EMtaz: Kommentar EM-Start

Teilurlaub fürs Gehirn

Die EM beginnt in einer für Europa kritischen Zeit. Viele wenden sich ab. Dabei könnte sie auch ein Grund zur Erholung sein.

Fans drehen gerne mal durch: ein bisschen Contenance ist trotzdem geboten Foto: dpa

Erdoğan, AfD, Brexit, Idomeni, Eurorettung, Terrorismus, Rechtsruck, Flüchtlinge – Europa 2016 im Schnelldurchlauf. Und nun kommt die Fußball-EM. Seit dem Ende des Kalten Krieges war kein kontinentales Sportereignis mit mehr Problemen belastet als diese Europameisterschaft in Frankreich, wo derzeit ja auch heftig protestiert wird.

Das Turnier wird übrigens von einem Verband namens Uefa veranstaltet, dessen letzter Präsident Michel Platini „für sämtliche nationalen und internationalen Fußballtätigkeiten (administrativ, sportlich und anderweitig) gesperrt“ ist (O-Ton Ethikkommission). Seitdem ist der Posten unbesetzt.

Krise trifft auf Krise trifft auf Krise.

Ja, es gibt gute Gründe sich von diesem Turnier abzuwenden. Und es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass noch am Mittwoch – also zwei Tage vor dem Eröffnungsspiel – für eben jenes Match noch Eintrittskarten erhältlich sind. Oder dass der Trikotverkauf bislang schleppend laufen soll. Und es ist nicht schön, dass Nationalspieler jetzt schon ankündigen, aus Sorge um ihre Familien diese nicht mitnehmen zu wollen zu den Spielen.

Doch was brächte es, sich die Ohren zuzustopfen, die Augen zuzuhalten und sich von Fernsehern, Zeitungen, Internet und größeren Menschenansammlungen fernzuhalten? Nichts.

Es gibt gute Gründe sich vom EM-Turnier abzuwenden. Aber bringt das was?

Stattdessen müssen wir die großen Unterhaltungsshows in Europa – zu denen neben dem Fußball eigentlich nur noch der Eurovision Song Contest zählt – als das nutzen, was sie sind: extrem krisenfeste Bastionen. Hier kam Europa schon zusammen, als die eine Hälfte mit der anderen Hälfte eigentlich nicht zusammenkommen durfte. Hier schauen wir auf Länder, auf die wir sonst nie schauen (Albanien).

Zugegeben, das sind auch die Argumente der Verbände, um jede Kritik an deren Vergabepraxis (WM 2018 in Russland, WM 2022 in Katar) zu unterdrücken. Aber: Anders als es Uefa, Fifa und IOC wollen, muss die Einlassung auf ein Turnier nicht bedeuten, dass man zum völlig unkritischen Jubelkonsumvieh wird.

Nein, man muss ja nicht gleich sein gesamtes Hirn für einen Monat auf Standby schalten – aber ein bisschen Eskapismus powered by Uefa EURO 2016, da gibt's wahrlich Schlimmeres. Und, mal ehrlich: Wem tun ein paar Wochen Auszeit von der europäischen Dauerkrise nicht ganz gut?

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Seit 2008 bei der taz. Davor: Journalistik und Politikwissenschaft in Leipzig studiert. Dazwischen: Gelernt an der Axel Springer Akademie in Berlin. Mittlerweile: Ressortleiter tazzwei/Medien.

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