Ende des Tarifstreits bei der Bahn: Keine strahlenden Sieger

GDL und Bahn haben sich nach mehreren Streiks geeinigt. Der Konzern sollte an seiner Firmenkultur arbeiten, damit künftige Konflikte nicht derart eskalieren.

Foto: v.l. Claus Weselsky, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivfuehrer, GDL und Martin Seiler, Vorstand Personal

DB und GDL einigen sich auf Tarifkompromiss: Claus Weselsky und Martin Seiler von der DB Foto: Reiner Zensen/imago

Wenn zwei sich einigen, freut sich der Dritte. Das ist das etwas kuriose Ergebnis des jetzt beigelegten Tarifkonflikts bei der Deutschen Bahn. Denn das, was die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hart erstreikt hat, bekommt nun die konkurrierende Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vom Bahnvorstand geschenkt. Für die Bahnbeschäftigten ist das gut. Für die Verantwortlichen der EVG, die für sich in Anspruch nimmt, die weitaus größere Interessenvertretung zu sein, ist es jedoch ein Armutszeugnis.

Denn es ist schon absurd, dass es der kleineren GDL bedurfte, um den Bahnvorstand dazu zu bringen, auf eine Kürzung der Betriebsrenten zu verzichten. Nicht minder bezeichnend ist, dass es nun dank des unbeliebten Claus Weselsky jene Coronaprämien gibt, die die EVG nur gefordert hat, ohne bereit zu sein, dafür auch zu kämpfen.

Aber aus dem nun beendeten Arbeitskampf ist niemand als strahlender Sieger hervorgegangen. Das Tarif­ergebnis ist ein klassischer Kompromiss, bei dem zwar der Bahnvorstand etliche Zugeständnisse, aber auch die GDL klare Abstriche machen musste. So bleibt für sie der Wermutstropfen, dass sich die betriebliche Altersvorsorge für diejenigen, die erst ab dem kommenden Jahr bei der Bahn anfangen zu arbeiten, verschlechtern wird.

Vor allem jedoch ist es der GDL nicht gelungen, den Anwendungsbereich ihrer Tarifverträge auf mehr als die ihr bisher zugebilligten 16 der 300 Betriebe des Bahnkonzerns auszudehnen. Ob sich daran noch etwas ändern wird, müssen nun Notare und Gerichte klären.

Der Tarifabschluss ist kein revolutio­närer. In anderen Unternehmen wäre er sicherlich auch ohne drei Streikrunden und die Moderation zweier Ministerpräsidenten erreichbar gewesen. Die Deutsche Bahn wird an ihrer Firmenkultur arbeiten müssen, damit das bei ihr künftig auch möglich wird – den Bahn­kun­d:in­nen zuliebe. Und die beiden Gewerkschaften sollten versuchen, endlich ihr gestörtes Verhältnis zu entspannen. Denn gemeinsam hätten sie sicherlich noch mehr für die Bahnbeschäftigten herausholen können.

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Jahrgang 1966. Arbeitet seit 2014 als Redakteur im Inlandsressort der taz. Zuvor fünfzehn Jahre taz-Korrespondent in Nordrhein-Westfalen. Mehrere Buchveröffentlichungen (u.a. „Endstation Rücktritt!? Warum deutsche Politiker einpacken“, Bouvier Verlag, 2011). Seit 2018 Mitglied im Vorstand der taz-Genossenschaft.

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