Drogensüchtige in Coronakrise: Die Hotels wären frei

Für Drogenabhängige ist das Coronavirus lebensbedrohlich. Hilfseinrichtungen versuchen zu verhindern, dass sich die Lage verschlechtert.

Ein Mann spritzt sich Heroin

Drogensüchtiger in einem Druckraum in Frankfurt/ Main Foto: Markus Kirchgessner

FRANKFURT taz | Die Restaurants sind leer, Bars vergittert, Bordelle geschlossen. Das Vergnügungsviertel im Frankfurter Bahnhofsviertel liegt dieser Tage aufgrund der Coronakrise weitestgehend brach – nur die offene Drogenszene der Stadt ist weiterhin sichtbar, prägt das ansonsten menschenleere Straßenbild.

Für die Menschen in der Szene spitze sich die Lage zu, schreiben einige Angestellte der Integrativen Drogenhilfe (IDH) nun in einem offenen Brief, der einem Hilferuf gleicht. „Menschen werden auf der Straße sterben“, heißt es. Man befürchte, dass sich das Coronavirus „wie ein Lauffeuer im Bahnhofsviertel und darüber hinaus verbreiten“ könne, wenn nicht sofort gehandelt werde.

Nicht nur im Frankfurter Bahnhofsviertel, auch bundesweit sind drogenkonsumierende Menschen besonders gefährdet, einen lebensbedrohlichen Krankheitsverlauf bei einer Corona-Infektion zu erleiden. Durch Wohnungslosigkeit und den Konsum harter Drogen, oft durch Inhalation, ist das Immunsystem geschwächt, Vorerkrankungen der Lunge sind keine Seltenheit.

Der gesundheitliche Zustand vieler Konsumierender in Frankfurt sei schlecht, schildert Angela Grünzel, eine der Initiator*innen des offenen Briefs und Angestellte im Konsumraum der IDH. Einige Menschen hätten tagelang nichts gegessen, vielen würde derzeit die Finanzierung wegfallen. Im leeren Bahnhofsviertel fehle es den bis zu 400 Konsument*innen an Geld durch Passant*innen und Flaschensammeln, auch Prostitution sei kaum mehr möglich. In anderen Städten bricht der Verkauf von Zeitungen ein. Und auch die Beschaffungskriminalität falle weg. All das führe nicht nur zu Frust, sondern auch zu stetig wachsenden Gefahren für Gesundheit und Leben der Konsumierenden.

Engpässe bei der Schutzausrüstung

Die Integrative Drogenhilfe bietet im Frankfurter Stadtgebiet verschiedene Anlaufstellen, Unterkünfte und Hilfen für drogenabhängige und wohnungslose Menschen. Im Bahnhofsviertel betreibt sie etwa eine Einrichtung, in der saubere Spritzen ausgegeben und ein hygienisches Umfeld für den Drogenkonsum bereitgestellt wird. Medizinische Beratung wird ebenso angeboten wie Getränke und ein Platz zum Ausruhen oder Aufwärmen. Wie sind die Unterstützungseinrichtungen hier auf das sich schnell ausbreitende Coronavirus vorbereitet? Welche Schritte unternehmen insbesondere die deutschen Großstädte zurzeit?

Angela Grünzel berichtet der taz von Engpässen in der Versorgung mit Infektionsschutz, wie etwa Schutzkleidung oder Plastikvorrichtungen im Klientenkontakt. Die Abläufe der Konsumeinrichtung wären im Zuge der Coronapandemie bereits verändert, es gäbe etwa eine strengere Einlasskontrolle mit Sicherheitsabständen, mittlerweile wieder abgeschaffte Wartelisten für die Toilette und eine verringerte Anzahl an Konsumplätzen zum Infektionsschutz.

Die Maßnahmen würden zwar akzeptiert, bewirkten jedoch durch zeitweise lange Wartezeiten auch einen verstärkten Konsum auf der Straße. Eine Polizeistreife fordere per Lautsprecherdurchsage die bis zu 40 Konsumierenden vor der Einrichtung regelmäßig dazu auf, Abstand zu halten.

Die Konsumräume wurden von der Stadt Frankfurt mittlerweile mit Plastikschutz ausgestattet, für Mund-zu-Mund-Beatmung wurden entsprechende Masken angeschafft, die eine Übertragung des Virus verhindern sollen. Das Gesundheitsdezernat suche zudem nach einer Unterbringung für auf Corona positiv getestete wohnungslose Drogenabhängige und möglicherweise deren Kontaktpersonen. Es sei allerdings nicht leicht, hier einen Vermieter zu finden, der bereit sei, diese Personengruppen unterzubringen, teilt das Gesundheitsdezernat auf Anfrage der taz mit.

Abhängige ins 4-Sterne-Hotel?

