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Eis und Schnee in BerlinDa gerät was ins Schlittern

Timm Kühn

Kommentar von

Timm Kühn

So wie Berlin gerade durch den Winter rutscht: Das ist ein populistisches Trauerspiel mit einer gehörigen Prise Salz.

So schlittert man eben durch die Stadt. Die touristischen Schauwerte wie der Berliner Dom stehen fest Foto: Markus Lenhardt/picture alliance/dpa

W er sich in diesen Tagen überhaupt auf die Berliner Straßen traut, kann sich schon mal ein wenig einsam fühlen. Vor allem nach Einbruch der Dunkelheit kämpft man sich oft allein durch den kalten Ostwind, der derzeit unerbittlich aus Finnland in Richtung Hauptstadt weht. Insbesondere eine Gruppe sieht man kaum noch auf den Straßen: alte Menschen. Sie haben sich weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen.

Kein Wunder. Auf die Straßen zu gehen ist dieser Tage hier gemeingefährlich, weil eine Mischung aus Eisregen und politischem Versagen die Stadt in eine einzige Glatteiszone verwandelt hat. Die Notaufnahmen sind voller Menschen mit gebrochenen Knöcheln und Gliedmaßen. Das wiederum hat eine politische Schlammschlacht in Gang gesetzt, wer an der Misere denn nun Schuld hat.

Die regierende CDU setzt dabei, wie immer, voll auf Angriff. Offenbar hat man in der Partei im Handbuch des Populismus nachgeblättert, mit dem manche CDUler doch schon gut vertraut sind. In Berlin ist man im Populismus aber noch etwas ungeübt, sodass alles ein wenig tapsig und peinlich erscheint.

Starke Worte

Dabei ist das Handbuch doch eigentlich recht eindeutig. Kapitel 1: „Starke Worte“. Nach Wochen des Nichtstuns rief der Regierende Bürgermeister Kai Wegner plötzlich den Glatteis-Notstand aus. Die gewünschte Wirkung, als Macher wahrgenommen zu werden, hatte das allerdings nicht. Von grünen Lokalpolitikern aus Baden-Württemberg bis zum CDU-Kollegen Armin Laschet waren sich mal wieder alle einig: Berlin, dieser Failed State, kann noch nicht einmal Winter. Aber okay, Berlin-Bashing ist man als Landespolitiker gewöhnt. Kopf hoch, weitermachen. You win some, you lose some.

Kapitel 2: „Antiparlamentarismus“. Schon seit Wochen wettert die Umweltsenatorin Ute Bonde (CDU) gegen das Abgeordnetenhaus, weil dieses nicht das allgemeine Streusalzverbot kippen will, das in Berlin aus Umweltgründen besonders streng geregelt ist. Also ging Bonde zu Kapitel 3 über: „Die Exekutivmacht ausbauen“. Per Trump’scher executive order setzte sie das bestehende Recht kurzerhand per Verwaltungsdekret außer Kraft – und erlaubte allen Ber­li­ne­r:in­nen zu salzen. Begleitet wurde dies mit Ansätzen aus Kapitel 4, „Flood the zone with shit“. Eine Sprecherin der Umweltverwaltung verkündete dramatisch, wenn das Streusalz leergekauft sei, solle man halt Spülmaschinensalz nehmen. Scheißegal, Hauptsache, rauf da!

wochentaz

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Und wie das mit Populismus so ist: Er funktioniert schon ziemlich gut. Ohne Konsequenz blieb, dass die Stadtreinigung BSR darauf hinwies, dass bei den dicken Eisschichten Salz das Eis nur antaut und dann wieder neu gefrieren lässt. Auf die Umweltverbände, die warnten, im Sommer drohen wegen Baumschäden gefährliche Astabbrüche, hörte eh keiner mehr. Und als der Mieterverein auf die kluge Idee kam, man könnte ja bei den Ver­mie­te­r:in­nen nachfragen, die schließlich für die Räumung der Straßen vor ihren Grundstücken verantwortlich sind und das ihren Mie­te­r:in­nen auch in Rechnung stellen, meldeten die Bezirke: „Wir sind völlig überlastet!“

Doch leider haben die Konservativen wohl vergessen, Kapitel 5 zu lesen, „Die Judikative entmachten“. Trump ist das angegangen, indem er den Supreme Court mit Gefolgsleuten besetzt hat. In Berlin aber ist man noch nicht so weit – weshalb das Verwaltungsgericht den gesamten Politakt am vergangenen Mittwoch wieder kippen konnte. Die executive order habe keine Rechtsgrundlage, monierte das Gericht. Das Salz ist nun wieder generell verboten. Und die Straßen sind noch immer rutschig.

