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Ehemaliger DDR-ClubDer Mix war Programm

Theater in Dorfkneipe: „Düsterbusch City Lights“ der Jungen Bühne Senftenberg lässt einen Undergroundschuppen in der ostdeutschen Provinz wiederaufleben.

Richard Fuchs und Lene Juretzka in „Düsterbusch City Lights“ Foto: Steffen Rasche

Lugau ist Kult. Das merkt man nicht unbedingt, wenn man hinkommt. Ein paar Schafe grasen stoisch im Schatten von Windrädern am Rande der Straße, die vom monumentalen Kreuzungsbahnhof Doberlug-Kirchhain in das 500-Seelen-Nest führt. Die Fenster im ersten Gehöft am Ortseingang sind verrammelt, als solle nichts rein-, aber auch nichts rauskommen, kein Lichtstrahl, kein Zeichen, kein Luftzug.

Kultcharakter hat Lugau spätestens seit dem Jahr 2019, als der faszinierende Dokumentarfilm „Lugau City Lights“ die Geschichte eines zunächst illegalen, später als FDJ-Jugendklub legalisierten New-Wave-Hotspots mitten im Niemandsland zwischen Berlin und Dresden, zwischen Spreewald und Braunkohle, nacherzählte.

Aufgeschrieben hatte sie einer der Initiatoren des Musikschuppens. Alexander Kühnes autofiktionaler Roman „Düsterbusch City Lights“ lag bereits dem Film zugrunde. Jetzt hat der Schauspieler und Regisseur Daniel Borgwardt ihn als Zwei-Darsteller-Stück zurück an den historischen Ort gebracht. „Das war damals eine heruntergekommene Konsum-Gaststätte“, erzählt Kühne der taz.

Zur Premiere der Theaterversion steht er so am Einlass, wie er auch in den 1980er Jahren als blutjunger Veranstalter dort gestanden haben mag. Das erste Konzert, listig als Polterabend der Schwester angemeldet, bestritt die lokale Punkband Kotzübel. Im Buch und im Stück heißt sie in feinerem Deutsch „Brechreiz“. Der Laden firmiert mittlerweile als Gaststätte Landei. Dort gibt es bezahlbares Bier und weiterhin Konzerte.

Das Stück

„Düsterbusch City Lights“: Landei Lugau, bis 12. April. Ab 25. April im Musikklub JAMM in Senftenberg

Glänzende Rollenwechsel

Und jetzt auch Theater. Richard Fuchs verkörpert mit jugendlichem Schmelz den Hauptprotagonisten. Lene Juretzka, als Clown verkleidet, allerdings mit um 90 Grad auf dem Kopf gedrehten Irokesenkamm eine schrille Hybride aus Punk, Cabaret und Drag, spielt all die anderen Gestalten. Sie ist mal Jugendkumpel Henryk, mal Mutter, mal Freundin, auch Polizist und Chef auf der Arbeit. Sie meistert die vielen Rollenwechsel glänzend. Ihre Clownsfigur entrückt die Geschichte auch etwas aus der streng biografischen Nacherzählung, in der Regisseur Borgwardt den Spieler Fuchs zuweilen gefangen hält.

Auch manch schräge Details gehen unter. Etwa dass der Wirt der einst heruntergekommenen Schänke dank der Subkulturevents so viel verdiente, dass er noch zu Ost-Zeiten von Trabi auf Citroën umsteigen konnte, wie Kühne draußen vor dem Gasthof erzählt. Aber die wilde Atmosphäre wird dennoch spürbar, auch weil die Zuschauer im einstigen Konzertsaal stehen. Immer mal wieder zucken auch kurz die Körper, wenn Songs von der Ska-Punk-Band Madness, den NDW-Heroen von Spliff oder Düsterrocker Alice Cooper erklingen.

Der Mix war Programm. Im Stück wird die einstige Szenerie als wohl nur in der ostdeutschen Provinz vor 1989 mögliche Mischung von sich sonst mit Verachtung gegenüberstehenden Jugendkulturen beschrieben: „Pettycoat-Röcke wechselten mit Anzügen, Popperlocken mit verschnittenen Iros, Glatzen mit Schmalztollen, Doc-Martens-Stiefel mit Grufti-Schnabeltretern.“

All das sorgt für feuchte Augen beim mal grauhaarigen, mal fahlblonden Zeitzeugenpublikum zur Premiere. Spannend wird, wie die heutige Jugend reagiert. Einige Schulvorstellungen in Lugau sind eingeplant. Für dieses Auditorium passt bestens der Abschlusssong: „Verschwende deine Jugend“ von den Tastenklempnern der NDW-Band DAF.

Kühne, der sich tagsüber als Waggonausfeger der sozialistischen Produktion weitgehend zu entziehen trachtete, abends aber Bands aus der ganzen Republik – inklusive der Westberliner Waltons – in sein Kaff brachte, verschwendete jedenfalls auf denkbar schönste Weise seine Jugend.

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