EU sorgt sich um Energie: Wie sich die Europäische Union auf eine neue Energiekrise vorbereitet
Vor dem EU-Gipfel in Brüssel werden die Rufe nach Notmaßnahmen lauter. Europaweit sind die Gasspeicher so wenig gefüllt wie noch nie zuvor.
Foto: Valentyn Ogirenko/reuters
Deutschland und die EU bereiten sich auf eine neue Energiepreiskrise und mögliche Versorgungsengpässe vor. Noch sei die Lage nicht so ernst wie zu Beginn des Ukrainekriegs 2022, hieß es nach einem Treffen der EU-Finanzminister in Luxemburg. Dennoch müssten sich Bürger und Unternehmen auf höhere Preise und mehr Inflation einstellen. Dies könne auch das Wachstum dämpfen.
EU-Ratspräsident António Costa hat das Thema auf die Tagesordnung des EU-Gipfels gesetzt, der am kommenden Donnerstag in Brüssel beginnt. Gefragt seien „gezielte und temporäre Maßnahmen“, um die Folgen steigender Energiepreise abzufedern, schrieb Costa in der Einladung zu dem Treffen, an dem auch Kanzler Friedrich Merz (CDU) teilnimmt. Die Beratungen könnten hitzig werden.
Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron hat Sofortmaßnahmen gefordert und vor Knappheiten gewarnt. Der EU-Kommission hat bereits zum Einsparen von Gas und Strom aufgerufen. Zudem hat die Brüsseler Behörde vorgeschlagen, die Methanverordnung für Öl-, Gas- und Kohleimporte aufzuweichen und die Umsetzung ein Jahr aufzuschieben. Das spare „zusätzliche Kosten in einer Krisenzeit“, sagte Kommissionschefin Ursula von der Leyen.
Die Gaspreise seien seit Ende Februar um 140 Prozent gestiegen, erklärte die CDU-Politikerin. Die Mehrkosten für importierte fossile Brennstoffe bezifferte sie auf 100 Milliarden Euro. Einige EU-Staaten wie Tschechien und Italien hatten eine dreijährige Schonfrist beim Methan gefordert. Zudem werden vor dem EU-Gipfel in Brüssel die Rufe nach weiteren Notmaßnahmen lauter.
Freigabe der Diesel-Reserven: nur kurzzeitige Entlastung
Die EU ist gleich mit mehreren Problemen konfrontiert. Zum einen steigen die Preise für Öl und Gas, weil die für die Energieversorgung wichtige Straße von Hormus immer noch umkämpft ist. Wegen des Preisschubs beim Diesel hatte US-Präsident Donald Trump die Europäer in der vergangenen Woche erfolgreich gedrängt, ihre Reserven freizugeben. Dies bringt jedoch nur kurzzeitig Entlastung.
Gleichzeitig leeren sich die Gasspeicher in rasantem Tempo – und das kurz nach dem Start der Heizperiode. Die Befüllung sei auf einem historischen Tiefststand angekommen, teilten die Gasnetzbetreiber mit. Normalerweise sollten die Speicher bis Anfang November zu 90 Prozent gefüllt sein – so die EU-Vorgabe. Derzeit sind es europaweit aber nur 72 Prozent, in Deutschland sogar nur 59 Prozent.
Ein Grund dafür ist, dass sich Import und Speicherung von Erdgas wegen der hohen Preise am Weltmarkt infolge des Irankriegs derzeit kaum lohnen. Ein Notstand drohe aber nicht, so die Versorger. Die europäische Infrastruktur sei wegen der Terminals für Flüssiggas (LNG) „ausreichend flexibel“, um niedrige Füllstände teilweise auszugleichen, teilte die Betreiberorganisation Entsog mit.
Zu einem anderen, beunruhigenden Ergebnis kommt ein US-Thinktank. Demnach drohe beim Gas eine Mangellage, die bis zu 12 Millionen Haushalte treffen könnte. Derzeit fehlten jährlich 14 Milliarden Kubikmeter an Erdgas, rund 7 Prozent des EU-Bedarfs, fand der US-Thinktank Institution for Energy Economics and Financial Analysis heraus. Außerdem warnen die Experten vor einer Preisexplosion.
Noch mehr verschärfen könnte sich die Lage, wenn die EU an ihrem für 2027 geplanten Importverbot für russisches Flüssiggas (LNG) festhält. Dann würden weitere 7 Milliarden Kubikmeter fehlen. Die EU hatte zuletzt wieder mehr LNG aus Russland importiert. Bei einem Stopp würde sich die seit 2022 zunehmende Abhängigkeit von teurem und schmutzigen Frackinggas aus den USA weiter erhöhen.
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