„Wir dachten schon so eher ans Radisson Hotel“, entgegnet Grünzel auf eine Frage dazu und meint damit das leerstehende 4-Sterne-Hotel im Frankfurter Westen. Statt einer Unterbringung bereits infizierter wohnungsloser Drogenabhängiger fordert sie eine infektionssichere Unterbringung aller Wohnungslosen.

Dem hält das Gesundheitsdezernat auf taz-Anfrage entgegen. „Es ist leider auch nicht damit getan, ein leer stehendes Hotel zu mieten und zu glauben, damit sei das Problem gelöst“, so das Dezernat. Die Einrichtungen für Wohnungslose im Stadtgebiet hätten noch Platz, Einrichtungen der Drogenhilfe für Substitutionspatienten würden etwa Lunchpakete verteilen. Man beobachte stetig die Lage, so das Gesundheitsdezernat.

Drogen gibt es auf dem Markt derzeit noch, wie aus mehreren Großstädten zu hören ist. Dies könnte sich jedoch in absehbarer Zeit ändern, weil die Grenzen dicht sind. Drogenhilfen in ganz Deutschland befürchten steigende Preise und eine Zunahme gefährlicher Streckmittel. Aufgrund der wegfallenden Finanzierung fordert etwa die Aidshilfe den barrierefreien Zugang zu Substitutionsprogrammen, auch für Menschen ohne Krankenversicherung.

In Hamburg ist ein solches Angebot bereits geschaffen worden. Die Substitutionsambulanz Drob Inn in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs bietet seit Montag einen niedrigschwelligen Zugang zu Substitution durch Methadon, auch für Menschen ohne Krankenversicherung.

Geschlossene Grenzen = mehr gestreckte Drogen

Urs Köthner hält das für unabdingbar. Der Geschäftsführer des Vereins Freiraum macht akzeptierende Drogenarbeit in Hamburg, betreibt auch Konsumräume. „Es rächt sich jetzt, dass wir kein Drug Checking haben“, so Köthner und meint damit Tests im Labor, um Abhängige vor besonders gefährlichen, weil verunreinigten Präparaten schützen zu können. Mehr gestreckte Drogen auf dem Markt könnten bald zunehmend zu Problemen führen, etwa zu Überdosierungen, schweren Gesundheitsbeschwerden oder unkontrolliertem Entzug. Eine unbürokratische Substituierung müsse deshalb bundesweit her, forder Köthner, auch über Substitution für Kokainkonsument*innen müsse dringend gesprochen werden.

Auch Köthners Verein mangelt es mittlerweile an Schutzausrüstung. „Heute hätte ich die Einrichtung geschlossen, wenn die Lieferung nicht gekommen wäre“, sagt er im Gespräch mit der taz am Montag. Es gebe Engpässe in der Versorgung mit Infektionsschutz, wie Masken und Schutzanzüge. Der direkte Kontakt zu Gästen der Einrichtungen würde damit erschwert, auf Dauer sei man auf weitere Lieferungen angewiesen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

„Wir befinden uns gerade in einer relativen Entspannung auf Krisenniveau“, sagt Astrid Leicht, Geschäftsführerin des Berliner Fixpunkts, der taz. Auch sie berichtet von einem eingeschränkten Betrieb ihrer Angebote für Drogenabhängige in der Hauptstadt, man beschränke sich vor allem auf die Unterstützung eines infektionssicheren Konsums, etwa durch Spritzenautomaten in der Stadt oder durch Konsumräume. Medizinische Unterstützung oder gar soziale Arbeit sei derzeit nicht möglich. Auch hier sei die mangelhafte Ausstattung etwa mit Schutzmasken oder Desinfektionsmittel der Grund.

Der Fixpunkt hofft auf eine baldige Unterstützung durch entsprechenden Infektionsschutz, die Einrichtung wurde in Berlin wie in Hamburg als systemrelevant eingeordnet. Sofern die Unterstützung jedoch ausbleibt, müsse mit weiteren Einschränkungen gerechnet werden. Astrid Leicht und ihr Team werde sich jetzt „sortieren und vorbereiten auf die nächste Eskalation, dafür sind wir noch nicht optimal aufgestellt“.

„Die Situation ist hausgemacht“

Bei allen schlechten Nachrichten: In den Drogenszenen in Frankfurt, Berlin und Hamburg sind bisher keine Corona-Infektionen bekannt. Mitte März habe sich ein erster Infektionsverdacht als falsch herausgestellt, lediglich die mutmaßlich infizierte Person sei in Quarantäne gekommen.

Angela Grünzel aus Frankfurt hofft durch die Coronakrise auf eine grundlegende Debatte über die Drogen- und Suchtpolitik in Deutschland. „Die Situation ist hausgemacht“, sagt sie. Dass Drogen illegal sind und Konsument*innen und Süchtige damit kriminalisiert werden, räche sich in solchen Krisenzeiten. „Die Prohibitionspolitik gehört abgeschafft, denn sie hat die Leute in die Verelendung getrieben“, so Grünzel.

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