Elektromobilität und Strommarkt: Autobatterie laden und Geld dafür bekommen? So geht's
Wer dynamische Stromtarife nutzt, kann von solaren Überschüssen stark profitieren: Fragen und Antworten zu einer Option, die immer populärer wird.
An sonnigen Tagen kann es vorkommen, dass Besitzer von E-Autos Geld fürs Laden bekommen. Wie kann das sein?
Strom ist durch den Ausbau der erneuerbaren Energien zu einem Gut mit stark schwankendem Zeitwert geworden – in jeder Viertelstunde ergibt sich an der Strombörse aus Angebot und Nachfrage ein spezifischer Marktpreis. In Zeiten, in denen das Stromangebot die Nachfrage übertrifft, wird der Preis negativ. Das kam im ersten Halbjahr 2026 in fast 300 Stunden vor.
Und dann bekommen Stromkunden Geld, wenn sie Strom verbrauchen?
Nur im Extremfall. Die Börsenpreise sind Großhandelspreise. Bis der Strom den Verbraucher erreicht, kommen noch Netzentgelte hinzu, außerdem Steuern und Abgaben. Damit der Strompreis auch beim Endkunden negativ werden kann, muss der Preis im Großhandel auf etwa minus 15 Cent pro Kilowattstunde fallen. Das kommt nicht häufig vor, aber es passiert. Seit Jahresbeginn gab es etwa zehn Stunden, in denen man tatsächlich Geld bekommen konnte, wenn man Strom verbrauchte.
Was kostet Ladestrom im Durchschnitt?
Der Stromanbieter Tibber hat anhand seiner Kundendaten für das erste Halbjahr 2026 das reale Ladeverhalten von mehr als 10.000 Haushalten untersucht, die ihr E-Fahrzeug automatisiert und damit preisoptimiert geladen haben. Dort ergaben sich Energiekosten von durchschnittlich 3,27 Euro pro 100 Kilometer (bei einem Verbrauch von 20 Kilowattstunden auf 100 Kilometer). Ein E-Auto, das hingegen zuhause zum Fixpreis lädt, kommt bei 30 Cent pro Kilowattstunde auf sechs Euro pro 100 Kilometer. An einer öffentlichen Ladesäule sind es bei Stromkosten von 50 Cent rund 10 Euro. Und wer an Schnellladesäulen Strom für 70 Cent kauft, ist mit 14 Euro auf Augenhöhe mit dem Verbrenner. Tibber errechnete für Diesel im Schnitt Energiekosten von 13,59 Euro pro 100 Kilometer, beim Benzin ergaben sich 15,12 Euro.
Wie kommt man zuhause an die günstigen Stromtarife fürs E-Auto?
Erst einmal braucht man eine eigene Ladestation, Wallbox genannt. Es gibt Modelle mit 11 und 22 Kilowatt Ladeleistung. Der ADAC gibt die Preisspanne für eine Wallbox mit 300 bis 2000 Euro an, zuzüglich Installation. Die Preisspanne ist so groß, weil es sehr unterschiedliche Ausstattungen gibt, etwa, was eine Steuerung per App betrifft.
Und dann heißt es: einstecken, laden, sparen?
Nur, wenn man auch einen dynamischen Strompreis gebucht hat. In der Regel haben Haushalte bislang einen fixen Preis pro Kilowattstunde – egal, wann man Strom verbraucht, er kostet immer das gleiche. Bei dynamischen Tarifen schwankt der Preis im Takt der Strombörse. Inzwischen gibt es einige solcher Angebote. Pionier war Tibber, andere Anbieter sind zum Beispiel Rabot Energy und Octopus Energy. Um dynamische Tarife nutzen zu können, braucht man einen Smart Meter, der den Verbrauch viertelstündlich erfasst. Die traditionellen Stromzähler summieren nur den Verbrauch über das Jahr, was keine dynamischen Preise ermöglicht. Wer eine Wallbox hat, ist aber ohnehin ein „Pflichteinbaufall“ und bekommt den Smart Meter (offiziell: Intelligentes Messsystem) kostenlos vom Messstellenbetreiber installiert. Die monatliche Zählergebühr liegt dann aber etwas höher als beim klassischen Zähler.