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Timm Kühn
Redakteur
Chef vom Dienst bei der taz Berlin. Schreibt für die taz über soziale Bewegungen und mehr.
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9 Kommentare

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  • Was mich an dieser Streusalz-Sache stört ist, dass niemand die Alternativen zu kennen scheint, Sand (sollte es in und um Berlin genug geben), Splitt, sonstiges Granulat, Sägespäne. Nein, es wird ideologisch auf Streusalz rumgeritten.

  • Berlin beweist jeden einzelnen Tag des Jahres, dass es eine "Failed City" ist und den Namen Hauptstadt nicht verdient.



    Und der Berliner Senat würde eher nach Absurdistan passen.

  • Berlin, ein “lost place” in jeder Beziehung.

  • Wo ich herkomme (Schwarzwald) wird das ganze viel pragmatischer gehandhabt. Wenn Eisregen droht, fahren am Tag vorher die Streufahrzeuge alle Straßen ab und streuen präventiv Tausalz, sodass der Regen gar nicht erst gefriert. Sind die Straßen halbwegs ordentlich gemacht, bleibt das Waser auch nicht stehen, sondern läuft ab. Sollte doch sich irgendwo eine Eisschicht bilden, gibt es ein paar Fahrzeuge mit Spezialreifen (die haben lange Gummimatten dran), die auch eine vereiste Straße befahren und nachträglich bestreuen können. Zur Not wird das Eis mit Schaufeln oder dem Pflug gebrochen. Und voila, trotz Steigungen über 10% droht keine Gefahr, sich bei gefrierendem Regen physische Schäden zuzuziehen. Von paar mal im Jahr präventiv streuen geht die Welt auch nicht unter.

  • Wenigstens wollte die Union den Bürgern unbürokratisch helfen - dem NABU sind offensichtlich Bäume wichtiger als die Knochen der Bürger...



    Selbst Ricarda Lang bezeichnete die Intervention des NABU als "Wahnsinn"



    www.welt.de/politi...itisiert-nabu.html



    PS: ich empfehle übrigens noch das Kapitel 6 dem Autor - abgerechnet wird immer nach der Wahl 😉

  • Wäre Berlin eine soziale Stadt, würden die Bürger zur Schaufel greifen, das Eis aufbrechen und wegräumen sowie streuen, da wo es notwendig ist. Aber so ist es leider nicht und daher bleibt das Chaos bis ein Wetterumschwung das Thema natürlich löst.

    • @Flocke:

      1. wäre berlin eine soziale stadt, so würde es grundstückseigentümer mit saftigen ordnungsgeldern dazu bewegen, ihrer rechtlichen verplichtung zum räumen und streuen nachzukommen; eine tätigkeit, deren kosten den mieter*innen dieser stadt auch dannin rechnung gestellt wird, wenn ein entsprechender winterdienst gar nicht stattgefunden hat. anderswo gelint das, man müsste nur die ordnungsämter entsprechend ausstatten, es würde sich lohnen.

      2. wäre berlin eine soziale stadt, dann würden die gewählten repräsentant*innen des gemeinwesens dafür sorgen, dass das öffentliche straßenland als soziale infrastruktur für alle bevölkerungsgruppen zugänglich und begehbar gehalten wird, indem man mit steuermitteln die bsr entsprechend befähigen würde. sollte geld in der kasse fehlen, könnte man z.b. endlich mal die parkraumbewirtschaftung erhöhen: derzeit kostet anwohnerparken im jahr weniger als eine 4-fahten-karte der bvg.

      3. wäre berlin eine soziale stadt, käme man ganz sicher nicht auf die idee, bürger*innen, die öffentliche steuern und private winterdienste finanzieren, zusätzlich zur lohn- und sorgearbeit in ein perfides workfare-system einzuspannen.

    • @Flocke:

      Wäre Berlin eine soziale Stadt, hätte sie keine CDU-SPD-Oberen.



      Wäre sie eine vernünftige Stadt, würde sie auf Stadtreinigung und Naturschützer hören, und wissen, daß Rollsplitt bei Glatteis für Fußgänger viel hilfreicher ist als Salz (Kommentar wirklich gelesen?) Autofahrer mögen es nicht wegen der Kratzerchen im Lack ...



      Die B'90/Grünen habe diverse weitere gute Lösungsvorschläge. Ich selbst benutze in solchen sehr wenigen Tagen des Jahres Spikes an den Schuhen. Das ist für alle das Billigste und schont auch meine Knochen.

  • Schwarz-rot, Wegner-Giffey, das Spießertum auf vier Beinen, will doch auch mal oben sein, und rutscht immer wieder aus. Der Schwur auf das Wohl des Volkes, das es zu mehren gilt, und die Gefahrenabwehr ... irgendwie entglitten.



    Danke für den trefflichen Kommentar und das super Foto.