Eine Schule für alle: Ungewohntes Lob für Bremens Schulsystem
Bildungsstatistiken sind für Bremen keine Freude. Nun lobt ein Gutachten den Schulfrieden – und rät zu gemeinsamem Lernen von erster bis letzter Klasse.
Foto: Marijan Murat/dpa
Die Bildungsstatistiken sind wahrlich keine Freude für Bremen. 2026 hat Deutschland in der Pisa-Studie so schlecht abgeschnitten wie nie zuvor – und Bremen steht, so wie in all den Vorjahren, im Vergleich der Bundesländer ganz hinten – egal, ob so wie jüngst im eher wirtschaftsfreundlichen INSM-Bildungsmonitor oder im neutraleren IQB-Bericht von 2025.
Im Vergleich zu diesen unschönen jährlichen Platzierungen kam ein Gutachten der Bildungsbehörde in diesem Sommer zu geradezu beruhigenden Ergebnissen: Bremen müsste mehr Ressourcen in die Bildungslandschaft stecken, heißt es dort. Aber grundsätzlich, systemisch, habe man schon vieles richtig gemacht.
Evaluiert wird darin der Bremer Schulfrieden, mit dessen Hilfe die Bremer Schulpolitik seit nunmehr 18 Jahren in ihren großen Zügen mehr oder weniger unangetastet bleibt. SPD, CDU, Grüne und FDP hatten sich 2008 auf einen Rahmen geeinigt, der unter wechselnden Regierungen nicht angefasst werden sollte; SPD, CDU, Grüne und Linke hatten ihn ab 2018 verlängert.
Versprochen hatte man sich von dem überparteilichen Konsens, dass Schulen, Lehrer*innen, Eltern und Schüler*innen eine gewisse Stabilität erfahren. Umgesetzt wurde so in Bremen die Inklusion – und die Abschaffung von Haupt- und Realschulen. Mittlerweile gibt es nach der vierjährigen Grundschule ein zweigliedriges Schulsystem, Eltern können entscheiden, ob sie ihre Kinder lieber auf ein Gymnasium oder auf eine Oberschule geben. Auch viele Oberschulen haben eine gymnasiale Oberstufe, das Abitur kann man also auch hier machen.
Schuldfrieden gutes Zeugnis ausgestellt
Das Gutachten wurde in wenigen Monaten umgesetzt, die Wissenschaftler*innen arbeiten mit Daten und Berichten der Behörden und mit Befragungen von verschiedenen Betroffenen, den Stakeholdern: Lehrkräfte, Eltern, Schulleitungen, pädagogisches Personal und Schüler*innen wurden befragt.
Grundsätzlich wird dem Schulfrieden dabei ein gutes Zeugnis ausgestellt: Mit dem zweigliedrigen System können sich die meisten arrangieren, die Verlässlichkeit durch den Schulkonsens wird laut Studie als „Verbesserung gegenüber vergangenen Auseinandersetzungen“ wahrgenommen. Die meisten, heißt es, hätten ein Interesse daran, einen neuen Schulfrieden für die Zeit ab 2028 zu vereinbaren.
Die schlechten Ergebnisse in Vergleichstests scheinen eine andere Sprache zu sprechen. Doch der Evaluationsbericht verteidigt das Bremer Schulsystem: Immerhin seien die Bildungsergebnisse weitgehend stabil geblieben – trotz zunehmender Heterogenität der Schüler*innen, trotz weitgehender Inklusion und trotz stark gestiegener Schüler*innenzahlen. 2025/26 gab es an den Oberschulen und Gymnasien in Bremen etwa 3.300 Schüler mehr als noch sieben Jahre zuvor, ein Anstieg um 11 Prozent.
Auch und gerade die Oberschule, also die weiterführende Schulform, die neben dem Gymnasium für alle Kinder ab Klasse fünf besteht, kommt gut weg. Wer zwischen 2015 und 2020 die E-Phase, also die 11. Klasse, an einer Oberschule besucht hat, hat mit einer Wahrscheinlichkeit von 69,2 Prozent auch Abitur gemacht. Die Abiquote der E-Phase-Schüler*innen an den Gymnasien war mit 71,9 Prozent nur unwesentlich höher.
Dabei sind die Voraussetzungen an den Oberschulen schwieriger: Etwa 21,1 Prozent der Schüler*innen besuchen einen Vorkurs, sind also erst vor Kurzem nach Deutschland zugewandert; in Bremer Gymnasien sind es 8,6 Prozent. Und die Quote von Schüler*innen, die in Armut aufwachsen, liegt an Oberschulen in der Stadt Bremen bei etwa 51 Prozent; in Gymnasien sind es 26,3 Prozent. „Der Umsetzungsbericht kommt vor diesem Hintergrund zu dem Schluss, dass die Oberschule sich als eine leistungsfähige und sozial-integrative Schulart etabliert hat“, so steht in dem Gutachten.
Debatte über Schulfrieden angestoßen
In einer Veranstaltung mit GEW und Bildungsforscher Sven Pauling, der auch zu den Gutachtern gehört, will die Linke am Donnerstag eruieren, wie es „nach dem Schulkonsens“ weitergehen könnte. Ein bisschen klingt der Titel schon wie eine Absage an einen neuen Konsens, auf den man sich in Bremen parteiübergreifend einigen könnte – doch so will die bildungspolitische Sprecherin der Linken, Miriam Strunge, die Veranstaltung nicht unbedingt verstanden wissen.
Miriam Strunge, Linke
„Uns erschien der Schulkonsens lange eher als eine Verhinderung von Fortschritt. Eine Fortführung des Status quo“, sagt Miriam Strunge. Als eine Grundschule eine Verlängerung bis zur sechsten Klasse beantragt hatte, die nach dem Bremer Schulgesetz möglich ist, verhinderte der Schulkonsens am Ende die Umsetzung. Doch mit dem neuen Gutachten wurde für Strunge auch ein veränderter Schulkonsens greifbarer.
Empfohlen wird in dem 60-seitigen Gutachten an mehreren Stellen die Möglichkeit, sogenannte Langformschulen einzurichten. Das sind Schulen, bei denen Schüler*innen von der ersten bis zur letzten Klasse gemeinsam in einem Klassenverband lernen; Bildungsabbrüche nach Schulwechseln und auch die frühe Trennung nach Leistung sollen so vermieden werden.
Die Grünen zeigen sich prinzipiell offen für die Idee: Zumindest müsse eine Langformschule eine Option sein. „Europa- und weltweite Beispiele zeigen uns ja, wie erfolgreich und auch normal es sein und funktionieren kann, dass Schüler*innen möglichst lange gemeinsam lernen, statt wie in Deutschland früh getrennt zu werden“, so die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion, Franziska Tell. Umgesetzt werden solle so etwas nicht sofort und überall, sondern als Modellform: „Dort, wo Schulen daran interessiert sind und räumliche Bedingungen es hergeben, sollten wir es unbedingt ausprobieren.“
Falko Bries, SPD
Bei der SPD ist man noch etwas vorsichtiger. „Wir sind immer gesprächsbereit, was längeres gemeinsames Lernen angeht“, so Falko Bries als bildungspolitischer Sprecher der Fraktion. Aber wahrscheinlich sei es leichter umsetzbar, zunächst einmal die frühkindliche Bildung stärker zu verbinden: Vereinzelt werden in der Stadt schon Kitas an Grundschulstandorten geplant und umgekehrt. Auch so könnten Bildungsbrüche vermieden werden.
Dass die Langformschule zum neuen Standard wird, wäre jedenfalls unerwartet: Bis auf die Linke hat sich dafür noch keine Partei klar ausgesprochen. Doch als Modellprojekt scheint es denkbar, sollten sich SPD, Grüne und Linke auch nach der nächsten Bürgerschaftswahl als Koalition versuchen.
Der Schulfrieden allerdings stünde damit auf der Kippe: Die CDU hat sich bei einer Veranstaltung der GEW vor einigen Wochen als einzige Partei schon klar gegen die Gemeinschaftsschule ausgesprochen. Ohne sie erscheint ein „Schulkonsens“ wenig sinnvoll.
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