Drohnenangriff auf Lwiw: Unesco-Welterbe unter russischem Beschuss
Eine russische Drohne schlug Dienstag im historischen Stadtzentrum von Lwiw ein. Es gab 27 Verletzte, ein Wohnhaus neben der St.-Andreas-Kirche stand in Flammen.
Es war ein Novum für das westukrainische Lwiw: Zum ersten Mal seit Beginn des Krieges in der Ukraine hat Russland das historische Zentrum der Großstadt mit Drohnen angegriffen. Am Dienstagmittag traf eine russische Drohne vom Typ Shahed ein dreistöckiges Wohnhaus auf dem Gelände des historischen Bernhardinerklosters, während sich Hunderte Menschen in den umliegenden Straßen aufhielten.
Sie wurden Zeugen, wie die Drohne über eine Straße mit Universitäts- und Krankenhausgebäuden flog und dann ein Haus neben der St. Andreas Kirche traf – eine der bekanntesten und beliebtesten Kirchen der Stadt. Sie gehört zum architektonischen Ensembles des historischen Stadtzentrums, das bereits 1998 in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen wurde.
Eine Trümmerwolke fiel auf in der Nähe parkende Autos und den Markt, nur etwa 300 Meter vom Rathaus entfernt. Während die Rettungskräfte den Brand löschten und den Verletzten halfen, waren in der Stadt weitere Explosionen zu hören, wodurch die Zahl der Verletzten auf 27 stieg.
Erster Angriff auf das historische Stadtzentrum
„Lemberg wurde bereits Dutzende Male mit Raketen und Drohnen angegriffen, aber heute wurde zum ersten Mal das Stadtzentrum getroffen“, erklärte Bürgermeister Andrij Sadowyj gegenüber der taz und fügte hinzu, dass die Stadt begonnen habe, Informationen an das Unesco-Büro weiterzuleiten.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
„Die Welt soll wissen, dass Russland gezielt Wohnhäuser und Weltkulturerbestätten angreift. Das sind Barbaren“, betonte der Bürgermeister inmitten einer für dieses sonst so lebhafte Viertel ungewöhnlichen Stille.
Die meisten der historischen Glasfenster der Kirche, die aus dem frühen 17. Jahrhundert stammen, blieben dank der Holzpaneele, mit denen sie seit Beginn der Invasion geschützt werden, unversehrt. In einem benachbarten Wohnhaus hingegen wurden Dutzende Wohnungen zerstört.
Einwohner helfen sich gegenseitig
„Die Menschen sind unter Schock, aber konzentrieren sich jetzt gleichzeitig darauf, einander zu helfen“, sagt die 21-jährige Nastya Jufan. Mit einer Thermoskanne heißen Tees und einer Tüte Kekse ist sie zum Angriffsort gekommen, kaum dass der Luftalarm vorbei war, um den Anwohnern zu helfen.
„Trotz der Raketen und Angriffe ist Lemberg eine sehr schöne Stadt“, betont die junge Frau. Sie träume davon, dass ihre ausländischen Freunde einmal die Stadt besuchen und ihre Architektur bewundern können, die dank des jahrhundertelangen Zusammenlebens verschiedener ethnischer und kultureller Gruppen entstanden ist.
„Ich mache mir Sorgen, dass, je länger der Krieg dauert, immer mehr Schönes verschwindet und es immer weniger gibt, was sie sich dann anschauen können“, sagt Nastya.
Fast tausend russische Drohnen an einem Tag
Der Bürgermeister sagt, das Militär könne besser erklären, wie russische Drohnen überhaupt bis ins Stadtzentrum gelangen konnten. Die ganze Ukraine habe an diesem Tag einen der größten Angriffe des ganzen Krieges erlebt und fast tausend Drohnen abgewehrt, betont er.
Der Angriff am helllichten Tag kam für die Menschen in Lwiw etwas überraschend. Meistens gibt es nur nachts Luftalarm. Zwar gab es auch früher tödliche Raketenangriffe, doch allgemein wird Lwiw weit weniger häufig angegriffen als etwa Kyjiw oder die Städte im Osten, Norden und Süden der Ukraine.
Eine zerbrechliche Welt
„Für mich ist die Stadt wie ein Mensch. Und dieser Mensch wurde heute verletzt“, sagt die Englisch-Lehrerin Zoreslava Tarach, die während des Angriffs versuchte, sich in ihrer Wohnung möglichst weit weg von den Fenstern aufzuhalten und sich mit einem Podcast von den Explosionen abzulenken.
Zoreslava, 37, aus Lwiw
„Es tut mir weh, weil ich diesen Ort sehr liebe. Jetzt wird er davon zeugen, dass man nirgends mehr sicher ist, und dass die Welt, die ich kannte, sehr zerbrechlich ist“, erklärt sie ihre aktuelle Gefühlslage.
Zoreslava sieht die jüngsten Angriffe als Racheakt für die ukrainischen Angriffe auf die russische Ölinfrastruktur, vor allem aber als Versuch, die Bevölkerung zu demoralisieren: „Während wir ihrer Wirtschaft Schaden zufügen, betreiben die Russen Terror“, fasst sie zusammen.
Dennoch glaubt sie, dass solche Angriffe die Ukrainer nicht „brechen“ können und dass sie „keine andere Wahl haben, als zu siegen“. Schon am Morgen nach dem Beschuss waren wieder Dutzende Besucher in der Kirche, und auch die Blumenverkäufer auf dem benachbarten Markt waren wieder da.
„In all den Jahren hat Russland es nicht geschafft, uns richtig kennenzulernen, oder ist einfach nicht in der Lage, uns zu verstehen“, betont Zoreslava.
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert