Eigenlob auf Twitter: Der Müller, der zum Aiwanger wurde

Bayerns Vize-Ministerpräsident sorgt im Netz mal wieder für Aufregung. Mancher (t)wittert schon ein Doppelleben des Politikers.

Hubert Aigwanger

Es wurde spekuliert, Aiwanger könnte noch weitere Twitter-Accounts bespielt haben, in denen er sich selbst Beifall klatschte Foto: Stefna Puchner/dpa

MÜNCHEN taz | Mei, der Hubsi halt! In Bayern hat sich der stellvertretende Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger längst einen ganz eigenen Status erarbeitet. Trotz der politischen Bedeutung seiner Ämter lässt man ihm manches durchgehen, was andere Leute den Ruf kosten würde. Es ist wie beim Zwergpinscher, der den Dobermann auf der anderen Straßenseite recht großmäulig ankläfft, solange er bei Herrchen an der Leine ist: Die eine lacht, der andere ist genervt, aber so richtig ernstnehmen tut ihn niemand. Und mit dieser Methode setzt Aiwanger schon seit vier Jahren seine Karriere in der bayerischen Landespolitik recht ungeniert fort.

Beim Politischen Gillamoos holt er sich einen Winnetou-Darsteller auf die Bierzeltbühne, allen „Anständigen“ empfiehlt er, ein Messer in der Tasche zu haben. Und Aiwanger ist mit seinen Freien Wählern noch näher dran an den Problemen der kleinen Leute im Freistaat und damit sogar noch ein bisschen – gut, wir lehnen uns dann mal weit aus dem Fenster – populistischer als die CSU.

Fettnäpfchen gegenüber hatte Aiwanger noch nie unnötige Betretungsängste. Und in ein solches hat er sich nun wieder begeben. So jedenfalls die aktuell naheliegende Betrachtungsweise. Auf Twitter freilich machen ganz andere Tweet-Exegesen die Runde, wonach Aiwanger auf dem Kurznachrichtendienst ein zwielichtiges Doppelleben führt.

Aber der Reihe nach: Am Donnerstagabend lieferte sich Aiwanger auf Twitter ein kleines Wortgefecht mit dem Klimaforscher Christian Scharun. Der warf dem Politiker vor, auf Bild TV „einen Quatsch nach dem nächsten rauszuhauen“; Aiwanger wiederum hielt dem „Bub“ entgegen, nach vier Jahren Forschung den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen. Zuvor allerdings schrieb er Scharun recht unvermittelt: „Herr Aiwanger, wir bräuchten mehr Politiker wie sie, mit Verstand und Pragmatik. Mit dem Ohr am Bürger. und nicht wie viele andere weltfremd im Wolkenkuckucksheim! Sie sind ein Kämpfer und haben sich ihren Posten als bayr. Wirtschaftsminister hart erarbeitet gegen Widerstände!“

Wie meinen? Warum wechselt Aiwanger plötzlich in einen inneren Monolog, der auch noch vor Selbstlob nur so strotzt? Der Verdacht war schnell in der Welt: „Hoppla, haben Sie vergessen für das Eigenlob auf ein Sockenpuppen-Konto zu wechseln, Herr Aiwanger?“ fragte ein anderer Twitternutzer, und schnell war für viele klar: Hubert Aiwanger ist niemand anderes als Peter Müller. Und um keinem Peter Müller zu nahe zu treten, sei präzisiert: Gemeint ist @PeterMl64582938. Es wurden Screenshots von früheren Müller-Tweets rumgereicht und kommentiert – in der Annahme, man habe es hier mit O-Ton Aiwanger zu tun. Es wurde spekuliert, Aiwanger könnte noch weitere Twitter-Accounts bespielt haben, in denen er sich selbst Beifall klatschte.

Und schließlich schaltete sich auch noch Bayerns Grünen-Chef Thomas von Sarnowski in die Diskussion ein und forderte: „Die Menschen in Bayern haben ein Recht zu erfahren, in welchem Verhältnis Hubert #Aiwanger zu Peter Müller steht. Er sollte sich dazu erklären.“

Tat dieser denn auch am Freitagvormittag. Unter dem Hashtag Aiwanger postete er einen Screenshot einer Antwort, die Müller ihm tags zuvor auf einen Tweet gegeben hatte und vermeldete dazu: „damit es jetzt alle kapieren können die es kapieren wollen, wo der Text herkommt“. Der vermeintliche oder echte Müller hatte genau jene monierte Lobeshymne abgesetzt. Sprich: Aiwanger wollte nur auf Scharuns Kritik hin dokumentieren, dass andere seine Kompetenz anders bewerteten als der Forscher. Dazu habe er Müllers Worte weitergeleitet – allerdings kommentarlos und ohne Anführungsstriche. „Viele von denen, die mir einen Zweitaccount andichten wollen“, schob Aiwanger noch nach, „haben wahrscheinlich selbst einen. Ich hab keinen.“

Der Nachrichtenagentur dpa sagte Aiwanger noch, es sei abwegig anzunehmen, dass er einen Zweitaccount habe. „So etwas würde ich nie machen.“ Der Politiker sprach von einer „künstlichen Aufregung“. Aber diese zeige, „mit welchen Bandagen da mittlerweile auf Twitter gekämpft wird“.

Dass Aiwanger tatsächlich Müller ist, darauf deutet nach dem jetzigen Stand der Dinge tatsächlich nicht viel hin. Ein Blick in die Müller’sche Timeline zeigt, dass der Mann, der bei Twitter seit knapp einem Jahr angemeldet ist, erst seit etwa einer Woche intensiv in verschiedenen Diskussionen mitmischt. Umfang und Art seiner Kommentare lassen es wenig plausibel erscheinen, dass ein Wirtschaftsminister einen solchen Account zum Zeitvertreib bespielt. Zumal Aiwanger nicht nur mit seinen ministeriellen Verpflichtungen ausgelastet sein dürfte: Auch sein eigener Twitter-Account dürfte einiges an Zeit fressen.

Und um mal übers Ziel hinauszuschießen, benötigt Aiwanger auch gar keine weiteren Identitäten. Am Bundestagswahlsonntag 2021 sah sich sogar der Bundeswahlleiter zu einer Prüfung veranlasst, als Aiwanger noch vor Schließung der Wahllokale vermeintliche Wahlprognosen in die Welt hinaustwitterte. Konsequenzen hatte die Sache dann aber keine. Der Hubsi halt!

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de