Woher weiß ich, wann der Strom bei einem dynamischen Tarif billig ist?
Die Anbieter zeigen die Preise in ihren Apps an. Wenn das Auto an der Wallbox angeschlossen ist, kann man den Ladevorgang aber auch durch Algorithmen optimieren lassen. Man gibt dann nur an, wann die Batterie voll sein soll, und die Elektronik wählt den besten Ladezeitpunkt aus.
Bringt viel Sonnenschein grundsätzlich billigen Strom?
Oft, aber nicht immer. Wenn es sehr heiß ist und viele Klimaanlagen laufen, steigt die Stromnachfrage und damit auch der Preis. Daher lagen während der Hitze der letzten Wochen die Strompreise erkennbar höher als an kühleren sonnigen Tagen im April und Mai. Hinzu kommt: Bei Hitze erzeugen die Solarmodule weniger Strom, weil eine hohe Temperatur die Effizienz der Solarzellen mindert.
Was machen Autofahrer, die in einem Mehrfamilienhaus wohnen?
Wer einen eigenen Stellplatz hat – in der Tiefgarage oder auf dem Hof –, kann sich dort ebenfalls eine Wallbox installieren lassen. Vermieter dürfen dies nur in begründeten Ausnahmefällen verbieten. Die Kosten für den Einbau und den Betrieb muss der Mieter tragen.
Wenn ich einen dynamischen Tarif habe, kann ich dann Freunde zur Tankparty einladen, wenn der Strom gerade kostenlos ist?
Theoretisch schon. Da aber immer nur ein Fahrzeug zur gleichen Zeit laden kann und ein kompletter Ladevorgang einige Stunden dauert, ist das kollektive Laden für eine Partygesellschaft keine Option. Zudem treten die meisten negativen Preisstunden aufgrund der Photovoltaik Mittags auf. Damit wäre ein Brunch mit ein paar Kilowattstunden geschenktem Strom für einzelne Gäste zwar denkbar, letztlich aber eher ein Partygag als ein ernsthaftes Nutzungsmodell.
Gibt's dynamische Preise auch an öffentlichen Ladesäulen?
Die Stromwirtschaft ist deutlich träger als die Haushalte, die meisten Anbieter rechnen immer noch Fixpreise ab. Aber erste dynamische Modelle gibt es durchaus, etwa bei Enercity in Hannover.
Autoindustrie und Stromanbieter arbeiten daran, Strom bei hohen Preisen aus der Autobatterie auch wieder zurück ins Netz zu speisen. Warum das?
Das heißt bidirektionales Laden. Im Szene-Slang: Bidi-Laden. Autobesitzer sollen so von Preisdifferenzen profitieren können: billig laden, teuer zurückspeisen. Das setzt aber zwei Dinge voraus: Erstens muss das Fahrzeug dazu technisch in der Lage sein, was laut Automobilindustrie bei mehr als 30 Modellen inzwischen der Fall ist. Kritischer noch ist Punkt zwei: Auch die Wallbox muss Bidi können. Die meisten bisher installierten Wallboxen können es nicht.
Ist preissensibles Laden nur etwas für Schnäppchenjäger, oder ist es auch für das Stromsystem sinnvoll?
Es ist absolut sinnvoll. Denn wer Überschüsse nutzt, statt in der Dunkelflaute das Netz zu belasten, reduziert auch die volkswirtschaftlichen Kosten des Stromsystems. Allerdings ist die Strompreissystematik bislang unglücklich gewählt, weil sie noch keine regionale Differenzierung kennt. Das heißt: Wenn in einem Teil Deutschlands Stromüberschuss und im anderen Strommangel herrscht, sind die Preise trotzdem einheitlich. Das zu ändern, ist eine der großen Baustellen der Regulatorik – denn nur mit lokalen Preisen kommt billiges Laden wirklich jederzeit dem Netz zugute.
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