: Einer, der bleibt
Viele junge Leute gehen weg aus dem Osten. Sebastian Hüller nicht. Er arbeitet als Admin, organisiert CSDs, sammelt beim Dorffest Plastikenten – und kandidiert jetzt für den Schweriner Landtag
Von Claus Oellerking (Text) und Kathrin Wendel (Fotos)
Sebastian Hüllers Telefon klingelt. Leise. Mehrmals. „Beim dritten Mal gehe ich ran. Dann ist es ein Notfall.“
Draußen: „Lebenshauptstadt“, so nennt sich Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt Schwerin. Doch in der Altstadt schließen Fachgeschäfte. Läden stehen leer. Auch in der Friedrichstraße, gleich um die Ecke von Hüllers WG. Hier war in einem historischen Gebäude einst die Staatsbank der DDR. Das Vorhaben, dort ein exklusives Hotel zu errichten, ist geplatzt. Der Bauherr pleite. Die Zukunft ungewiss. Wie für viele hier. Am Ende der Straße weitet sich der Blick auf den Pfaffenteich. Die Schweriner „Binnenalster“.
Drinnen: Bei Sebastian Hüller steht die Badewanne direkt unter dem Fenster. Ist es geöffnet, kann er beim Baden auf die Straße gucken. „Die Wanne ist der Grund, weshalb ich mich für die Wohnung entschieden habe“, sagt er. Sein Zimmer hat er in vier Bereiche aufgeteilt: links das Bett und die Bücher auf dem Nachttisch, rechts an der Wand das Klavier, vor dem Fenster eine Leseecke und sein Homeoffice. Und an der Decke hängt ein Wäscheständer aus Holz mit Flaschenzugsystem.
Arbeit: Sebastian Hüller ist 25. Er ist Fachinformatiker für Systemintegration. Wenn er morgens aufsteht, schaut er zuerst auf seine Handys. Erst privat, dann wegen der Arbeit. Irgendwo ist immer etwas: ein Serverproblem; ein Drucker, der streikt; jemand, der etwas braucht. Seit drei Jahren arbeitet Hüller für die grüne Landtagsfraktion als ITler. Dort ist er auch Betriebsratsvorsitzender.
Engagement: In seiner Freizeit organisiert er zudem Christopher-Street-Day-Paraden, plant queere Partys, macht Wahlkampf und versucht zwischendurch, einmal in der Woche Freunde zu treffen. Und er geht zum Boxtraining. Hüller erzählt schnell, springt zwischen Themen, als müsste er gleichzeitig reden, erklären und organisieren. – „Es ballt sich in letzter Zeit sehr.“ Manchmal merkt er selbst, dass es zu viel wird. „Ich komme da schnell in so eine Spirale rein“, sagt er.
Zuhören: In der Küche steht ein altes Radio zwischen Teetasse und Ladegerät. Daneben Kassetten. „Die Schatzinsel“. Kein Streaming. „Ich finde es ganz nett, wenn das Radio entscheidet, was ich höre“, sagt Hüller. Auch Schallplatten legt er gern mal auf. – Das Telefon klingelt zum zweiten Mal.
Das Dorf: Am Wochenende fährt er aufs Land. Nach Witzin. Dort leben Freunde, ist Familie und „die Entenwanderung“. Die ist immer am Ostermontag. Dann steht Sebastian Hüller in einer Watthose in der Mildenitz und sammelt Plastikenten ein. 400 Stück treiben den Fluss runter, Er fängt sie ein, laut ruft er Zahlen, die auf ihnen stehen und wirft sie ans Ufer. Dort stehen Leute und hoffen auf Gewinne. Die ersten zehn und die allerletzte Ente zählen. „Es geht nicht ums Gewinnen. Es geht ums Dorf, um die Gemeinschaft und das Ehrenamt.“ Irgendwo gibt es Erbsensuppe mit Bockwurst.
Die Linkshänderin: Seine Oma war früher oft zum Helfen da, nun ist ihr der Weg zu weit. Sie ist Linkshänderin. Als sie jung war, wurde ihr das ausgetrieben. Linkshänder galten als falsch. Hüller erzählt die Geschichte der Oma gern. Weil sie für ihn etwas erklärt. Seine Oma sei gezwungen gewesen, ihre Linkshändigkeit zu verstecken. „Als das nicht mehr nötig war, gab es plötzlich viele Linkshänder.“ So ähnlich spricht er auch über das Queersein. Auf dem Dorf hat er das lange nicht gesagt. Es passte nicht. Nicht mal ihm. Anderen auch nicht. „Schwul“ ist ein Schimpfwort auf vielen Pausenhöfen. Also schwieg er. Erst später, in Rostock, stand er vor einer queeren Bar, fragte, ob er dort reindürfe. Durfte er nicht. Er war 17. Zu jung. Heute organisiert er selbst solche Räume.
