
Gebaut wird nun so oder so. Und da die liberal-konservative Regierung mit Unterstützung der rechten Schwedendemokraten derzeit alles für eine zweite Blüte der schwedischen Atomkraft-Ära tut, ist die Geschichte wohl noch lange nicht auserzählt. Kommen wie staatlich gewünscht und hoch gefördert neue Kernkraftwerke hinzu, braucht Schweden mehr Endlager-Kapazitäten. Deren hohen Kosten lassen Investoren zögern. Der Staat will sich deshalb an künftiger Atommüll-Entsorgung mit Milliardensummen beteiligen.
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