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Bedrohung: Zum Beispiel den CSD in Grevesmühlen. 1.400 Leute auf der Straße, etwa genauso viele Gegendemonstranten. „Das waren hartgesottene Nazis“, sagt Hüller. Ohne Pathos. Und er macht weiter. Dieses Jahr in Wismar. „Aufhören ist keine Option“, sagt er. „Ich kann ja nicht weniger queer sein.“
Bewerbungen: In der achten Klasse sagte eine Berufsberaterin zu ihm: „Mehr als Verkäufer wird’s nicht.“ Sebastian Hüller erinnert sich genau. „Das hat mich runtergezogen.“ Auch, weil der Satz so endgültig klang. Und weil er von einer kam, die dem Jungen helfen sollte, seinen Weg zu finden. Seine Mutter hielt dagegen. Sie drängte ihn, sich zu bewerben. Viele Bewerbungen, viele Absagen. Er war 16, als er zur Ausbildung als Fachinformatiker vom Dorf nach Teterow zog. Eine Kleinstadt. Nach der Lehre blieb er. Engagierte sich bei den Grünen.
Bleiben: Er hätte auch weggehen können. Nach Berlin, Hamburg, Leipzig. Ist er aber nicht. „Ist mir zu viel“, sagt er über die Großstadt. Und dann sagt er einen Satz, den man in Mecklenburg-Vorpommern nicht oft hört: „Der Mangel hier macht die besten Sachen möglich.“ Er meint das nicht ironisch. Leerstand in Dörfern und Städten, wenig Angebote, wenig Struktur – für Hüller ist das kein Grund zu gehen, sondern zu bleiben. Weil man etwas aufbauen kann.
Einsamkeit: Vielleicht auch, weil er weiß, wie schnell man in der Großstadt allein ist. In der Ausbildungszeit, als Hüller in der neuen Stadt war, keine Freunde hatte, nur Arbeit und Computer – da war das Gefühl plötzlich da. Einsamkeit. Heute redet er darüber, Einsamkeit ist für ihn ein politisches Thema.
Der Kandidat: Bei der Wahl am 20. September kandidiert Hüller für den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Er tritt an für die Grünen, für eine Politik gegen Manuela Schwesigs Weiter-so und gegen die AfD. Hüller redet nicht lange darüber, dass er gegen die AfD ist. Das versteht sich für ihn von selbst. Interessanter ist, wie er darüber spricht, auch mit denen, die sie wählen. Er setzt sich dazu. Hört zu. Lässt sich erzählen, was alles schiefläuft. Mieten, Preise, das Gefühl, dass keiner mehr zuhört. „Die Ängste sind ja da“, sagt er. „Die sind nicht ausgedacht.“ Und nachdem er zugehört hat, widerspricht er. Leise. Ohne die Leute vorzuführen. Wenn jemand recht hat, sagt Hüller das auch. Wenn nicht, erklärt er, warum nicht. Keine großen Gesten, keine moralische Empörung.
Gespräch: Einmal stand er in einer Bar und geriet an einen, der AfD-Mitglied ist. Er sei auch schwul, sagte der. Sie sprachen miteinander. Vieles passte nicht zusammen, merkte Hüller. Manches blieb widersprüchlich. Am Ende sagte der Mann einen Satz, der hängenblieb: „Das haben wir gesellschaftlich verkackt.“ Hüller glaubt nicht, dass man das Problem loswird, indem man nur lauter wird. Er glaubt auch nicht, dass alle noch erreichbar sind. Aber genügend vielleicht. Also hört er zu. Redet weiter. Und setzt darauf, dass sich etwas verschiebt, wenn man Menschen nicht sofort aufgibt.
Nehmerqualitäten: Wenn Hüller über Politik spricht, spricht er oft auch über seine Eltern. Sein Vater ist Bürgermeister im Dorf. Kein großes Amt, eher eines, in dem man sich ständig rechtfertigen muss. Entscheidungen erklären, Streit aushalten, auch dann weitermachen, wenn es persönlich wird. Hüller hat das früh mitbekommen. „Wie viel mein Vater da ordentlich einstecken musste“, sagt er. Und dass er nicht so schnell kneift.
Antrieb: Von seiner Mutter gelernt hat er Druck, im besten Sinne. Sie hat ihn angetrieben, Bewerbungen geschrieben, als er selbst noch gezögert hat. „Die hätte nicht zugelassen, dass ich einfach stehenbleibe“, sagt Hüller. Arbeiten, sich einbringen, nicht abwarten – das war für sie selbstverständlich. Und so übernimmt er von beiden die Überzeugung, dass er sich kümmern muss. Auch dann, wenn es anstrengend wird.
Bingo: Sebastian Hülller weiß, wie die Zahlen stehen: Ziemlich sicher ist er nach den Wahlen seinen Job als Informatiker bei den Grünen los. Entweder schafft er es in den Landtag und ist dann Abgeordneter oder die Grünen schaffen es nicht, dann ist es das Ende der Fraktion. „Ich kann eigentlich nur gewinnen“, sagt er und lacht. „Wenn es nicht klappt, dann werde ich Bingo-Spielleiter.“ Er meint das halb im Spaß. Halb im Ernst. Er hat das schon gemacht. Mit Musik, mit Zwischenspielen, mit kleinen Shows. „Das ist schon eine nette Veranstaltung“, sagt er und geht, als es zum dritten Mal klingelt, an sein Handy.
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